Beenden – Unterstützen – ohne Stoppen?

Ein Kommentar von unserem Autor Dr. Klaus Olshausen

Zusammenfassung

Das winterliche Leiden der Menschen in der Ukraine verstärkt eher den Ruf, „das Töten zu beenden“, als die Luftverteidigung drastisch zu steigern und endlich weitreichende Waffensysteme verfügbar zu machen. Putin kann so Verhandlungsbereitschaft simulieren und die Ukraine weiter zerbomben. Selenskyj hat am Vergleich mit den wenigen Soldaten in Grönland klargemacht, wer zu wenige Mittel einsetzt, kann gegen den Aggressor nicht gewinnen. Da Putin strikt an seinen Zielen festhält, könnten die „Unterstützer“ eher Zugeständnisse vom Opfer fordern, um „das Töten zu beenden“. Richtig wäre, derart wirksame Sanktionen und massive Unterstützung des Opfers einzusetzen, dass der Aggressor einlenken muss. Außerdem ist der Kampf gegen den Imperialisten Putin mit einer starken, freien Ukraine wirkungsvoller zu bestehen als direkt an den eigenen Grenzen.

Ohne eine solche umfassend tatkräftige Unterstützung wird der Krieg andauern, Putin Verhandlungsbereitschaft simulieren und der „Westen“ den Eindruck vermitteln, „bis zum letzten Ukrainer“ das freie Europa zu verteidigen. Eine solche von Selenskyj als „Groundhog Day“ charakterisierte Entwicklung können und müssen Europa und Amerika verhindern.

Analyse

Seit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten steht das „Beenden des Tötens“ im Aggressionskrieg Putins vor der Entschlossenheit, Putins Russland zurückzuweisen, wenigstens zu stoppen. Auch die Unterstützung orientiert sich nicht mehr am Kampf für einen wenigstens fairen Frieden, sondern knapp am Überleben der Ukrainer.

Im vierten Winterkrieg zeigen uns die Fernsehbilder das Leiden der Menschen in der Ukraine jeden Tag und vor allem jede Nacht unter dem Drohnenregen und den gezielten Raketentreffern. „Wir“ sind erschüttert und entsetzt, auch wütend, aber das führt weder zur notwendigen massiven Steigerung der Unterstützung in der Luftverteidigung und ausreichender Hilfe bei der Energieversorgung für alle noch zu der viel wirksameren Lieferung weitreichender Waffensysteme in hinreichender Anzahl, damit Startplätze von Drohnen und Raketen und deren Produktionsstätten ausgeschaltet werden.

Statt dies mit mutiger Entschlossenheit voranzubringen, folgen wir der allgemein zunehmenden Stimmung in unseren Ländern, dass das „Töten ein Ende haben muss“.

Während das Opfer der Aggression seit einem Jahr der Forderung Trumps nach einem bedingungslosen Waffenstillstand zustimmt, simuliert Putin Verhandlungsbereitschaft und nutzt die verhaltene Unterstützung Europas und der Partner, um auf dem Schlachtfeld, wenn auch verlustreich, voranzukommen und die Zerstörung und Zermürbung der Menschen aus der Luft brutal fortzusetzen. Das unterstreichen die Angriffe während der Verhandlungstage in Doha seit dem 23. Januar markant.

Am Beispiel der „militärischen Mission“ von Europäern in Grönland machte Selenskyj in Davos klar, dass derjenige, der Russland in Europa stoppen will, nichts erreicht, wenn er unzureichende Mittel einsetzt. Das können alle schon vier Jahre lang beobachten. Nicht nur, dass die Unterstützung nicht ausreicht, um Russlands Krieg zu stoppen. Die westlichen Staaten konnten sich noch nicht einmal über den Ort, das Personal und den Auftrag für das Sondertribunal über die russische Aggression einigen, während der illegitime Präsident Maduro jetzt in New York vor Gericht steht.

Die Staaten, die die Ukraine für einen „dauerhaften und gerechten Frieden“ unterstützen wollen, müssten längst erkannt haben, dass Putin an seinen Gesamtzielen in der Ukraine und in Europa festhalten wird, wenn er nicht militärisch, wirtschaftlich und politisch zur Erkenntnis gebracht oder gezwungen wird, dass er gegen die Ukraine und das freie Europa nicht gewinnen kann und seine Reconquista-Pläne aufgeben muss.

Solange „das Beenden des Tötens“, unabhängig von Opfer und Täter, Überlegungen und Handeln bestimmt, ist seit Monaten für jedermann klar erkennbar, dass Putin bei begrenzter Unterstützung des „Westens“ für die Ukraine weiter beurteilt, mit seiner „militärischen Spezialoperation“ sein ehrgeiziges Ziel, die Ukraine zu unterwerfen, noch erreichen zu können.

In diesem Zusammenhang gerät oft aus dem Blick, dass alle Überlegungen und Entscheidungen zu Sicherheitsgarantien ja erst wirksam werden können und sollen, wenn der Krieg, hoffentlich zugunsten des Opfers, beendet sein wird.

Seit dem Amtsantritt von Donald Trump steigen bei einer Reihe der Unterstützer Überlegungen, dass für einen vordergründigen eigenen Vorteil ein früheres Ende des Krieges eher erreicht werden kann, wenn das Opfer zu weitreichenden Konzessionen gedrängt wird, da man nicht willens und oder nicht in der Lage ist, den Aggressor wirksam und erfolgreich zurückzuweisen.

Präsident Selenskyj, der all die vielen Stimmen hört, macht in Davos den wichtigen Punkt deutlich. „Intellektuelle Diskussionen stoppen keine Kriege. Wir brauchen Aktion.“

Es wäre nach vier Jahren Krieg in Europa und gegen Europa, mit der Ukraine als erstem Opfer, höchste Zeit, der Erkenntnis Raum zu geben, dass der Kampf gegen den brutalen Imperialisten Putin mit einer starken Ukraine wirkungsvoller zu bestehen ist, als wenn der Aggressor nach deren Unterwerfung direkt an den Grenzen der EU und der NATO mit Waffengewalt antritt.

Wenn dafür vieles spricht, dann muss die simulierte Verhandlungsbereitschaft Putins dadurch überwunden werden, dass wirkungsvollere Sanktionen gegen Russland, effektive militärische, finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung der Ukraine und das Gewinnen zusätzlicher Staaten an der Seite des Rechts den Russen klarmachen, dass sie nur als ein Land in ihren anerkannten Grenzen stabile und wirkmächtige Beziehungen zu vielen, idealerweise allen, Staaten der Welt zurückgewinnen können. Ohne eine solche tatkräftige Entwicklung wird der brutale Krieg andauern, Putin Verhandlungsbereitschaft simulieren und der „Westen“ den Eindruck vermitteln, „bis zum letzten Ukrainer“ das freie Europa zu verteidigen. Eine solche von Selenskyj als „Groundhog Day“ bezeichnete Entwicklung können und müssen Europa und Amerika verhindern.

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

Anmerkungen
Der Beitrag gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder.

Davos, Grönland und Europa

Ein Kommentar von unserem Chefredakteur Rolf Clement 

Es ist müßig, darüber zu philosophieren, ob NATO-Generalsekretär Mark Rutte für das Aushandeln der Grönland-Vereinbarung mit US-Präsident Donald Trump zuständig war. Es zählt allein, dass Trump in der Diskussion mit einem europäischen Staatsmann den Konflikt um die Insel im hohen Norden entschärft hat, und das ist Rutte gelungen. All diejenigen, die immer wieder diplomatische Initiativen aus Europa vermisst haben, müssen ihre Kritik umschreiben. Manche machen das schon und werfen dem deutschen Bundeskanzler Merz vor, dass diese Initiative nicht von ihm gekommen sei. Aber es ist doch klar: Rutte, ein Niederländer, hat da nicht ohne Rückendeckung von allen größeren europäischen Ländern gehandelt.

Andere schlagen sich selbst auf die Schulter. Das sei ein Verdienst der europäischen Einigkeit. Man möchte in dieses Narrativ nur allzu gern einstimmen. Allein: Ganz so ist es nicht.

Zum einen ist der Eindruck dieser europäischen Phalanx aus zwei Gründen entstanden. Einmal ging es um die Souveränität eines EU- und NATO-Staates. Eine vielleicht sogar gewaltsame Annexion Grönlands hätte die Integrität von NATO und EU gefährdet und damit alle Vorteile, die diese Institutionen trotz aller Mängel immer noch bieten. Zum anderen kam dieser Eindruck der Einheit erst auf, als die USA mit Zöllen gegen viele EU-Staaten mit Auswirkungen für alle drohten. Eine „nur“ sicherheitspolitische Drohung hätte das nicht bewirkt. Das sollte uns nachdenklich stimmen.

Aber auch in der EU gab es einige Staaten, die sich sehr still verhalten haben. Ungarn hat sich nicht vehement in die EU-Linie gegen Trump eingereiht, die Slowakei auch nicht. Aus Südeuropa wurde die Solidarität ebenfalls nicht laut formuliert. Je weiter man sich von dem betroffenen Land Dänemark entfernt, desto formaler wurde die Unterstützung. Letztlich waren es die drei Großen Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die die Melodie angestimmt haben, die zum Erfolg beigetragen hat.

Also wurden die EU-Europäer erst wach, als es ihnen wirtschaftlich an den Kragen gehen sollte. In verschiedenen Gremien war bereits diskutiert worden, wie die berechtigten Sicherheitsinteressen der USA bezüglich Grönlands, die die anderen NATO-Partner ja teilen, adressiert werden können. Dazu gehört, dass das Stationierungsabkommen, das vor allem die USA mit Dänemark haben, überarbeitet wird. Durch den Klimawandel sind hier neue Herausforderungen entstanden, die eine Neuformulierung sinnvoll machen. Grönland liegt nicht mehr im „ewigen Eis“, sondern kann auch von Systemen erreicht werden, die bisher kein Risiko für die Insel bedeuteten. Hinzu kommt, dass sich auch die möglichen Waffenarsenale, die auf Grönland einwirken können, unabhängig vom Klimawandel erweitert haben. Eine solche Neuformulierung eröffnet zudem die Möglichkeit, weitere NATO-Partner an der Absicherung der Insel zu beteiligen. Dieses zwischen US-Präsident Trump und NATO-Generalsekretär Rutte ausgehandelte Element einer Vereinbarung macht nicht nur Sinn, sondern ist sogar geboten.

Zusätzliches Interesse an der Insel entsteht durch die Möglichkeit, Rohstoffe nutzbar zu machen, die bisher unter einer dicken Eisdecke verborgen waren. Dass man sich jetzt wohl darauf verständigen kann, dass die Nutzung dieser Rohstoffe auch im Verbund und unter klarer Mitwirkung der USA erfolgen soll. Damit werden Russland und China ausgeschlossen, was die USA lautstark, die anderen etwas leiser gefordert hatten.

Die NATO-Staaten haben ja in ihren Gesprächen mit der Trump-Administration angeboten, dass die Europäer sich in Grönland stärker engagieren wollen. Dieser Teil ist übrigens einer, den Rutte verhandeln darf, dafür ist er als NATO-Generalsekretär zuständig. Das wird jetzt mit in die Vereinbarung eingebunden. Damit ist die Übernahme Grönlands durch die USA nicht mehr so nötig.

Pikant an der Grönland-Diskussion ist, dass Trump hier Konsequenzen aus dem Klimawandel zieht, den er eigentlich leugnet. Das hat er zwar nicht verbal eingeräumt, aber sein Handeln zeigt, dass er dessen Folgen für die Erderwärmung sieht und in seine Aktionen einbezieht.

Trotz alledem ist es zu kurz gesprungen, wenn man die 180-Grad-Wendung Trumps beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos nur dem europäischen Verhalten zuschreibt. Wer das glaubt, streut sich Sand in die Augen. Man muss, um das zu verstehen, auch das politische Umfeld Donald Trumps in den Blick nehmen. Da sehen wir Folgendes.

Nach Umfragen sind 75 Prozent der US-Amerikaner gegen die Übernahme Grönlands. In Senat und Kongress gibt es viel Widerspruch zu dieser Politik, nicht nur bei der Demokratischen Partei, sondern auch bei den Republikanern. Ein Präsident, dessen Politik das Land spaltet, steht plötzlich einer Mehrheit gegenüber, die seine Politik ablehnt. Er kann also nicht mit einer Hälfte gegen die andere regieren. Und es kommt ein wesentliches Argument hinzu. Die Androhung der Europäer, eine Verschärfung der US-Zollpolitik durch entsprechende Gegenzölle zu beantworten, hat der US-Wirtschaft klar gemacht, dass sie bei dieser Politik ebenfalls draufzahlen muss. Dies wurde Trump deutlich gemacht. Der „Deal-Maker“ läuft Gefahr, Deals zulasten der eigenen Wirtschaft und damit des eigenen Klientels zu produzieren. Diejenigen, die Trump stützen, weil sie von seiner Politik höhere Gewinne erwarten, sehen das Ergebnis der Trump-Politik in Gefahr. Das ist eine Sprache, die Donald Trump versteht.

So spielten sich hinter den Kulissen von Davos viele Dinge ab, die zu diesem Ergebnis geführt haben. Die augenscheinliche europäische Einigung war dabei ein notwendiges, aber kein hinreichendes Element. Wenn wir uns dies nicht deutlich machen, verkennen wir die Lage. Darauf aber muss eine europäische Politik bauen. Deren Mängel haben in Davos der kanadische Ministerpräsident Mark Carney, Bundeskanzler Merz und der ukrainische Präsident Selensky klar und deutlich angesprochen. Es gilt, aus dieser bekannten Mangelanalyse Konsequenzen zu ziehen.

Es ist wohlfeil zu fordern, dass die EU-Staaten mit einer Stimme sprechen müssen. Solange es in Europa Interessen gibt, die vor allem in sicherheitspolitischen Fragen nicht kongruent sind, wird man diese eine Stimme nicht hinbekommen. Das ist in einer Organisation, die so strukturiert ist wie die EU, auch nicht zu ändern. Die Regierungen der Mitgliedsländer sind ihren nationalen Parlamenten verantwortlich, die auch national gewählt werden. Bei der peinlichen Entscheidung des Europäischen Parlaments bei der Ratifizierung des Mercosur-Abkommens zeigte sich, dass auch überregionale Gremien nicht nur im Sinne der Gemeinschaft, sondern auch nach regionalen Befindlichkeiten entscheiden. Dem kann man auch durch eine Verbreiterung der Mehrheitsentscheidungen im EU-Ministerrat nur begrenzt beikommen. Was hat die EU davon, wenn der Ministerrat einen Beschluss fasst, den dann einige Mitglieder lautstark nicht mittragen?

Wichtig wäre es, wenn die EU-Kommission die Rolle einer europäischen Regierung bekommen könnte, die dann verbindlich für diesen Kontinent Beschlüsse fasst. Im Zoll- und Umweltbereich ist dies durch die Kommission bereits möglich. Aber auch hier sehen wir, dass Vorgaben aus nationalen Gründen oft nicht umgesetzt werden. Im gesamten Bereich der Sicherheitspolitik ist dies bislang nicht möglich. Hier bilden sich neue Strukturen durch eine Koalition der Willigen heraus. Diese Strukturen werden zu einer Nebenvereinigung, die die bisherigen Strukturen freundlich formuliert ergänzt.

Diese Nebenstrukturen sind auch ein Element des neuen Friedensrates, den Donald Trump installieren will. Es ist ein Forum, das den UN-Sicherheitsrat ersetzen soll. Der UN-Sicherheitsrat ist nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen worden und hat den Siegermächten des Krieges sowie China eine zentrale Verantwortung für die Gestaltung der Welt eingeräumt. Dies äußert sich im Vetorecht dieser Mächte. Dass dadurch schon seit Langem klare Beschlüsse nicht zustande kamen oder durch ein Veto verhindert wurden, ist offenkundig. Nur: Trumps Friedensrat, dem er auf Lebenszeit vorsitzen und dessen Eintrittspreis den Wohlstand dieses Präsidenten mehren soll, ist kein Lenkungsgremium der Welt, das Wirkung erzielen wird. Dort gibt es zwar kein Vetorecht, außer vielleicht das Donald Trumps selbst, aber auch keinerlei Verbindlichkeit bei der Durchsetzung der dort gefassten Beschlüsse. Deswegen ist dieser Rat auch mit viel Pomp gegründet worden, hat sich aber schnell als Totgeburt erwiesen.

So ist Davos eine Konferenz gewesen, auf der Klartext gesprochen wurde, mehr als sonst bei solchen Konferenzen. Ein Jahr nach Amtsübernahme ist Donald Trump zu Hause erstmals in seine Schranken gewiesen worden, durch ein plötzlich aufgewachtes Europa und eine US-amerikanische Szene, die zu erkennen scheint, dass sich auch innenpolitisch etwas verändern muss. Daraus muss vor allem Europa die Erkenntnis umsetzen, dass es konsequent handeln muss. In den aktuellen Strukturen ist dies lange genug versucht worden. Also brauchen wir neue, die sich bereits langsam herausbilden. Aber das muss jetzt schneller und klarer geschehen, wenn europäische Interessen mehr Gewicht bekommen sollen.

Rolf Clement ist einer der profiliertesten sicherheitspolitischen Journalisten Deutschlands. Clement war viele Jahre Sonderkorrespondent für Sicherheitspolitik und Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunks. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den TV-Sender Phoenix sowie die Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik. Darüber hinaus lehrte er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln. Vor kurzem ist er zum 2. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland gewählt worden.

Europa im „Kreuzstütz“ zwischen Trumps Amerika und Putins Russland?

Von unserem Autor Dr. Klaus Olshausen

Europa nicht topographisch, sondern als politische Geographie der EU, des NATO Europas und unabhängiger Staaten steht vor der Frage, sich im ungünstigen Fall im Kreuzstütz zwischen der atlantischen und der eurasischen großen Macht zu behaupten. Die Aufforderung der EU Kommission unter Trump eins, die Sprache der Macht zu lernen und weltpolitikfähig zu werden, wurde nicht ernst genommen. Das erschwert es gegenüber Trump zwei, mit eigenen Positionen gemeinsames Vorgehen erreichen zu können. Zugleich machen alle aggressiven und offensiven Handlungen Putins deutlich, dass ein erfolgreiches Eindämmen, ja Zurückweisen, ohne Zusammenwirken mit Amerika kaum gelingen kann. Eine Verortung Europas im Kreuzstütz zwischen unterschiedlich agierenden imperialen Mächten verlangt erstens einen gemeinsamen unerschütterlichen Willen, zweitens eine fest gefügte Gesamtstruktur und drittens politische, ökonomische und militärische Muskeln zur Selbstbehauptung. Selbst unter dem Eindruck der Politik von Trump zwei bleibt dafür mit dem absehbaren Europa Skepsis angezeigt. So bleibt, mit dem sicherheitspolitischen Establishment um Trump ein besser verteidigungsfähiges Europa als Asset amerikanischer Sicherheit gegen die Systemrivalen China und Russland zu präsentieren und mitzuhelfen, Trumps sicherheitspolitische Exzesse zu begrenzen.

Analyse

In diesem Zusammenhang wird Europa nicht topographisch, sondern als Begriff der politischen Geographie der Mitgliedstaaten der EU, der europäischen Mitglieder der NATO und neutraler, unabhängiger Staaten westlich der Russischen Föderation verwendet. Der Kreuzstütz, eine kräftezehrende Übung eines Turners, verlangt, sich zwischen zwei Ringen, eigenständigen Größen, stabil zu halten. Er erfordert viel Kraft als Fähigkeiten, mentale Stärke als durchdachtes Wollen und Mut, sich gegen das Abstürzen zu behaupten. Während für den Turner diese Phase überschaubar ist, bleiben Zeitdauer und Durchhaltevermögen bei politischen Größen unbestimmt und deshalb voller Risiken.

Der Blick auf die aktuelle Entwicklung seit der brutalen Aggression Russlands gegen die Ukraine und dem Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump darf zweierlei nicht übersehen. Schon in den Jahren vor der ersten Trump Administration gab es zahlreiche sachliche Unterschiede zwischen EU und NATO Europa, aber unter Trump eins wurde daraus in Teilen vehemente Ablehnung bis zur Zerrüttung, so dass die Münchner Sicherheitskonferenz 2020 unter den Begriff der Westlessness gestellt worden war. Trump zwei traf auf eine gestärkte NATO mit den neuen Mitgliedstaaten Finnland und Schweden, zugleich auf einen schon drei Jahre tobenden Angriffskrieg Putins auf die gesamte Ukraine. Europa und die Biden Administration hatten zwar Maßnahmen zur Stärkung der Abschreckung gegen Russland begonnen und den Abwehrkampf der Ukraine unterstützt. Aber entgegen des deklarierten politischen Zwecks, Russlands Aggression zurückzuweisen, war dies nie hinreichend, um Gegenangriffen der Ukraine Erfolgschancen zu verschaffen.

Konnten europäische Staaten in Trump eins bei Störungen oder Gegensätzen mit den USA noch glauben, dies mit tendenziellem Entgegenkommen gegenüber Russland oder China und einem Beschwichtigen von Risiken der Systemrivalität abzufedern, ist dies unter Trump zwei seit der Kriegsachse der strategischen chinesisch russischen Partnerschaft keine Option.

Beim Gipfel der NATO Staaten im Sommer 2025 konnte Trumps Zustimmung zu den Beschlüssen vor allem dadurch erreicht werden, dass Europa seinen Forderungen von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für breite Verteidigungsausgaben bis 2035 zustimmte. Dazu hatte auch Deutschlands Aufheben der Schuldenbremse für Verteidigung beigetragen.

Trumps Konzentration seiner Außen Wirtschafts und Sicherheitspolitik auf die westliche Hemisphäre, also die Topographie der beiden Amerikas, und sein Schwerpunkt in der Auseinandersetzung mit der nach Weltmacht strebenden Volksrepublik China um die erste Inselkette im Pazifik zu halten, wird Trumps Bereitschaft beschränken, sich mit Europa für die Ukraine und gegen den Systemrivalen Russland einzusetzen. Dies umso mehr, als Trump schon bilaterale Deals mit Russland zur Ausbeutung vielfältiger Ressourcen ziemlich klar im Blick hat.

Putins Russland als Aggressor mit weiter reichenden politischen Zwecken verlangt von Europa eine Rückkehr zu einer starken gemeinsamen Gesamtverteidigung. Nur damit kann Russland in der absehbaren Zukunft von dominanter Einflussnahme in Europa bis Lissabon oder gar weiteren militärischen Spezialoperationen abgehalten und abgeschreckt werden.

Bei allem Vorrang für Risikovermeidung bei ihrer Unterstützung der Ukraine, was den Krieg in jedem Fall verlängert, zeigen jedoch Maßnahmen und Schwüre, jeden Zentimeter des NATO Gebietes mit Erfolg zu verteidigen, dass der westliche Vorposten Europa noch nicht von der russisch chinesischen eurasischen Landmasse aufgesaugt werden will und kann.

Die politischen und ökonomischen Gegensätze und Streitpunkte mit Trump und seiner Administration und jetzt sogar unverblümte territoriale Forderungen, ja Drohungen Trumps gegen einen Verbündeten verlangen von Europa, seine Handlungsfähigkeit auch gegenüber den USA zu stärken.

Leider hat die Europäische Union mit ihren Mitgliedstaaten während Trump eins die Aufforderung der Kommissionspräsidentin von der Leyen im Sommer 2019, die Sprache der Macht zu lernen und weltpolitikfähig zu werden, nicht ernst genommen. Das schmälert jetzt gegenüber Trump zwei die Fähigkeit, eigene Positionen mit Nachdruck zu vertreten und so gemeinsames Vorgehen erreichen zu können.

Und gleichzeitig machen alle aggressiven und offensiven Handlungen Putins gegen die Ukraine und das freie Europa offensichtlich, dass absehbar Europa ein erfolgreiches Eindämmen, geschweige denn Zurückweisen Russlands in seiner Unterwerfung der Ukraine und seinem politischen Ausgreifen gegen das freie Europa auch mit hybriden Kriegsmitteln ohne erhebliches Zusammenwirken mit Amerika, also auch Trump und seiner Administration, kaum gelingen kann. Dafür müssen alle Kräfte in den USA aktiviert werden, die ganz im Geiste der sogenannten Rimland Theorie von Nicholas Spykman überzeugt sind, dass Nordamerika zu seiner Existenzsicherung als große Macht an beiden Gegenküsten auf Partner, ja Verbündete angewiesen bleibt, und dies möglichst und bevorzugt mit kompatiblen politischen und gesellschaftlichen Strukturen.

Dagegen basiert eine Verortung Europas im Kreuzstütz zwischen den unterschiedlich imperial agierenden drei großen Mächten auf entscheidenden Fortschritten in drei Bereichen. Erstens ein gemeinsamer unerschütterlicher Wille, zweitens fest gefügte Stabilität der europäischen Gesamtstruktur und drittens angemessene politische, ökonomische und militärische Muskeln, also Fähigkeiten zur erfolgreichen Selbstbehauptung. Selbst unter dem Eindruck der Politik von Trump zwei bleibt für das heutige und absehbare Europa Skepsis angezeigt.

Und so kommt es darauf an, rund um Trump mit dem von Michael Rühle, ehemaliger Leiter des Planungsreferats in der politischen Abteilung der NATO, erläuterten sicherheitspolitischen Establishment alles zu tun, um Trump einerseits ein besser verteidigungsfähiges Europa als Asset amerikanischer Sicherheit gegen die Systemrivalen China und Russland zu präsentieren und andererseits mitzuhelfen, Trumps oft persönlich getriebene sicherheitspolitische Exzesse einzuschränken.


Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

Anmerkungen
Der Beitrag gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder.

Bild von 👀 Mabel Amber, who will one day auf Pixabay