Platzpatrone? Der neue Wehrdienst – Kabinett will ein kräftiges Zeichen setzen 


Ein Kommentar von Norbert Adam Froitzheim

Das Kabinett hat am 27. August 2025 beschlossen, ein Gesetz für die Einführung eines neuen Wehrdienstes ab 2026 einzuführen, der zunächst eine Freiwilligkeit vorsieht und mit höheren Soldzahlungen und eine verpflichtenden Musterung ab 2027 beinhaltet. „Sicherheit steht in der Agenda weit oben“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Pressekonferenz in Berlin. Es sei aber auch ein „starkes Signal aus Berlin an die europäischen Verbündeten, dass Deutschland ein handlungsfähiger Partner in der Nato ist“. Russland sei und bleibe eine Bedrohung.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ergänzte: „Es ist nicht irgendein Gesetz, es ist ein Riesen-Schritt nach vorne. Es muss nachhaltig und langfristig sein. Das Mindset bei jungen Männern und Frauen soll sich ändern.“ Und junge Männer und Frauen müssten sich entscheiden: „Ist mir das egal? Will ich Verantwortung übernehmen? Und wenn ja, an welcher Stelle?“

Die Bundeswehr benötigt etwa 80.000 zusätzliche aktive Soldaten. Aus den Ableitung der Natoziele ergibt sich nämlich für Deutschland eine Größenordnung von 260.000 Männern und Frauen in der stehenden Truppe, um einem potenziellen Angriff etwa Russlands auf Nato-Gebiet standzuhalten.

Unabhängig davon, dass hier ein Kompromiss als Lösung verkauft wird und es für viele Fachleute dringend geboten gewesen wäre, den Wehrdienst in seiner früheren Form wieder einzuführen, lohnt sich vielleicht ein Blick auf das, um was es wirklich geht. Darum zunächst einmal die Frage, was man mit einem Wehrdienst überhaupt bezwecken möchte. Es geht nämlich nicht darum, jungen Menschen in einer wichtigen Phase ihres Lebens die Zeit zu stehlen, sondern aus dem Pool der Wehrdienstleistenden Zeitsoldaten und Reservisten zu rekrutieren. Wenn die Bundeswehr also 80.000 zusätzliche aktive Soldaten braucht, dann stellt sich zunächst einmal die Frage, bis wann diese Soldaten denn fertig ausgebildet, ausgestattet und einsatzfähig sein sollen. Mit Blick des Kanzlers auf eine potenzielle russische Bedrohung bleiben wir im Ungefähren, wann diese Bedrohung denn real sein wird. Folgt man verschiedenen Spekulationen, dann könnte dies 2029 der Fall sein. Dies natürlich nur unter der Voraussetzung, dass Russland nicht früher auf die Idee kommen könnte, Narwa in Estland zu attackieren und damit nach Artikel 5 Natovertrag den Bündnisfall auszulösen. Da wäre nämlich möglicherweise so: Estland ruft Artikel 4, der Nordatlantikrat tritt zusammen und jedes NATO-Land entscheidet, wie es den Bündnisfall konkret unterstützt.

Ungeachtet der Frage, ob es dann tatsächlich zu diesem Bündnisfall käme, müsste sich eine ordentliche Ressourcenplanung mindestens auf 2029, wenn nicht auf 2027 einrichten. Es stellt sich dann allerdings die Frage, wie – und sieht man von einer Generalmobilmachung ab –  man bis zu diesen Zeitpunkt auf die Zahl von 80.000 neuen Soldaten kommen will. Wie viele junge Menschen müsste Deutschland einziehen, um 80.000 Zeitsoldaten auszubilden?

Zunächst die Basiszahlen: In Deutschland leben derzeit etwa 3,25 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Geht man davon aus, dass die ersten Jahrgänge ab 2026 eingezogen werden und bis 2030 fünf komplette Kohorten durchlaufen, ergibt sich die notwendige Grundgesamtheit an Rekruten.

Die entscheidende Variable ist die Konversionsrate. Eine Modellrechnung könnte wie folgt aussehen. So könnte erfahrungsgemäß etwa die Hälfte aller Wehrdienstleistenden den Dienst innerhalb des ersten Jahres abbrechen. Von den Verbleibenden entscheidet sich wiederum nur ein Teil für den Weg in die längerfristige Verpflichtung als Zeitsoldat („Conversion rate“). Historische Erfahrungswerte schwanken zwischen 10 und 25 Prozent, bei entsprechender Incentivierung vielleicht höher. 

Nimmt man als mittlere Annahme eine Quote von 20 Prozent, bedeutet dies: Von allen Einrückenden werden im Ergebnis nur rund 10 Prozent Zeitsoldaten (50 Prozent Durchhalten × 20 Prozent Konversion). Um also 80.000 Zeitsoldaten zu gewinnen, müssten insgesamt etwa 800.000 junge Menschen zwischen 2026 und 2030 einrücken, also rund 160.000 pro Jahr. Das entspräche knapp fünf Prozent der gesamten 18- bis 25-Jährigen oder nahezu 40 Prozent eines einzelnen Jahrgangs.

Je nach angenommener Quote verändert sich das Bild erheblich:

  • Bei nur 15 Prozent Konversion der Nichtabbrecher wären mehr als eine Million Einberufene nötig, also über 200.000 pro Jahr.
  • Bei 25 Prozent Konversion ließe sich das Ziel bereits mit rund 640.000 Einrückenden erreichen, also etwa 128.000 pro Jahr.

Die Spannbreite zeigt: Selbst unter optimistischen Annahmen müssten sich jährlich eine sechsstellige Zahl junger Männer und Frauen freiwillig zum Wehrdienst verpflichten, um das Ziel von 80.000 Zeitsoldaten bis 2031 zu erreichen. Das erscheint utopisch. Es ist zu befürchten, dass unsere Verbündeten in der Nato und auch unsere amerikanischen Freunde anders als wir selbst den Grundrechenarten mächtig sind. Es bleibt deswegen zu hoffen, dass man dem „starken Zeichen“, das Kanzler Merz an die anderen Nationen senden will, nicht so richtig ernst nehmen. Im Kreml wird der Schrecken über die Ankündigung der Regierung sicherlich in Grenzen halten. 

Und wenn Verteidigungsminister Pistorius sagt, dass sich „das Mindset bei jungen Männern und Frauen ändern soll“, dann scheint es dringend geboten, dass sich das Mindset erst einmal bei Minister Pistorius und seiner Partei ändern sollte. Einige Unionsabgeordnete wissen es ohnehin: Mit einem Ackergaul ist das Grand National nicht zu gewinnen. Eine gute Portion Pragmatismus und Realismus würde in Berlin für frische Luft sorgen. 

Norbert Adam Froitzheim ist 1. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland e.V.

Tiefe Einsichten ins Denken der Nato

Michael Rühle war mit seinem Vortrag „80 Jahre Hiroshima – Zur fortgesetzen Bedeutung von Kernwaffen in der internationalen Politik“ beim Sicherheitsforum Deutschland in Bonn zu Gast.

Seit dem Beginn des Nuklearzeitalters vor 80 Jahren ist die nukleare Abschreckung ein zentrales Element der internationalen Sicherheit. Zwar hat die Forschung im Laufe der Jahrzehnte ihre Grenzen aufgezeigt, doch, so betonte Michael Rühle in seinem Vortrag, seien alle Versuche gescheitert, diese durch eine vollständige Abschaffung der Nuklearwaffen zu überwinden. Kritiker mögen zwar eindringlich auf die Risiken der nuklearen Abschreckung verweisen, doch bieten sie nach Rühles Einschätzung keine glaubwürdigen Alternativen zur Sicherung des Friedens.

Rühle, seit über 30 Jahren Insider der NATO, setzte in der anschließenden Diskussion zudem markante Denkanstöße – insbesondere mit Blick auf die Interpretation der aktuellen Bedrohungslage Deutschlands.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war der Erlebnisbericht von Dr. Michael Klevenhaus, dem Gastgeber im Café des Kunstmuseums Bonn. Er schilderte seinen Besuch im Kibbuz Nir Oz, wo beim Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 zahlreiche Bewohner auf grausame Weise ermordet wurden. Initiiert durch die Solidaritätspartnerschaft Bergisch Gladbach – Nir Oz war Klevenhaus in das Zentrum der Gräueltat gereist, hatte die Verwüstungen und Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen und mit Überlebenden gesprochen. Ein Bericht, der tief bewegte.

Die Veranstaltung fand am 25. August 2025 im Café im Kunstmuseum in Bonn statt. Auf dem Bild: Axel Schwarz (Sicherheitsforum Deutschland), Dr. Michael Klevenhaus, Michael Rühle, Norbert Adam Froitzheim (Sicherheitsforum Deutschland), Rolf Clement (Sicherheitsforum Deutschland)

Krieg, Geiseln, humanitäre Katastrophe: Der Konflikt seit dem 7. Oktober 2023

Teil 2: Von den israelischen Kriegszielen über die Dynamik der Geiselverhandlungen und die humanitäre Krise in Gaza bis hin zu regionalen Eskalationen und völkerrechtlichen Kontroversen.

Von unserer Autorin Dr. Désirée Kaiser

Nach dem Hamas-Angriff: Beginn einer neuen Eskalationsstufe
Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 befindet sich der Konflikt in einer neuen Phase, die von massiver militärischer Gewalt, regionalen Spannungen und humanitären Verwerfungen geprägt ist. Israel reagierte mit einer umfassenden Offensive, deren Ziel es ist, die militärische Infrastruktur der Hamas zu zerstören, alle Geiseln zu befreien und seine Abschreckungsfähigkeit wiederherzustellen. Die Hamas wiederum setzt auf das Überleben ihrer Strukturen, nutzt Geiseln als Verhandlungsmasse und versucht, durch die internationalen Bilder des Kriegs Israels Legitimität zu unterminieren.

Militärische Phasen und Ziele
Die erste Phase war von intensiven Luftangriffen auf strategische Ziele, Tunnelsysteme und Kommandozentralen in Gaza geprägt. Es folgten Bodenoffensiven, die sich vor allem auf den dicht besiedelten Norden konzentrierten und eine massive Zerstörung hinterließen. Später setzte Israel zunehmend auf gezielte Spezialoperationen und Drohnenangriffe, um Kommandeure der Hamas auszuschalten. Diese Taktik führte zu einer Verschiebung von einem großflächigen Krieg hin zu einem Low-Intensity-Konflikt, der punktuell aufflammt, aber keine vollständige Befriedung bringt. Für die Hamas ging es darum, trotz der Zerstörung in Gaza handlungsfähig zu bleiben, ihre Kommunikations- und Angriffskanäle aufrechtzuerhalten und den Krieg politisch auszunutzen, um Druck auf Israel auszuüben.

Die Geiselfrage
Von Beginn an spielte die Geiselfrage eine zentrale Rolle. Die Hamas verschleppte Hunderte Zivilisten und Soldaten, darunter viele Frauen und Kinder, und nutzte sie als Hebel, um Feuerpausen und Gefangenenaustausche zu erzwingen. Unter Vermittlung Katars, Ägyptens und der USA kam es zu mehreren Verhandlungsrunden, bei denen begrenzte Waffenruhen vereinbart wurden. Diese Absprachen hatten neben der Geiselproblematik auch Auswirkungen auf humanitäre Hilfslieferungen, da Konvois nur während bestimmter Pausen Gaza erreichten. Doch jede Vereinbarung war fragil, da sie sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite auf Widerstand stieß: in Israel aus Angst vor einem Verlust der Abschreckung, auf palästinensischer Seite wegen interner Machtkämpfe.

Die humanitäre Krise
Die humanitäre Lage in Gaza verschlechterte sich rapide. Große Teile der Bevölkerung wurden zu Binnenflüchtlingen, viele verloren ihre Wohnungen und mussten in provisorischen Lagern ausharren. Krankenhäuser sind überlastet, der Zugang zu Wasser und Strom ist stark eingeschränkt, und Hilfsorganisationen warnen vor Hunger und Krankheiten. Die Blockade, die seit 2007 besteht, wurde durch den Krieg verschärft. Humanitäre Korridore stehen unter politischem und militärischem Druck; jeder Hilfskonvoi wird zum Streitpunkt zwischen Israel, den Palästinensern und internationalen Akteuren.

Völkerrecht und internationale Kritik
Die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 werden international als Terrorakte und als gravierende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht eingeordnet. Parallel dazu wächst die Kritik an Israels militärischem Vorgehen. Vorwürfe, die sich auf unverhältnismäßige Angriffe, hohe zivile Opferzahlen und die Zerstörung kritischer Infrastruktur beziehen, haben intensive Debatten im UN-Sicherheitsrat und vor internationalen Gerichten ausgelöst. Dabei stehen fundamentale Prinzipien des humanitären Völkerrechts im Fokus: insbesondere die Pflicht zur Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten sowie das Verbot kollektiver Bestrafung. Für sicherheitspolitische Beobachter stellt sich die Frage, wie militärische Notwendigkeit, Abschreckung und rechtliche Normen in einem asymmetrischen Konflikt wie diesem in Einklang gebracht werden können.

Eine regionale Eskalation
Parallel zum Gaza-Krieg kam es zu Spannungen an anderen Fronten. An der libanesischen Grenze führt die Hisbollah einen Stellungskrieg niedriger Intensität, während vom Jemen aus Huthi-Milizen Raketenangriffe auf Israel und den internationalen Schiffsverkehr im Roten Meer unternehmen. Der Iran agiert als zentraler Unterstützer der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad, was das Konfliktgeschehen in einen breiteren regionalen Machtkampf einbettet. Für arabische Staaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate bedeutet die Eskalation eine Herausforderung: Sie stehen zwischen dem Wunsch nach regionaler Stabilität und dem öffentlichen Druck ihrer Bevölkerungen, die palästinensische Sache zu unterstützen.

Informationskrieg und Radikalisierung durch Social Media
Neben der militärischen Eskalation tobt ein Informationskrieg. Bilder aus Gaza verbreiten sich in Echtzeit über soziale Medien, während Israel und Hamas um die Deutungshoheit kämpfen. Deepfakes, Propaganda-Videos und selektiv verbreitete Nachrichten erschweren es internationalen Medien, ein vollständiges und faktenbasiertes Bild der Lage zu vermitteln. Durch die Echtzeit-Übertragung ungefilterter und nicht überprüfbarer Bilder wurde der Konflikt bereits in einem frühen Stadium emotionalisiert. Live-Übertragungen und unterschiedliche Medienethiken führten zur intensivierten Emotionalisierung und in manchen Fällen zur Radikalisierung der Mediennutzer. Faktische Auswertungen und Übertragungen wurden aufgrund unterschiedlicher Medienethiken und verzögerter Berichterstattungen – ganz im Gegenteil zur Live-Übertragung – als Vertuschungsversuche degradiert und verloren nachhaltig an Glaubwürdigkeit.

Szenarien und Perspektiven
Die USA bleiben der wichtigste politische und militärische Partner Israels, drängen jedoch zunehmend auf humanitäre Zugeständnisse und eine klarere Definition der Kriegsziele. Auch die EU ist bemüht, humanitäre Hilfe zu koordinieren und politischen Druck auf beide Seiten auszuüben, verfügt jedoch über wenig direkte Einflussmöglichkeiten. Ägypten, Katar und die Türkei spielen Schlüsselrollen als Vermittler in den Verhandlungen über Geiseln, Hilfslieferungen und Feuerpausen.
Die Zukunft des Gazastreifens ist ungewiss. Diskutiert werden Modelle einer internationalen Übergangsverwaltung, einer Rückkehr der PA oder sogar einer erweiterten israelischen Sicherheitskontrolle. Alle Szenarien bergen erhebliche Risiken und erfordern umfangreiche internationale Unterstützung. Ohne eine klare politische Perspektive droht der Konflikt in einen weiteren Zyklus aus Gewalt, Wiederaufbau und neuerlicher Eskalation zu münden.

Der aus dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 resultierte Krieg ist Ausdruck einer strukturellen Krise, in der politische Blockaden, humanitäre Katastrophen und regionale Machtkämpfe ineinandergreifen. Ohne glaubwürdige Bemühungen um eine politische Lösung – etwa durch Sicherheitsgarantien, Re-Legitimation der palästinensischen Führung und internationale Governance-Modelle für Gaza – wird sich die Gewaltspirale weiterdrehen.

Dr. Désirée Kaiser ist Lehrbeauftragte am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und gründete Ende 2024 die Consulting-Agentur »Future Focus MENA«.