Ein Friedenspreis für ein Bündnis – „echt jetzt?“

Von unserem Autor Dr. Klaus Olshausen

Zusammenfassung

Der „Internationale Preis des Westfälischen Friedens“ für die Nordatlantische Allianz trifft auf große Zustimmung, auf Skepsis und auch deutliche Ablehnung. Jede Beurteilung muss, wie für mich selbst, mit dem Verständnis beginnen, dass Millionen Deutscher in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland ihr Leben über mehr als zwei Generationen ohne militärische Übergriffe der UdSSR mit Erfolg aufbauen konnten. Und die Schutzarbeit der Allianz schützt auch diejenigen, die sie kritisieren, pax christi übrigens auch. Die NATO ist tatsächlich die größte „Bewegung zur Friedenssicherung“.

Dr. Heribert Prantl dekuvriert seinen bestenfalls getrübten Blick mit der „Metzgerinnung und dem Vegetarierpreis“. Nachdem Herr Dr. Prantl und andere sich 2018 nicht negativ über denselben Preis für die baltischen Staaten, alle drei EU und NATO Mitglieder, geäußert haben, ist es mindestens merkwürdig, dass es nicht preiswürdig sein soll, wenn nunmehr 32 Länder der NATO wehrfähig der Sicherung des Friedens für ihre Länder und darüber hinaus dienen. Die Ziele und Verpflichtungen aus Artikel 1 und 2 des Vertrags durch „wirksame Selbsthilfe“ und mit „eigener und gemeinsamer Widerstandskraft gegen bewaffnete Angriffe“ zu schützen, hat über Jahrzehnte Frieden und Entwicklungschancen für die Mitgliedstaaten und weitere Länder in Europa gesichert. Die fragende Aussage „echt jetzt?“ ist zu beantworten mit „jetzt aber echt!“ Ein Preis, der gute Gründe hat.

Analyse

Der „Internationale Preis des Westfälischen Friedens“ für die Nordatlantische Allianz trifft auf große Zustimmung, auf Skepsis und auch deutliche Ablehnung. Meine Erkenntnis und Beurteilung beginnt mit einem Blick auf mein Leben.

13 Tage vor Ende des 2. Weltkriegs erblickte ich das Licht der Welt in Eisenberg in Thüringen, kurz danach Teil der sowjetischen Besatzungszone. Im Herbst 1946 floh meine Mutter mit vier Kindern in den Hochschwarzwald, wo die Mutter meines Vaters lebte, nun also in der französischen Besatzungszone. Für meine Mutter waren es schwierige, aufreibende Jahre, uns vier Kinder zwischen 5 und 1 ½ Jahren durchzubringen.

Dass sie als junges Mädchen Näherin gelernt hatte, bildete die Grundlage, es zu schaffen. Vor meinem vierten Geburtstag unterzeichneten drei westliche Besatzungsmächte und weitere neun Staaten eine Nordatlantische Allianz für Frieden und Freiheit. Und mit dem Erfolg der Luftbrücke für Westberlin 1948 bis 1949 hatten die drei Besatzungsmächte schon klargemacht, dass sie keine gewaltsame Änderung der Entscheidungen der Potsdamer Konferenz durch die UdSSR erlauben werden.

Unter dem Schirm dieser Staaten und der NATO als Organisation der Allianz konnte ich als Bub, als Schüler, Student und dann 41 Jahre als Soldat der Bundeswehr als Teil dieser Allianz in Frieden, Freiheit und einem demokratisch gebauten Staat mein eigenes Leben und das meiner Familie gestalten.

Ich erlaube mir, diese persönlichen Anmerkungen an den Anfang zu stellen, um Verständnis dafür zu schaffen, dass Millionen Deutscher in Westdeutschland und dann glücklicherweise seit 1990 auch in Ostdeutschland unter dem Schutzschirm dieser Nordatlantischen Allianz für Frieden, Freiheit, Recht und Wohlstand für sich selbst und gemeinsam ihr persönliches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben über mehr als zwei Generationen ohne politische oder gar militärische Übergriffe der Sowjetunion mit großem Erfolg in und für eine stabile Bundesrepublik Deutschland aufgebaut haben.

Deshalb war ich nicht überrascht, als die Juroren des „Internationalen Preises des Westfälischen Friedens“ gute Gründe sahen, nach über 77 Jahren erfolgreicher Schutzarbeit dieser Allianz für ihre Mitglieder und seit 1990 auch viele Partner die NATO am 1. Oktober mit diesem Friedenspreis auszuzeichnen. Ich brauche nicht die einzelnen Begründungen für den Preis zu wiederholen und auch nicht Elemente der Laudatio von Bundeskanzler Friedrich Merz aufzugreifen. Man kann und sollte sie nachlesen.

Ich will mich Argumenten, oft Parolen, zuwenden, die diese Preisverleihung an die Allianz ablehnen. Die erste und wichtigste Entgegnung folgt einem Grundsatz Voltaires zur Meinungsfreiheit. Es ist eben die Allianz, die den Menschen in ihren Mitgliedstaaten Schutz bietet, auch für kritische, ja gegensätzliche Aussagen und Handlungen, auch für Demonstrationen und „alternative Friedenspreise“. Dagegen waren die Menschen in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 unter der Sowjetunion und sogar im Warschauer Pakt eines Schutzes für eigene Gestaltung beraubt. Heute geschieht noch Schlimmeres durch Russland gegen die Ukraine, aber politisch und ökonomisch und mit militärischer Präsenz auch gegen die Republiken Moldau und Georgien.

Haben sich die Juroren „einen Scherz erlaubt“, wie pax christi Münster formulierte und dann ironisch, ja zynisch die „NATO mit 3,5 Millionen wehrbereiten Mitgliedern und 1,5 Billionen $ für Rüstung zur größten Friedensbewegung der Welt“ apostrophierte? Der Zynismus wird aber zur Wirklichkeit, wenn die NATO als die größte Bewegung zur Friedenssicherung erkannt wird. Dass dafür die seit der 2. Präsidentschaft von Donald Trump kriselnde Allianz transatlantisch neu gefestigt werden muss, ist für die zuverlässige Fortdauer dieser Friedenssicherung unerlässlich.

Ein angesehener Journalist und Publizist wie Dr. Heribert Prantl, gelernter Richter und Staatsanwalt, unterstreicht in einer Kolumne in der SZ seine Unkenntnis oder seine Missachtung des politischen Washingtoner Vertrags der Nordatlantischen Allianz vom 4. April 1949 mit der Provokation, dass dieser Preis für die NATO so sei, als ob „man die Metzgerinnung mit dem großen Vegetarierpreis auszeichnet“. Damit (dis)qualifiziert er sich in ähnlicher Weise wie diejenigen, die Soldaten unserer Bundeswehr Anfang der 90er Jahre mit den unqualifizierten Worten „Soldaten sind Mörder“ herabsetzten. Die Meinungsfreiheit deckte, nach Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, diese Worte. Aber sie dienten, wie Prantls Worte heute, einer „gesellschaftlichen Blase“, aber nicht einer sachlichen Erörterung der heutigen, leider seit Jahren kriegerischen Wirklichkeit in Europa.

Vor diesem Preis für die Staaten der NATO wurde er 2018 nur einmal einer „Gruppe von Staaten“ verliehen, den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Für diese Länder, die seit 2004 Mitglieder der EU und der NATO sind, war und ist in ihrer verwundbaren Lage als „Außenposten“ der Allianz das Eintreten für Frieden und Freiheit, für Unabhängigkeit und nationale Sicherheit Eckstein ihrer Innen und Außenpolitik. Diese Preisverleihung mit der Laudatio durch Bundespräsident Steinmeier traf damals auf große Zustimmung und erhielt viele positive Kommentare. Aber auch damals gab es Kritik aufgrund der Innenpolitik mit den russischen Minderheiten.

Wenn das Eintreten für geschützte gemeinsame Entwicklung eines freien Europas durch drei Staaten einen solchen Preis rechtfertigt, dann kann die Frage gestellt werden, warum es nicht oder weniger preiswürdig ist, wenn 32 Staaten der Nordatlantischen Allianz wehrfähig der Sicherung des Friedens in Freiheit für ihre Länder und darüber hinaus dienen.

Es werden nicht Soldaten und Waffen um ihrer selbst willen geehrt. Die Verpflichtungen und Ziele der Allianz für friedliche und freundschaftliche Entwicklung internationaler Beziehungen und der friedlichen Streitbeilegung in Artikel 1 und 2 des Vertrages bilden das Zentrum.

Um diese Aufgaben auch gegen mögliche Gegner zu sichern, verpflichten sich alle zu „wirksamer Selbsthilfe“ und „eigener und gemeinsamer Widerstandskraft gegen bewaffnete Angriffe“. Dies hat über Jahrzehnte Frieden und Entwicklungschancen für die Mitgliedstaaten und weitere Länder in Europa gesichert. Die fragende Aussage „echt jetzt?“ kann dann auch heißen „jetzt aber echt!“ Ein Friedenspreis, der gute Gründe hat.


Anmerkungen: Der Beitrag gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder.

Eine Stelle habe ich bewusst nur grammatikalisch geglättet, obwohl sie stilistisch etwas sperrig bleibt. Das betrifft „eines Schutzes für eigene Gestaltung beraubt“. Eine stärkere Änderung wäre bereits ein Eingriff in Olshausens Formulierung und damit über das reine Korrekturlesen hinausgegangen.

Bild: Fatih Güney/Pexels 

Soll Gaza in die NATO?

Sicherheitsforum unterstützt Politikunterricht

Von unserem Chefredakteur Rolf Clement

Man stutzt erst einmal, wenn ein Schüler der Jahrgangsstufe 10b des Bonner Aloisiuskollegs den Referenten mit der Frage konfrontiert. Kann man den Krieg in Gaza nicht einfach dadurch beenden, dass man Gaza in die NATO aufnimmt? Der Referent schluckt, aber dann erkennt er, dass der Schüler das verstanden hat, was in den letzten 70 Minuten an Informationen vermittelt wurde. Bei einem Unterricht über die NATO hat dieser Schüler verstanden, dass die Atlantische Allianz bisher erfolgreich Kriege und militärische Auseinandersetzungen für ihre Mitglieder verhindert hat, dass die NATO Aggressoren abschreckt. Gut, Gaza liegt nicht in dem Gebiet, das zu schützen die Mitglieder der NATO vereinbart haben, aber genau dies kann man jetzt auf der Basis des bisher Vermittelten deutlich machen. In der Parallelklasse, der 10a, fragt am nächsten Tag ein Schüler, ob nicht Israel in die NATO aufgenommen werden kann, um diesen Krieg zu beenden. Ob es da eine Interaktion gegeben hat, blieb unbeantwortet.

Als der Unterricht begann, wurde abgestimmt. Ein Drittel war pro NATO, zwei Drittel dagegen. Aber es wurde schnell klar, dass die NATO von vielen als ein Instrument der Kriegsführung angesehen wurde. Dieser Politikkurs war interessiert und hörte zu. Und auch für den Referenten war es eine Herausforderung. Es galt, die Grundlagen der NATO zu vermitteln, auch ihre Geschichte. Die Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Lehre aus dem Krieg. Es soll künftig nicht mehr möglich sein, dass ein Land alleine einen Krieg lostritt. Die Länder Westeuropas sollen sicherheitspolitisch so eng miteinander verbunden sein, dass ein kriegswilliges Land von den anderen eingebunden werden wird. Und man richtet die Politik und die Ausrüstung der Armeen auf die Aufgabe aus, das Territorium der Mitgliedstaaten gegen jeden Angriff verteidigen zu können.

Vielleicht war auch überzeugend, dass vermittelt wurde, dass der Wunsch des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die NATO solle ihn bei seinem Krieg gegen den Iran unterstützen, gerade dem Auftrag der NATO widerspricht und deshalb keine politische Option ist. Die Allianz führt keinen Krieg außerhalb des Territoriums der Mitgliedsländer. Der Angriff 2001 auf New York und Washington, den die Schüler nur aus dem Geschichtsunterricht kennen (sie waren 2001 noch gar nicht geboren), war der bislang einzige Fall, der zur Aktivierung der Beistandspflicht führte. Das war offenkundig ein Angriff auf das Mitgliedsland USA. Und auch ein Einsatz wie der in Afghanistan ist eigentlich keine Aufgabe für die NATO. Er sollte der Stabilisierung des Landes dienen, eine politisch richtige Absicht. Aber das müssten die Länder in Eigenverantwortung machen. So wird deutlich, wie eng der Auftrag der euroatlantischen Allianz gefasst ist.

Die Erfahrung aus 70 Jahren, dass kein Mitgliedstaat der NATO angegriffen worden ist, vom 11. September 2001 einmal abgesehen, zeigt, dass dieses Vertragswerk funktioniert. Es funktioniert aber nur dann, wenn jedes Land einen Beitrag dazu zu leisten bereit ist. Also brauchen wir zu solcher Friedenssicherung eine eigene Armee. Diese Argumentationskette hat überzeugt. Fast alle haben bei einer zweiten Abstimmung am Ende des Unterrichts für die NATO als wichtiges Instrument der Friedenssicherung gestimmt. Nur einzelne konnten nicht überzeugt werden.

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die gesellschaftliche Resilienz gegen eine sicherheitspolitische Bedrohung auch einer umfassenden Informationsarbeit bedarf. Das Sicherheitsforum Deutschland hat sich dabei immer wieder dafür ausgesprochen, dass auch in den Schulen diese Informationsarbeit geleistet werden muss. Die Jugendoffiziere der Bundeswehr leisten da eine sehr gute Arbeit. Diese wirkt auch deswegen, weil sie nicht für den Dienst in der Bundeswehr werben dürfen. Sie informieren über sicherheitspolitische Zusammenhänge. Aber die Bundeswehr hat zu wenige von diesen in der Regel sehr gut ausgebildeten Jugendoffizieren. Viele Schulen wollen auch keine Bundeswehrangehörigen als Dozenten. Da gibt es dann Bedarf.

Im Politikunterricht an den Schulen müssen viele Themen bearbeitet werden. Zentral ist die Erziehung zu demokratischen Grundsätzen und gegen Extremismus. Das muss ein Schwerpunkt bleiben. Und die Lehrer sind überfordert, wenn sie auf jedem Gebiet Experten sein wollen. Umso wichtiger ist es, dass für die sicherheitspolitische Information auch Angebote genutzt werden, die von außen kommen. Diese erregen dann auch mehr Aufmerksamkeit.

In Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsforum Deutschland hat das Bonner Aloisiuskolleg unmittelbar vor den Sommerferien in der Jahrgangsstufe 10 hierzu zwei Veranstaltungen durchgeführt. Diese Veranstaltungen verliefen sehr konstruktiv und informativ. Im jetzt begonnenen Schuljahr soll das wiederholt werden. Da ist ein Feld, das auch weiter beackert werden kann.

Bild: Alexs Fu, Pexels

Jahresempfang Sicherheitsforum Deutschland in Schloss Miel

„Sprechen Sie überall, auch bei privaten Terminen, über die Gefahren, denen wir uns ständig gegenübersehen.“ Mit diesem Appell an alle Teilnehmer des Neujahrsempfangs des Sicherheitsforums Deutschland in Schloss Miel bei Bonn beendete Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihre einstündige Rede, die sich entlang der zentralen sicherheitspolitischen Risiken unserer Zeit bewegte. Sie machte deutlich, dass Resilienz in Deutschland keine abstrakte staatliche Aufgabe ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, bei der jeder Einzelne Verantwortung trägt.

Vom Krieg in der Ukraine über die Diskussion um Grönland bis hin zur angespannten Lage im Nahen Osten spannte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europäischen Parlaments einen weiten Bogen durch die aktuellen Konfliktlinien. Sie thematisierte ebenso die strategische Bedrohung durch China, das sich weltweit gezielt in kritische Infrastrukturen wie Straßen, Flughäfen und Häfen einkauft, wie auch die Gefahr durch radikale Gruppen im Inneren. Europa, so ihre zentrale Botschaft, müsse politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch gestärkt werden, denn nur ein einiges und handlungsfähiges Europa könne gegenüber den Weltmächten Russland, USA und China bestehen. Zugleich unterstrich sie, dass Sicherheit nicht allein Aufgabe der Politik ist, sondern das Engagement jedes Menschen erfordert.

Die Veranstaltung fand am 29. Januar in Schloss Miel im Rahmen des ersten Jahresempfangs des Sicherheitsforums Deutschland statt und bildete zugleich den Auftakt der neuen Reihe „Sicherheitsgespräche Schloss Miel“. Der Abend war ausverkauft. Im Anschluss an die Rede hatten die Teilnehmer Gelegenheit, Fragen zu stellen, die die Referentin ausführlich und offen beantwortete. Auch beim anschließenden geselligen Beisammensein stand sie weiterhin für Gespräche und Diskussionen zur Verfügung, was den intensiven Austausch dieses Abends zusätzlich prägte.

Rolf Clement