Russland in der Offensive – oder nervös?

Eine Lageeinschätzung von Dr. Klaus Olshausen (aktualisiert am 15. September 2025)

Zusammenfassung
Der russische Drohneneinsatz auf Polen bedeutet eine Steigerung der russischen Offensive auch gegen den „Westen“. Dass Polen den Artikel 4 des Nordatlantikvertrags aufgerufen hat, macht deutlich, dass Aktionen der Allianz, der EU und vor allem gemeinsam mit den USA geprüft, entschieden und durchgeführt werden müssen. Die Entscheidung für „Eastern Sentry“ zielt auf die Defensivaufstellung entlang der gesamten Ostgrenze der Allianz. Den ersten Maßnahmen soll eine Verstärkung in neuem Design folgen – dies alles bei gleichzeitig verstärkter Unterstützung der Ukraine. Neben den militärischen und politischen Maßnahmen sind auch die Sanktionen wirkungsvoller einzusetzen. Das Angebot scharfer Sanktionen der USA, insbesondere gegen den russischen Ölverkauf an Drittstaaten, wenn Europa sich von russischem Öl trennt und ebenfalls bereit ist, Drittstaaten wegen Öleinkaufs zu sanktionieren, sollte ernsthaft erwogen werden. Wenn die EU oder andere Staaten der NATO nicht zu extraterritorialen Sanktionen bereit sein sollten, wird nicht nur kein dringend benötigter Druck auf Russland und Putin erreicht und seine „Kriegskasse“ drastisch geschmälert, sondern zugleich das Verhältnis mit den USA und Präsident Trump in eine Schieflage gebracht oder erneut bis zum Zerreißen gespannt. Beides würde die Fortdauer des Krieges, das Leiden und Sterben der Ukrainer sowie gesteigerte Risiken und Gefahren für ein freies Europa bedeuten.

Analyse
Das Eindringen mit rund 20 Drohnen auch in die Tiefe des polnischen Luftraums markiert eine neue Stufe – höchstwahrscheinlich – russischer Offensive gegen den „Westen“. Die bisherigen Verlautbarungen aus Moskau und Minsk geben keinen überzeugenden Aufschluss. Mit dem Hinweis, dass diese Drohnen keine „Ziele in Polen“ angreifen sollten, räumt Moskau immerhin ein, dass es sich um russische Drohnen handelte.
Die Reaktionen der westlichen Regierungen verurteilten diesen Einsatz russischer Drohnen in klarer, aber unterschiedlicher Tonlage. Gleichzeitig unterstrichen alle die Solidarität mit dem Bündnispartner Polen – auch der amerikanische Botschafter der USA bei der NATO. Während Präsident Tusk einen Akt der Aggression verurteilte, sprachen andere (nur) von einer (rücksichtslosen) Verletzung des Luftraums. Auf der Skala lautete die Einordnung: Russland will testen (wen?), provozieren, angreifen.
Auf Ebene der Politik ist die Annahme plausibel, dass Putin damit auch aufblitzen lassen wollte, welche Register er zu ziehen bereit ist, wenn Sicherheitsgarantien für die Ukraine die Stationierung von Truppen aus NATO- oder EU-Staaten bedeuten würden.
In NATO und EU wird die politische Erkenntnis bestätigt, dass Putin keine Skrupel hat, aus dem seit Jahren bestehenden hybriden Krieg gegen den „Westen“ heraus zu testen, wie weit er in Richtung eines kinetischen Einsatzes gehen kann, ohne die geballte (Re-)Aktion von NATO und EU auszulösen, was er wahrscheinlich eher vermeiden würde.
Es ist deshalb mehr als berechtigt, dass Polen auf Grundlage von Artikel 4 des Nordatlantikvertrags sofortige Konsultationen im NATO-Rat gefordert hat. Denn die Unversehrtheit des Gebiets ist verletzt worden, und das bedroht offensichtlich die Sicherheit Polens. Präsident Tusk hat damit auch klar gemacht, dass er in dieser Lage (noch) keine Behandlung dieses Einsatzes unter Artikel 5 des Vertrags für erforderlich hält.
Es wird also für die Staaten in erster Linie darauf ankommen, nach einer detaillierten Untersuchung dieses russischen Vordringens im Luftraum (mit Bodenwirkung) eine gemeinsame politische und militärische Antwort zu geben, die mit politischen, militärischen und wirtschaftlichen Maßnahmen erstens diesen völkerrechtswidrigen Einsatz beantwortet und zweitens die Verbesserung der eigenen Verteidigungsfähigkeit der Streitkräfte und der Resilienz der Gesellschaft gezielt vorantreibt.
Strategisch gesehen sollte nun dem Letzten klar geworden sein, dass das kriegerisch-kinetische Vorgehen Russlands keineswegs auf die Ukraine begrenzt bleiben muss. Putins machtpolitischer Anspruch richtet sich auf Einfluss in ganz Europa. Aus diesem Grund und wegen der drastischen Verletzung des Völkerrechts ist es auch notwendig, dass die von Frankreich, Großbritannien und Polen geforderte Dringlichkeitssitzung des VN-Sicherheitsrats stattgefunden hat. Die amtierende VN-Botschafterin der USA, Dorothy Shea, kritisierte deutlich, das russische Verhalten untergrabe die Bemühungen für ein Ende des Krieges. Bedeutsam war auch ihre Aussage: „Sie können sicher sein, dass wir jeden Zentimeter des NATO-Territoriums verteidigen werden.“ Es bleibt abzuwarten, wie tragfähig solche Sätze unter einem Präsidenten Trump sein werden. Solche Sitzungen können auch genutzt werden, Aufmerksamkeit für den hybriden und kinetischen Krieg in Europa über die NATO- und EU-Staaten hinaus zurückzugewinnen und Maßnahmen zu dessen Beendigung vorzubringen.
Ohne eigenen Einblick in den Ablauf des russischen Angriffs und die durchgeführten Abwehrmaßnahmen von der Aufklärung über die Alarmierung bis zur Befehlsgebung und zum Waffeneinsatz ist Zurückhaltung mit Hinweisen von der Seitenlinie geboten. Allerdings lässt das „Trefferbild“ der Drohnen erkennen, dass einige den Luftraum bis auf die Höhe von Łódź und sogar Richtung Danzig durchqueren konnten. Bundeskanzler Friedrich Merz weist zu Recht darauf hin, dass bei der Luftabwehr gegen Drohnen, die in größerer Zahl angreifen, noch erhebliche Verbesserungen vom Sensor bis zur Wirkung im Ziel erforderlich sind. Positiv stimmt, dass der Einsatz zeigte, dass die integrierte NATO-Luftverteidigung mit multinationalen Kräften mehrerer Nationen in der Luft und am Boden zum Abwehrerfolg beigetragen hat.
Die Reaktion darf und wird keine rein polnische sein, sondern muss die NATO insgesamt sowie die EU und darüber hinaus Partner mit einbeziehen. Die Steigerung der Anti-Drohnen-Fähigkeiten ist offensichtlich. Hier kann schon jetzt vieles aus dem Alltagskrieg in der Ukraine ausgewertet und genutzt werden. Frühwarnung und Bekämpfung mit NATO-Kräften oder ähnlich der Koalition der Willigen auch auf die westliche Ukraine auszudehnen, kann Putin zeigen, dass man sich nicht einschüchtern lässt und sein Wirkungsfeld eingeschränkt wird. Dass Drohnen und Raketen erst in der Tiefe des eigenen Raums bekämpft werden, muss vermieden werden. Alle Planer werden wissen, dass neben dem Gesamtsystem der Abwehr auch alle Maßnahmen mitgedacht und vorbereitet werden müssen, um so rasch wie möglich alle Startplätze dieser Waffen ausschalten zu können.
Am Freitag, zeitgleich mit Beginn der russischen Truppenübung „Sapad“, haben NATO-Generalsekretär Mark Rutte und SACEUR General Alexus G. Grynkewich, Kommandeur des U.S. European Command und NATO Supreme Allied Commander Europe, eine erste militärische Antwort vorgestellt. Die Maßnahme zielt auf die Defensivaufstellung an der gesamten Ostgrenze der Allianz. Die Operation „Eastern Sentry“ wird die bereits angekündigten und ausgelösten Verstärkungen für Polen mit einem „neuen Design“ für alle Anstrengungen vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer verknüpfen. Dabei wird das Allied Command Transformation in Norfolk zügig Maßnahmen zur Verbesserung des Drohneneinsatzes und der Drohnenabwehr vorschlagen.
Die von Generalsekretär Rutte angekündigte Klarheit und Besonnenheit der NATO-Reaktion darf bei Putin keine falschen Hoffnungen auf die Ängste der westlichen Gesellschaften schüren, die ihm seine destabilisierenden und kinetischen Angriffshandlungen ermöglichen. Derzeit fühlt Putin sich stark genug, auch den westlichen Staaten mit militärischen Mitteln anzuzeigen, was eine Truppe der Koalition der Willigen in der Ukraine und deren Länder zu gewärtigen hätten.
Ebenso wichtig wie alle militärischen Überlegungen sind die wirtschaftlichen Maßnahmen gegen Russland. Jetzt gilt es, verstärkte Sanktionen zu beschließen und durchzusetzen, die schon viel zu lange diskutiert werden – gegen alles, womit Putin seine „Kriegskasse“ füllt und so, bei hinhaltender Reaktion auf Waffenstillstandsfragen oder gar Verhandlungen, den Krieg gegen die Ukraine massiv zu Lande und aus der Luft fortsetzen kann und wird.
Seit Samstag können die Regierungen der Unterstützer in Europa zeigen, wie stark sie ein gemeinsames Handeln mit der jetzigen US-Administration voranbringen wollen. Seit Monaten haben sie Trump vorgeworfen, seine Ankündigungen von Sanktionen – auch gegen Drittstaaten – immer wieder nicht auszuführen. Mit seinem Vorschlag in einem Brief an die NATO und ihre Mitgliedstaaten müssen sie nun selbst Farbe bekennen. Trump fordert Europa und Partner auf, selbst kein russisches Öl und Gas mehr zu kaufen, aber auch die Hauptkäufer außerhalb von NATO und EU mit Zöllen zu belegen, um deren Öl- und Gaskäufe aus Russland drastisch zu reduzieren oder zu beenden. In diesem Fall will er entsprechende Sanktionen gegen Drittstaaten einsetzen. Hier werden die europäischen Staaten insbesondere mit ihrer bisherigen Indien- und China-Politik vor einschneidende Entscheidungen gestellt. Denn die bloßen Appelle an Indien und China, auf Russland einzuwirken, haben bisher weder zu deren mäßigendem Einfluss auf Russland noch zur Beendigung des Krieges geführt. Wenn die EU – wie Frau von der Leyen in Straßburg wiederholt hat – oder andere Staaten der NATO nicht zu extraterritorialen Sanktionen bereit sein sollten, wird nicht nur kein dringend benötigter Druck auf Russland und Putin erreicht, sondern zugleich das Verhältnis mit den USA und Präsident Trump in eine Schieflage gebracht oder erneut bis zum Zerreißen gespannt. Dies würde die Fortdauer des Krieges, das Leiden und Sterben der Ukrainer sowie gesteigerte Risiken und Gefahren für ein freies Europa bedeuten.

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

Narva – Brennpunkt europäischer Sicherheit

Ein Schauplatz großer Machtverschiebungen

Narva, die östlichste Stadt Estlands, liegt direkt am Grenzfluss zu Russland. Wer am Ufer steht, erkennt sofort die Symbolik dieses Ortes: Auf der einen Seite erhebt sich die Hermannsfeste, auf der anderen das russische Iwangorod. Zwei Burgen, die sich seit Jahrhunderten gegenüberstehen – Sinnbilder für das fortwährende Ringen zwischen Ost und West.

Historisch war Narva immer ein Schauplatz großer Machtverschiebungen. Schon im Mittelalter stritten Dänen, Schweden und Russen um die Stadt. Im Großen Nordischen Krieg 1700 erlitt das russische Heer eine vernichtende Niederlage gegen die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Schweden. Doch nur vier Jahre später nahm Zar Peter I. Narva ein und sicherte Russland damit den Zugang zur Ostsee. Diese wechselvolle Geschichte zeigt, dass Narva stets mehr war als eine regionale Festung – es war ein geopolitischer Schlüsselpunkt.

Heute hat Narva erneut eine besondere strategische Bedeutung. Der Fluss markiert nicht nur die Staatsgrenze zwischen Estland und Russland, sondern auch die Außengrenze von NATO und EU. Damit wird die Stadt zu einem Testfall für die Verteidigungsfähigkeit des Westens. Narva ist mehrheitlich russischsprachig – ein Faktor, den Moskau in hybriden Szenarien gezielt instrumentalisieren könnte.

Professor Carlo Masala beschreibt in seinem Buch „Wenn Russland gewinnt“ ein Szenario, in dem russische Kräfte Narva in einer nächtlichen Operation besetzen. Der Schritt hätte weitreichende Folgen: Die NATO stünde vor der Frage, ob und wie sie ihre Beistandsverpflichtung einlöst. Narva würde damit zum Kristallisationspunkt eines Konflikts, der weit über die Stadt hinausweist – vergleichbar mit den Schachzügen im Kalten Krieg, nur unter den Bedingungen moderner hybrider Kriegsführung.

Die Lehre ist klar: Narva ist nicht nur ein malerischer Ort an der Ostsee, sondern ein geopolitischer Brennpunkt. Wer die Bedeutung von Narva versteht, begreift zugleich die Fragilität europäischer Sicherheit. Die Burgen am Fluss sind nicht nur Relikte der Geschichte – sie sind Mahnmale für die Gegenwart.

Unser Leser Jochen Witt hat Narva besucht und uns die Bilder zur Verfügung gestellt. Danke dafür.

Zwischen Frohsinn und Tristesse – Wie sieht es mit der Sicherheit in Köln aus? 

Ein Interview mit Volker Görzel, Kandidat der FDP für die Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Köln  

Mit Spannung wird das Ergebnis der Kommunalwahl in Köln erwartet, der viertgrößten Stadt Deutschlands. Seit Wochen kämpfen die Kandidaten um die Nachfolge von Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt. Diese hatte noch vor wenigen Wochen die Verwahrlosung in der Stadt beklagt und dabei viel Zuspruch, aber auch heftige Kritik einstecken müssen. Fest steht, dass den künftigen Oberbürgermeister der rheinischen Metropole, die für ihren Frohsinn bekannt ist, immense Probleme erwarten. Eines dieser Probleme ist neben der von Reker angesprochenen Verwahrlosung des öffentlichen Raums der Drogenhotspot Neumarkt. Mitten in der Stadt, sozusagen sichtbar für alle, hat sich die Drogenszene niedergelassen. Gewerbetreibende und Geschäftsinhaber beklagen seit geraumer Zeit die unhaltbaren Zustände. Das ist jedoch nur eines der großen Probleme der Stadt, in der das subjektiv empfundene Sicherheitsgefühl der Bürger in den Blick genommen werden muss. Nicht erst seit der Silvesternacht 2015, in der mehr als 600 Frauen Opfer sexueller Straftaten wurden, besteht hier dringender Handlungsbedarf. Das Thema „urbane Sicherheit“ muss großgeschrieben werden. Wie man dem begegnen kann, darüber gehen die Meinungen in den Parteien im Kölner Rat auseinander. Volker Görzel, OB-Kandidat der FDP, führt seit Wochen einen Wahlkampf, der die Probleme der Stadt klar benennt.

Herr Görzel, Sie sind mitten im Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters in Köln stark gefordert. Erinnern Sie sich noch an die Vorkommnisse am 5. Februar 2020? Was genau ist damals geschehen?
Daran erinnere ich mich noch sehr genau. In Thüringen wurde Herr Kemmerich auch mit den Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt. Dies hat ein politisches Empörungsbeben ausgelöst, das bis Köln spürbar war. Linke Gruppen/Antifa stürmten daraufhin im Kölner Rathaus eine Sitzung der FDP-Fraktion. Einzelne Fraktionsmitglieder wurden bedroht und genötigt. Die FDP-Geschäftsstelle wurde in den Folgetagen Opfer von Sachbeschädigungen. Der Staatsschutz empfahl den Mitarbeitern der Geschäftsstelle, von zu Hause aus zu arbeiten.

Stimmt es, dass linksextreme Gruppen, die in Köln aktiv sind, von Politikern eines anderen Lagers sogar öffentlich aufgefordert wurden, das Büro Ihrer Partei „zu besuchen“?
Ja, das trifft zu. Über Facebook haben grüne Lokalpolitiker dazu aufgerufen.

Haben Sie persönlich weitere Erfahrungen mit extremen Drohungen oder Übergriffen in Köln gemacht? Wie gehen Sie als Demokrat mit solchen Angriffen auf das politische Engagement um?
Ja, ich habe öfter schon Bedrohungen von links, aber auch von rechts, bekommen. Der Stand der FDP auf dem CSD in diesem Juli musste nach Übergriffen, besser Angriffen, von linken Gruppierungen vorzeitig aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Oder nehmen wir das letzte Wochenende: Da wurde die SPD-Zentrale in Köln von linken Gruppen aus dem „Anti-Rheinmetall-Camp“ mit Farbe beschmiert.

Besonders brisant ist der Beschluss des Rates, ein linksautonomes Zentrum mit ca. 1,2 Mio. Euro aus städtischen Mitteln zu fördern – obwohl dort unter anderem auch gewaltbereite Gruppen verankert sind. Währenddessen wurden anderen Projekten, die demokratisch wertvolle Arbeit leisten, die Zuschüsse gekürzt. Können Sie schildern, wie es zu diesem Beschluss kam?
Seit vielen Jahren wird das Autonome Zentrum in Köln seitens der Stadt Köln unterstützt. Aufgrund von Baumaßnahmen muss das Autonome Zentrum von der Luxemburger Straße nach Kalk in eine von der Stadt Köln zur Verfügung gestellte Immobilie umziehen. Dieser Umzug nebst Renovierung des neuen Gebäudes kostet 1,2 Mio. EUR. Aufgrund eines Ratsbeschlusses zahlt dies der Kölner Steuerzahler.

(In Wikipedia in folgender Eintrag zu finden: Das Autonome Zentrum Köln steht immer wieder in der Kritik. Als Vernetzungspunkt der Linken Szene wird dem Autonomen Zentrum oftmals eine fehlende Abgrenzung zu gewalttätigen Ereignissen und linksextremistischem Gedankengut vorgeworfen. Dies geschieht mitunter auch durch Parteiinitiativen. Oftmals erfährt das Hausbesetzerkollektiv allerdings auch positive Rückmeldungen und wird als Nachbar willkommen geheißen. Sogar die CDU, wenn sie auch nicht zum Klientel des linkspolitischen Projekts gehört, spricht sich für das AZ aus, da es „eine Bereicherung der Vielfalt Kölns darstellt“. Aufgrund der Position des Zentrums im Kontext der Hausbesetzungen kommt es häufig zu Aufeinandertreffen und Streitgesprächen bezüglich der Art des Fortbestehens des AZ. https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomes_Zentrum_Köln)

Wenn ich Sie richtig verstehe, war Ihre Fraktion die Einzige, die gegen diesen Antrag gestimmt hat?
Ja, wir haben dagegen gestimmt. Wir haben sogar in diesem Juli im Stadtrat noch einmal beantragt, die 1,2 Mio. statt ins Autonome Zentrum in die Jugendarbeit zu investieren. Leider wurde der Antrag abgelehnt.

Glauben Sie, dass solche Beschlüsse langfristig das Vertrauen der Bürger in die Politik der Stadt beschädigen?
Das kann schon sein. Allerdings möchte ich betonen, dass in politischen Prozessen eins mit dem anderen zusammenhängt. Einzelne Beschlüsse herauszunehmen und anzuprangern, kann dann auch leicht zu Verzerrungen oder bestimmten Framings führen.

Der Neumarkt gilt seit Jahren als Drogenhotspot Kölns. Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Da müssen wir differenzieren: Einerseits hat die Koalition im Stadtrat aus Grünen und CDU zu lange weggeschaut. Es wurde ausschließlich auf Unterstützung für die Drogenkranken gesetzt. Andererseits hat sich durch „neue“ Drogen wie Crack die Situation in den letzten zwei Jahren massiv verschärft.

Viele Bürger haben den Eindruck, dass diese Situation von der Politik hingenommen oder gar gewollt ist. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja. Für große Teile der Kölner Parteien ist der Begriff „repressive Maßnahmen“ Teufelszeug.

Welche direkten finanziellen Belastungen entstehen der Stadt durch die Zustände am Neumarkt (Polizei, Sozialarbeit, Reinigung etc.)?
Das ist schwer zu beziffern. Zu den Kosten für die Unterstützungsmaßnahmen, die alle richtig und wichtig sind, kommen natürlich Sekundärkosten wie Umsatzverluste bei Einzelhändlern etc.

Alle Parteien betonen derzeit, sich am sogenannten Zürcher Modell orientieren zu wollen. Wie realistisch ist eine konsequente Umsetzung in Köln nach der Kommunalwahl?
Das hängt von den Mehrheiten ab. In der Sitzung des Stadtrates vom 4. September wurde ja noch einmal deutlich, dass es bei den politischen Parteien unterschiedliche Akzentuierungen bei dem Begriff „repressiv“ gibt. Grüne, Volt, Linke wollen das schlicht nicht.

Sehen Sie andere europäische oder deutsche Beispiele, von denen Köln lernen könnte?
Auch in Wien gibt es gute Ansätze. Dortmund geht einen eigenen Weg. Frankfurt am Main steuert gerade um. Das hängt auch von städtebaulichen Gegebenheiten ab.

Sicherheit hat immer zwei Dimensionen: objektive Fakten und das subjektive Empfinden der Bürger. Wie sehen Sie diese Unterscheidung im Kölner Kontext?
Ohne Zweifel: Die „gefühlte“ Unsicherheit hat zugenommen.

Welche gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen haben nach Ihrer Einschätzung dazu geführt, dass Köln heute in Teilen als unsicher empfunden wird?
Die scheidende Oberbürgermeisterin hat zu Recht diese Diskussion unter dem Oberbegriff „Verwahrlosung“ zusammengefasst.
Es geht im Kern immer um die gleiche Frage: Sehen wir Köln als dynamische, wachsende Metropole mit Strahlkraft? Oder soll es ein ideologiegetriebenes Veedelsdorf mit Schmuddelcharme sein? Ich stehe für die erste Variante.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die urbane Sicherheit in Köln in den kommenden fünf bis zehn Jahren?
Wir müssen in Köln einen breiten Schulterschluss aller sicherheitsrelevanten Akteure hinbekommen: Politik, Polizei, Verwaltung – eigentlich mit der ganzen Stadtgesellschaft. Zürich zeigt uns, dass wir eine sichere Stadt nur hinbekommen, wenn es eine Art „Vertrag“ darüber gibt, der von allen Playern einer Stadtgesellschaft getragen wird. Das ist ein spannender Prozess, der zwar Leadership erfordert, sich aber am Ende lohnt.

Welche konkreten Maßnahmen würden Sie als Oberbürgermeister sofort anstoßen, um das Sicherheitsgefühl der Kölner Bürger zu stärken?

  1. Mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt
  2. Saubere KVB – die KVB ist weder Kneipe noch Drogenkonsumraum
  3. 24/7-Wache auf dem Neumarkt

Lieber Herr Görzel, ich danke Ihnen für das Gespräch. Das Gespräch führte Norbert Adam Froitzheim.

Zum Themenschwerpunkt:  „Urbane Sicherheit“ ist weit mehr als die Abwesenheit von Kriminalität. Sie bildet ein zentrales Fundament gesamtgesellschaftlicher Resilienz, also der Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen zu überstehen, ohne in dauerhafte Instabilität abzugleiten. Gerade in Ballungsräumen, in denen ein Großteil der Bevölkerung lebt und wirtschaftliche wie kulturelle Knotenpunkte liegen, entscheidet das Sicherheitsgefühl der Bürger über Vertrauen in Institutionen, über soziale Kohäsion und letztlich über die Stabilität demokratischer Strukturen.

Wenn öffentliche Räume als unsicher gelten, wenn Drogenhandel oder Gewalt sichtbar den Alltag prägen, sinkt nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch die Bereitschaft zur aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein solches Klima begünstigt Rückzug, Misstrauen und Parallelstrukturen – Faktoren, die die Widerstandskraft einer Gesellschaft unterminieren.

Umgekehrt stärkt eine konsequent gestaltete urbane Sicherheit die Resilienz: Sie ermöglicht Mobilität, wirtschaftliche Entfaltung, kulturellen Austausch und stärkt das Vertrauen der Bürger in den Staat. Prävention, eine sichtbare und präsente Polizei, städtebauliche Maßnahmen zur Vermeidung von Angsträumen sowie die Einbindung von Zivilgesellschaft und Wirtschaft sind hierbei entscheidend. Urbane Sicherheit wirkt damit wie ein Multiplikator: Sie schützt nicht nur den Einzelnen, sondern stabilisiert das Gemeinwesen insgesamt.

Volker Görzel ist Fachanwalt für Arbeitsrecht. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität zu Kiel, der University of Surrey (UK) sowie der University of Chicago. Seit seiner Zulassung als Rechtsanwalt im Jahr 2000 ist er nach Tätigkeiten als Mitarbeiter einer internationalen Großkanzlei und Partner einer mittelständigen Sozietät seit 2011 Gründungspartner von HMS.Barthelmeß Görzel Rechtsanwälte. Görzel ist ist Oberbürgermeisterkandidat undFraktionsvorsitzender der Freien Demokraten Köln und Wahlkreiskandidat für Köln-Niehl und Longerich.