Kein gerechter Friede ohne Zurückweisung des Aggressors

Ein Kommentar unseres Autors Dr. Klaus Olshausen

Ein analytischer Blick auf Europa und seine Partner zeigt geopolitisch, militärisch und ökonomisch äußerst gespannte Entwicklungen. Der brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine speist sich aus einem imperialistischen Machtanspruch des Kreml. Die europäischen Staaten und ihre Verbündeten in der Allianz wollen sich bis 2029 gegen ein zunehmend aggressives Russland wappnen. Doch sie zeigen weder den politischen Willen noch die strategische Entschlossenheit, Putins imperiales Ausgreifen bereits in der Ukraine entschlossen zurückzuweisen. Präsident Trump wiederum will diesen Krieg beenden – offenbar in der Einschätzung, dass die geopolitische Bedeutung gering sei. Der Schutz der Ukraine scheint für ihn weniger wichtig als mögliche neue wirtschaftliche Beziehungen zu Russland.

Dabei geht es für die Ukraine um weit mehr als nur territoriale Integrität und staatliche Souveränität. Sie kämpft um ihr Überleben als Nation, gegen die begonnene Russifizierung, gegen die Auslöschung ihres kulturellen Erbes und des gesellschaftlichen Lebens ihrer Bürgerinnen und Bürger. In dieser Lage entschloss sich Präsident Selenskyj – nach der öffentlichen Beschimpfung im Weißen Haus Ende Februar – zu zwei weitreichenden Schritten: Zum einen unterzeichnete er ein Abkommen, das den USA künftig erheblichen Zugriff auf die Ausbeutung ukrainischer Bodenschätze gewährt. Zum anderen stimmte er – gegen eigene politische und militärische Bedenken – Trumps Forderung nach einem bedingungslosen Waffenstillstand zu. Obwohl Putin auf Selenskyjs Angebot eines Treffens zur Beendigung des Krieges überhaupt nicht reagierte, folgte der ukrainische Präsident dennoch dem Druck der USA und nahm an zwei Gesprächsrunden mit russischer Delegation in Istanbul teil.

In diesen Wochen hat Putin seinen Krieg gegen die Ukraine weiter verschärft – militärisch an der Front und durch massive Luftangriffe auf zivile Ziele im Hinterland. Zugleich suggeriert er Verhandlungsbereitschaft, lässt jedoch inhaltlich keinerlei Zweifel daran, dass ein Waffenstillstand für ihn nur als Kapitulation der Ukraine denkbar ist. Die Europäer in NATO und EU wollen ihre Verteidigungsfähigkeit stark ausbauen, um so eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland zu erreichen. Anfang Juni haben die NATO-Verteidigungsminister mit Zustimmung der USA dazu weitreichende Beschlüsse gefasst. Die Unterstützung der Ukraine wird zwar fortgesetzt, aber nur in einem Maß, das den eigenen Fähigkeitsaufbau nicht wesentlich beeinträchtigt. Zudem planen die meisten Staaten, die Ukraine nach dem jetzigen Krieg so zu unterstützen, dass sie zukünftige Angriffe Russlands abschrecken kann – ein ambitionierter Plan, der auf der Hoffnung beruht, dass ein einmal errungener Friede auch stabil bleibt.

Das Institute for the Study of War (ISW) berichtet jedoch von russischen Kriegsplänen, die bis September 2025 die vollständige Einnahme aller vier bereits annektierten Oblaste zum Ziel haben und im Jahr 2026 die Kontrolle über die Hälfte der Ukraine bis zum Dnipro-Fluss sowie die Einnahme von Mykolajiw und Odessa vorsehen. Angesichts Russlands erklärter Strategie des „Sieges um jeden Preis“ erscheinen diese Pläne ohne anhaltende und massive westliche Unterstützung durchaus realistisch. Diese konkreten Etappenziele auf dem Weg zur vollständigen Unterwerfung der Ukraine müssten in den westlichen Hauptstädten endlich ernsthafte Überlegungen, klare Pläne und entschlossene Entscheidungen auslösen: Wie kann der Aggressor Russland nicht nur gestoppt, sondern sein imperiales Verhalten aktiv zurückgewiesen werden?

Bereits im vergangenen Juni hatte ich darauf hingewiesen, dass das Gedenken an den 80. Jahrestag des D-Day am 6. Juni 1944 keinerlei Impuls für ein „D-Day 2.0“ gegen einen neuen Aggressor erzeugt hat. Es war Bundeskanzler Merz, der im Weißen Haus daran erinnerte, dass Amerika einst einen Aggressor gestoppt und Deutschland vom Nazi-Regime befreit hatte – und damit indirekt forderte, dass auch Putin durch ein klares, gemeinsames Zeichen der USA und ihrer Verbündeten gestoppt werden müsse. Ich habe mehrfach betont, dass politische Risikovermeidung zur Zielverfehlung führt. Dass die massiv gesteigerten russischen Luftangriffe in den vergangenen zwei Monaten – während der Westen auf einen bedingungslosen Waffenstillstand drängte – nicht zu einer schnellen und umfassenden Verstärkung der Ukraine mit Flugabwehr, Präzisionswaffen und dringend benötigter Munition geführt haben, spielt Putins Verzögerungstaktiken in die Hände.

Die Verantwortung für die zahllosen Toten, Verwundeten und die systematische Zerstörung ukrainischer Infrastruktur liegt so nicht mehr allein bei Russland. Auch westliche Regierungen tragen Mitschuld, solange sie nicht bereit sind, ihre sicherheitspolitischen Versprechen in entschlossene Handlungen zu übersetzen. Von weiteren, scharfen Sanktionen ist derzeit keine Rede. Auch Präsident Trump hat sich bisher auf vage Andeutungen beschränkt. Der in letzter Zeit häufiger wiederholte Ruf – auch von Friedrich Merz – nach einem baldigen „Ende dieses abscheulichen Krieges“ läuft Gefahr, das Wesentliche zu verkennen: Ein bloßes Ende der Kampfhandlungen wird keine regelbasierte internationale Ordnung wiederherstellen. Ohne die klare Zurückweisung Putins wird er seine bisherigen Erfolge als Ausgangsbasis nutzen, um seine bekannten nächsten Ziele Schritt für Schritt zu verfolgen – gegen einen teilweise uneinigen und risikoscheuen Westen.

Warum fällt es so schwer, der eigenen Bevölkerung das Offensichtliche zu erklären – und entsprechend zu handeln? Eine heutige Anstrengung, den Aggressor Russland bereits in der Ukraine zurückzuweisen und so seine Offensivfähigkeit substanziell zu schwächen, würde der Allianz langfristig weniger abverlangen, als die Verteidigungsfähigkeit gegen einen durch Erfolge gestärkten Aggressor mühsam aufzubauen. Ein Ende des kinetischen Krieges, bei dem nicht die Selbstbestimmung der Ukraine und die Gleichheit aller Staaten als Prinzip verteidigt werden, bedeutet einen prekären Frieden. Denn der Wille und die gestärkte nationale Identität des ukrainischen Volkes werden sich einer aufgezwungenen Vereinbarung zugunsten des Aggressors dauerhaft widersetzen. Jeder Frieden, der nicht gerecht ist, ist nur der Auftakt zum nächsten Krieg.

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

Frühe Verantwortung lernen: Meine Erfahrungen mit der Combined Cadet Force

Wie das britische CCF-Programm junge Menschen für Führungsaufgaben, Teamarbeit und gesellschaftliches Engagement begeistert

Ein Beispiel dafür, wie junge Menschen im Ausland an das Thema ‚Sicherheit‘ herangeführt werden, liefert der Erfahrungsbericht der heutigen Medizinstudentin Louise Cremer. Während ihrer Schulzeit in England nahm sie an der Combined Cadet Force teil.

Die Combined Cadet Force (CCF) ist ein Paradebeispiel dafür, wie jungen Menschen bereits früh und in einem geschützten Umfeld ein realistischer Einblick in das Leben, die Aufgaben und die gesellschaftliche Verantwortung einer militärischen Laufbahn vermittelt werden kann. CCF steht für Combined Cadet Force und ist eine Kooperation zwischen dem britischen Verteidigungsministerium und rund 500 Privatschulen. Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern essenzielle Fähigkeiten wie Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit und Führungsqualitäten zu vermitteln.

Im Rahmen meines Auslandsaufenthalts hatte auch ich die Gelegenheit, Teil dieses Programms zu sein.
Bereits im A Block (etwa 10. Schuljahr) mussten wir uns für eine der drei Sektionen – die Army, die Royal Air Force oder die Royal Navy – entscheiden. Ich entschied mich damals für die Royal Air Force. Das CCF-Training fand jeden Mittwochnachmittag nach dem regulären Unterricht auf dem Schulgelände statt. Auf dem Programm standen militärische Übungen wie Marschieren, Navigation, Erste Hilfe sowie der Umgang mit Waffen – stets in einem sicheren Umfeld. Wir lernten die unterschiedlichen Ränge und Rollen innerhalb der Streitkräfte kennen, setzten uns mit Aufgaben, Verhaltensregeln, Fahrzeugen und Ausrüstung auseinander. Als Teil der Royal Air Force erhielten wir zudem Einblicke in verschiedene Flugzeug- und Hubschraubertypen, deren Einsatzgebiete sowie in die Kommunikation und Regeln im Luftraum. Ein besonderes Highlight waren die Besuche einer nahegelegenen Air-Force-Basis, bei denen wir zusammen mit einem Piloten im Flugzeugtyp Tutor fliegen durften.

An sogenannten „Field Weekends“ wurde das Erlernte praktisch angewandt. Übernachtet wurde je nach Übung entweder in Kasernen oder unter freiem Himmel – ausgestattet nur mit dem, was in den eigenen Rucksack passte. Ein jährliches Ereignis war der „Barnes Squad“, ein schulinterner Wettbewerb, bei dem die Kadetten der verschiedenen Boarding-Häuser in unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander antraten. Wochen vorher wurde bereits auf dem Parkplatz trainiert – angeleitet von Schülern aus den oberen Jahrgängen. Besonders beeindruckend war der ausgeprägte Teamgeist und die enge Zusammenarbeit, die sich daraus entwickelten.

In den höheren Schuljahren bestand die Möglichkeit, vom CCF-Training zu anderen Programmen wie dem Duke of Edinburgh’s Award (DofE) oder dem Community Service zu wechseln. Die Teilnahme an einem dieser Programme blieb jedoch bis zum Schulabschluss verpflichtend. Bemerkenswert ist, wie die praktischen Erfahrungen vor Ort bei vielen die Motivation für eine militärische Karriere wecken und den Einstieg ins System erleichtern. Ich erinnere mich noch gut an einige Mitschüler, die inzwischen eine Laufbahn beim britischen Militär eingeschlagen haben. Auch wenn man diesen Weg später nicht weiterverfolgt, sind die gesammelten Erfahrungen und erlernten Fähigkeiten so wertvoll, dass sie einem langfristig – beruflich wie privat – zugutekommen.

Louise Cremer studiert in Köln Medizin und engagiert sich seit Jahren im Rotaract Köln und im Rotaract Distrikt 1810

Merz in Portas

Ein Kommentar von unserem Autor Rolf Clement –

Es hat schon Tradition: Die erste Auslandsreise eines neu gewählten Bundeskanzlers führt nach Paris – so wie umgekehrt die erste Reise eines neu gewählten französischen Präsidenten nach Deutschland geht, früher nach Bonn, heute nach Berlin. So eilte auch Bundeskanzler Friedrich Merz zuerst nach Paris, obwohl er bereits während der Regierungsbildung mehrfach Kontakt zu Frankreichs Präsident Macron hatte. Doch er setzte einen neuen Akzent: Am selben Tag reiste Merz weiter nach Warschau, um auch dort seinen Antrittsbesuch zu machen.

Dass die ersten Amtstage von Friedrich Merz einen stark außenpolitischen Schwerpunkt hatten, war auch dem Terminkalender geschuldet: In den Tagen um den 8. und 9. Mai wird in vielen Ländern an das Kriegsende 1945 erinnert – in unterschiedlichen Konstellationen und mit verschiedenen Akzenten. Es ergaben sich zahlreiche Treffen, die für Gespräche genutzt werden konnten.

Merz ist nicht nur gereist. Dass Außenpolitik seine Domäne ist, hat er auch in seiner Regierungserklärung unter Beweis gestellt, die sich zu Beginn und recht ausführlich mit der Lage in Europa befasst. Auch die Personalauswahl unterstreicht dies: Außenminister Wadephul war bereits in der Oppositionszeit sein diplomatischer Adjutant. Nun ist es seine Aufgabe, die von Merz konzipierte Außenpolitik zu vertreten und umzusetzen.

Merz setzte auch inhaltlich klare Zeichen. Die deutsche Außenpolitik wirkte in den letzten Jahren konturenlos, weil der ehemalige Kanzler so sehr auf „Besonnenheit“ setzte, dass sie mutlos erschien. Vor allem das deutsch-französische Verhältnis, das bereits unter Angela Merkel litt, war von Gesprächslosigkeit geprägt: Frankreich erhielt keine Antworten auf seine Initiativen, und Berlin entwickelte keine eigenen.

Merz hat in kürzester Zeit die deutsche Rolle in der Welt neu definiert. Er will gemeinsam mit europäischen Staaten agieren, legt sich dabei aber auch klar inhaltlich fest: Deutschland steht mit seinen europäischen Partnern eindeutig an der Seite der Ukraine. So haben die vier großen europäischen Staaten – Frankreich, Polen, Großbritannien und Deutschland – ein Ultimatum formuliert, dem zufolge Russland einem Waffenstillstand im Krieg mit der Ukraine zustimmen müsse. Damit wurde der Druck auf Moskau erhöht. Allerdings fehlt zum Redaktionsschluss dieses Newsletters noch die Einlösung der angedrohten neuen Sanktionen für den Fall der Ablehnung. Hier muss noch nachgelegt werden, um das Momentum nicht zu verlieren. Wenn die vier Europäer dabei auch die Sicherheit der Ostsee und die dort kreuzenden „verbotenen Schiffe“ im Blick haben, setzen sie den richtigen Hebel an. Die hybride Kriegsführung, die Russland schon länger betreibt, wird endlich thematisiert und bekämpft.

Auch im Nahen Osten bezieht die neue Regierung klare Position: Deutschland steht an der Seite Israels. Auf dieser klaren Grundlage werden dann Positionen entwickelt, die versuchen, unsere Wertvorstellungen auch dort zur Geltung zu bringen.

Merz bemüht sich zudem um ein realistisches Verhältnis zur US-Administration unter Donald Trump. Das ist nicht einfach: Zunächst unterstützt die US-Regierung das Ultimatum an Russland, dann relativiert sie ihre Unterstützung wieder – nur um schließlich zu erfahren, dass Russlands Machthaber Putin das von ihm selbst vorgeschlagene Gespräch mit der Ukraine in Istanbul doch nicht führen will. In einem solchen Umfeld klare Kante zu zeigen, ist schwer, aber notwendig.

Das sogenannte „Weimarer Dreieck“, mit dem Frankreich, Polen und Deutschland seit den 1990er-Jahren – mal mehr, mal weniger intensiv – ein Forum der Zusammenarbeit bildeten, wurde wiederbelebt. Es ist Friedrich Merz’ Verdienst, dass daraus nun ein Weimarer Quartett geworden ist – Großbritannien ist dabei. Natürlich liegt das auch daran, dass die Regierungschefs der vier Länder ähnlich „ticken“, doch es braucht immer jemanden, der den Anstoß gibt, es auch umzusetzen.

Gerade das Weimarer Quartett macht deutlich, dass die bestehenden Strukturen für wirksames Handeln nicht mehr ausreichen. Wer die Ukraine-Politik in den Gremien der EU abstimmen will, wird keine klare Position erreichen. Zu viele Interessen stehen einer eindeutigen Unterstützung der Ukraine entgegen.

Das ist keine neue Entwicklung. Seit vielen Jahren schon wirkt die EU-Außenpolitik konturenlos oder nicht durchsetzungsfähig, weil keine tragfähigen Mehrheiten für eine stringente Linie zustande kommen. Jetzt zeigt sich, dass eine klare Positionierung nur noch durch eine „Koalition der Willigen“ möglich ist. Das Weimarer Quartett ist eine solche Koalition, die jetzt zu agieren beginnt. Das wird Wirkung zeigen – auf Russland, aber auch auf die EU.

Schon oft wurde diskutiert, ob die EU – ähnlich wie die UNO – einen Sicherheitsrat braucht. De facto hat sich ein solcher gebildet, nun sogar unter Mitwirkung Großbritanniens. Das zeigt: Außenpolitische Themen scheinen sich nicht gut für die bestehenden EU-Strukturen zu eignen. Dem muss man auch Rechnung tragen.

Der Kohärenz der EU-Außenpolitik droht weiteres Ungemach. Der Südosten der EU – vor allem, wenn die Präsidentschaftswahlen in Rumänien entsprechend ausgehen – entwickelt sich zunehmend autokratisch. Ungarn, Bulgarien, die Slowakei und eben Rumänien bilden eine Gruppe, deren Politik kaum mit den EU-Werten vereinbar ist. Und auch anderswo droht Instabilität: Italien, ein Post-Macron-Frankreich und die Niederlande verschärfen die ohnehin ungemütliche innere Lage der EU. Es gilt, schnell und nachhaltig gegenzusteuern. Auch deshalb ist es wichtig, dass Deutschland im Zentrum solcher Bemühungen steht.

In all den Diskussionen der letzten Wochen spielte die Südflanke der EU keine wesentliche Rolle. Auch dort gibt es Probleme – wenngleich der Migrationsdruck aus dem Süden derzeit eher abnimmt.

Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hat sich nach dem Regierungswechsel eindrucksvoll zurückgemeldet. Saßen beim Begräbnis von Papst Franziskus neben US-Präsident Trump und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj „nur“ Macron und Stamer im Petersdom, so ist eine solche Runde inzwischen ohne Merz kaum mehr denkbar. Die Bundesregierung muss nun liefern – im Inneren wie im Äußeren. Dabei muss sie sich auch der Frage stellen, wie eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik künftig organisiert werden kann. Die bestehenden EU-Gremien scheinen dafür nicht geeignet zu sein.

Rolf Clement ist einer der profiliertesten sicherheitspolitischen Journalisten Deutschlands. Clement war viele Jahre Sonderkorrespondent für Sicherheitspolitik und Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunks. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den TV-Sender Phoenix sowie die Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik. Darüber hinaus lehrte er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln. Vor kurzem  ist er zum 2. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland gewählt worden.

Fotograf: Sandro Halank/ Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ukraine – Zwei Beutejäger und ein unentschlossenes Europa

Dr. Klaus Olshausen – Mai 2025. –

Das überarbeitete Wiederaufbau-Investitionsabkommen zwischen den USA und der Ukraine vom 30. April kann ein erster Schritt zu erneuerter Zusammenarbeit sein – nach dem Zerwürfnis Ende Februar. Seit Wochen unterstützt die Ukraine den von den USA geforderten bedingungslosen Waffenstillstand, während der Kreml weiterhin kapitulationsartige Bedingungen stellt und seine massiven Angriffe auf das gesamte ukrainische Staatsgebiet ausweitet.

Die Rufe aus Europa, die Ukraine müsse in eine „starke Verhandlungsposition“ gebracht werden, bleiben wirkungslos, da sie weder durch verstärkte militärische Hilfe noch durch verschärfte Sanktionen untermauert werden. Sollte Donald Trump, wie vermutet, die Geduld mit Russland verlieren, könnten koordinierte Sanktionen und verstärkte Waffenlieferungen den russischen Zeitgewinn-Ansatz durchkreuzen. Putins Ziel ist die vollständige Unterwerfung der Ukraine – Trumps Ziel ist ein rasches Ende des militärischen Konflikts, das er als „Frieden“ verkaufen will.

Ein echtes „Stoppschild“ für Russland muss Sicherheitsgarantien enthalten. Wenn ein NATO-Beitritt der Ukraine nicht realisierbar ist, muss eine „Koalition der Willigen“ unmissverständlich klarstellen, dass sie im Rahmen von Artikel 51 der UN-Charta jeden neuen Angriff gemeinsam abwehren wird. Ohne diese Zusage wird Putin seine revisionistischen Ziele gegen die Ukraine und Europa weiterverfolgen. Die Aussage von Bundeskanzler Scholz vom 6. April 2022 bleibt daher richtig: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“


Analyse
Am 30. April unterzeichneten die USA und die Ukraine ein neues Wirtschaftsabkommen zur Unterstützung des Wiederaufbaus und zur gemeinsamen Erschließung bedeutender Rohstoffvorkommen in der Ukraine. Anders als der ursprüngliche Vertragsentwurf, der als Ausbeutungsinstrument kritisiert wurde, handelt es sich nun um eine partnerschaftlichere Vereinbarung. Der US-Finanzminister betonte bei der Unterzeichnung, das Abkommen sei ein klares Signal für eine zukünftige, freie, souveräne und prosperierende Ukraine.

Ob das Abkommen tatsächlich ein Schritt zu verlässlicher Zusammenarbeit wird, hängt wesentlich von der weiteren US-Politik ab. Die Ankündigung militärischer Unterstützung in Höhe von 50 Millionen US-Dollar sowie die Unterstützung der ukrainischen F-16-Flotte sind zwar erste Zeichen, reichen aber nicht aus. Trump fordert einen 30-tägigen Waffenstillstand – die Ukraine hat diesem bereits bedingungslos zugestimmt. Putin hingegen verlangt die Anerkennung weitreichender Forderungen, die de facto die Souveränität der Ukraine aufheben würden.

Dazwischen liegt Trumps sogenannter „16-Punkte-Friedensplan“, der der Ukraine durch angedrohten Unterstützungsentzug eine Kapitulation abverlangen will. Gleichzeitig bietet Trump Russland wirtschaftliche Anreize und Kooperationen an – etwa im Energiesektor –, um es zu einem Einlenken zu bewegen. Die USA wandeln sich damit unter Trump vom Unterstützer der Ukraine zum eigeninteressierten Deal-Maker, der primär auf ein Ende des „Tötens“ aus ist – unabhängig von territorialen und politischen Folgen für die Ukraine.

Die europäischen NATO-Staaten und die EU wirken in dieser Situation passiv. Zwar wurde auf der Friedenskonferenz in der Schweiz am 15./16. Juni 2024 der 10-Punkte-Friedensplan von Präsident Selenskyj von 83 Staaten unterstützt, seither folgen aber kaum konkrete Initiativen. Stattdessen begnügt man sich mit vagen Aussagen über eine „starke Verhandlungsposition“ der Ukraine, ohne eigene Lösungsvorschläge in die Gespräche mit der Trump-Administration einzubringen.

Besonders problematisch ist die schwache militärische Unterstützung seit Beginn der russischen Intensivangriffe. Aus Angst vor „Eskalation“ schreckt der Westen weiterhin vor entschiedener Reaktion zurück, während Russland seine Zerstörung fortsetzt. Sollte Trumps angeblicher Frust über Russland zutreffen, müssten die USA und Europa gemeinsam handeln – mit klaren Sanktionen und militärischer Verstärkung der ukrainischen Abwehr.

Putins Ziel bleibt die territoriale Eroberung, Trumps Ziel die Beendigung des Krieges um jeden Preis – selbst wenn dies Putins Expansion fördert. Ein echter Waffenstillstand erfordert daher zwingend glaubwürdige Sicherheitsgarantien. Die stärkste Option bleibt die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Wenn dies nicht konsensfähig ist, muss Artikel 51 der UN-Charta greifen – mit einer klaren, militärisch unterlegten Zusage einer Koalition von Schutzstaaten. Nur so kann verhindert werden, dass Putin den Waffenstillstand zur weiteren Destabilisierung nutzt.

Die Warnung von Olaf Scholz aus dem Jahr 2022 bleibt somit aktuell: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“

Der Beitrag erschien in ISPSW Strategy Series: Focus on Defense and International Security, Issue No. 1124, Mai 2025

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

„Sicherheitspolitik muss verständlich kommuniziert werden“

Ein Gespräch mit Sicherheitsexperte Rolf Clement

Die sicherheitspolitische Lage Europas befindet sich im Umbruch. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, hybride Bedrohungen, die fragile Lage im Nahen Osten und wachsende Spannungen im transatlantischen Bündnis fordern ein grundlegendes Umdenken in der deutschen Verteidigungspolitik. Doch während Milliardenbeträge für Rüstung und Infrastruktur diskutiert werden, fehlt es vielerorts noch an strategischer Klarheit, konsequenter Umsetzung und transparenter Kommunikation. Wie gut ist Deutschland tatsächlich vorbereitet? Reicht der politische Wille aus, um die sicherheitspolitische Wende nachhaltig zu gestalten?

Diese und weitere Fragen diskutiert Norbert Froitzheim in einem ausführlichen Gespräch am, Rande der Gründungsversammlung des Vereins Sicherheitsforum mit Rolf Clement in Bonn. Rolf Clement ist einer der profiliertesten sicherheitspolitischen Journalisten Deutschlands. Clement war viele Jahre Sonderkorrespondent für Sicherheitspolitik und Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunks. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den TV-Sender Phoenix sowie die Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik. Darüber hinaus lehrte er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln.

Froitzheim: Die Debatte über Verteidigungsausgaben erweckt derzeit den Eindruck, es gehe primär um Milliardenbeträge. Müsste nicht am Anfang eine fundierte sicherheitspolitische Analyse stehen, aus der eine kohärente Strategie und realistische Maßnahmen abgeleitet werden? Liegen diese Grundlagen bereits vor?

Clement: Tatsächlich standen im Zuge der Berliner Koalitionsverhandlungen vor allem finanzielle Fragen im Vordergrund. Das darf nicht so bleiben. Zwei Dinge sind nun entscheidend: Erstens müssen die sicherheitspolitischen Grundlagen aktualisiert werden. Es existieren bereits Vorarbeiten von NATO, EU und der bisherigen Bundesregierung. Diese gilt es fortzuschreiben und um aktuelle Entwicklungen zu ergänzen – etwa die drohende Erschöpfung der ukrainischen Verteidigungskraft im Herbst. Wir müssen uns fragen: Können und wollen wir der Ukraine stärker helfen, selbst wenn sich die USA zurückziehen? Und was bedeutet das für Deutschland? Der Nahe Osten ist dabei noch nicht einmal richtig auf der Agenda.

Zweitens: Diese sicherheitspolitischen Überlegungen müssen der Bevölkerung verständlich vermittelt werden. Jetzt, da der Koalitionsvertrag steht, haben die Akteure keine Ausrede mehr – die Bürgerinnen und Bürger erwarten Aufklärung darüber, wie Freiheit, Demokratie und Wohlstand künftig gesichert werden sollen.

Froitzheim: Die Neuausrichtung unserer Sicherheitsarchitektur ist ein tiefgreifender Transformationsprozess. Aus der Wirtschaft wissen wir: 70 bis 80 Prozent aller Change-Prozesse scheitern. Können wir angesichts dessen wirklich optimistisch sein?

Clement: Ich bin optimistisch – allerdings nicht wegen jeder Formulierung im Koalitionsvertrag. Dieser ist ein Kompromiss, aber eine brauchbare Arbeitsgrundlage. Entscheidend ist, dass die politisch Verantwortlichen die Notwendigkeit des Wandels erkannt haben und ihn aktiv gestalten wollen. Nun muss politisch geführt werden. Die Anforderungen und auch Zumutungen müssen klar benannt werden. Nur wenn sich die handelnden Personen dieser Herausforderung stellen, ist Optimismus berechtigt.

Froitzheim: Ein nur „brauchbares Konzept“ scheint angesichts der Lage kaum ausreichend. Reden wir nicht vielmehr von einem Zweckoptimismus?

Clement: Nein, so war das nicht gemeint. Wenn Union und SPD ihre Konzepte zu einem tragfähigen gemeinsamen Plan formen, ist das ein Anfang. Natürlich wird nachgesteuert werden müssen – etwa bei der Wehrpflicht. Politik ist die Kunst des Möglichen. Jetzt muss die Koalition zeigen, dass sie führen kann. Dafür verdient sie eine faire Chance.

Froitzheim: Die Aussagen führender US-Politiker deuten auf eine Rückbesinnung auf nationale Interessen hin, wie sie Horst Köhler 2010 formulierte. Heute ist es nicht Afghanistan, sondern der Suezkanal. Ist dieses Denken inzwischen in den politischen Entscheidungszentren angekommen?

Clement: Ja, in den zentralen Bereichen ist diese Erkenntnis angekommen. Köhler hatte damals völlig Recht – die damalige Reaktion war beschämend. Die Sicherung ökonomischer Lebensadern ist klassische Aufgabe von Sicherheitsorganisationen. Die Bedrohung durch nichtstaatliche Akteure wie die Huthi-Rebellen wird sicherheitspolitisch diskutiert. Wo solche Gruppen staatlich agieren, müssen sie auch entsprechend behandelt werden. Aber auch die innere Sicherheit spielt eine Rolle – etwa bei Terrorabwehr im Inland.

Froitzheim: Stichwort „asymmetrische Kriegsführung“: Tun sich Staaten hier nicht nach wie vor schwer? Ist ein Paradigmenwechsel absehbar?

Clement: Asymmetrische Bedrohungen sind schwer vorherzusagen, das liegt in ihrer Natur. Seit 9/11 hat sich aber viel getan – etwa bei Überwachung, Prävention, Gesetzgebung. Viele Anschläge wurden verhindert. Das Thema ist politisch angekommen, auch wenn die Erfolge im Verborgenen bleiben.

Froitzheim: Wandel beginnt im Kopf. Hat der notwendige Mindset-Change Regierung, Parlament, Parteien und Medien bereits erreicht?

Clement: Noch nicht flächendeckend. Ich erwarte von einem Kanzler Merz, dass er diesen Wandel mitträgt. Dann wird das auf Kabinett und Koalitionsfraktionen ausstrahlen. In den Medien sehe ich Defizite – der Mindset-Change eignet sich nicht für schnelle Schlagzeilen, sondern verlangt tiefere Auseinandersetzung. Auch im vorpolitischen Raum ist das Bild gemischt. Hier bleibt viel zu tun.

Froitzheim: Der Historiker Sönke Neitzel sprach davon, dass wir womöglich den letzten Sommer im Frieden erleben. Ist es sinnvoll, solche Aussagen öffentlich zu machen?

Clement: Solche Spekulationen halte ich für unseriös. Niemand kann exakt vorhersagen, was passiert. Ja, Russland könnte ab 2029 militärisch aggressiver auftreten, aber jeder weitere Schritt Richtung Westen würde NATO-Gebiet betreffen – ein hohes Risiko für Moskau. Wahrscheinlicher ist, dass Russland versucht, mit Cyberangriffen und hybrider Kriegsführung die NATO zu spalten. Genau solche Entwicklungen müssen in das NATO-Regelwerk aufgenommen werden. Der NATO-Gipfel im Juni 2025 wird dabei richtungsweisend sein.

Froitzheim: Seit dem Eklat zwischen Trump und Selenskyj scheint Geld keine Rolle mehr zu spielen. Können wir sicher sein, dass mit den Mitteln künftig effizienter umgegangen wird?

Clement: Das ist Neuland – auch in Deutschland. „Kein Geld“ kann nicht mehr als Ausrede dienen. Die Mittel müssen jedoch mit Disziplin und Weitsicht eingesetzt werden – für Ausrüstung, Personal und Infrastruktur. Gerade deshalb ist eine europäische Zusammenarbeit im Rüstungsbereich dringend erforderlich. Die Einrichtung eines EU-Verteidigungskommissars ist ein gutes Signal – jetzt müssen Taten folgen.

Froitzheim: „Infrastruktur“ war ein zentrales Thema der Koalitionsgespräche – oft bleibt der Begriff vage. Müssen wir nicht konsequent auch den Kriegsfall mitdenken?

Clement: Unbedingt. Und zwar nicht nur mit Blick auf Deutschland, sondern ganz Europa. Die NATO-Truppenverlegung nach Osten führt zwangsläufig über deutsches Gebiet – dafür brauchen wir belastbare Straßen und Brücken. Beim Bau von Parkhäusern z.B. oder Kaufhäusern mit Kellergeschoß muss berücksichtigt werden, dass wir Schutzräume brauchen. Im Moment haben wir nur für rund drei Prozent der Bevölkerung belastbare Schutzräume. Das sind zwei Beispiele, wo bei Infrastrukturplanungen berücksichtigt werden muss, was wir im Krieg brauchen. Diese Planungen müssen vom „Worst Case Szenario“ ausgehen. Ein „Es wird schon klappen“ wäre da unverantwortlich. Dieses Umdenken gehört zur Umsetzung der Koalitionsvereinbarung. Das müssen nicht nur Bundespolitiker, sondern auch Landes- und sogar Kommunalpolitiker verinnerlichen. Schutzräume sind ein weiteres Beispiel: Aktuell existieren sie nur für etwa drei Prozent der Bevölkerung. Infrastrukturplanungen müssen sich am Worst-Case-Szenario orientieren. Das muss auf allen Ebenen verstanden werden – auch auf Landes- und kommunaler Ebene.

Froitzheim: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Sechs Mal Ukraine

Schwierige Wege aus dem Krieg zu einem gerechten oder prekären Frieden

Von unserem Autor Dr. Klaus Olshausen

Die vergangenen zwei Wochen brachten für die Ukraine täglich intensive Angriffe – sowohl an der Front als auch im gesamten Luftraum.
Russland machte einmal mehr deutlich, dass die militärische und geopolitische Niederlage der Ukraine – und damit des freien Europas – weiterhin das erklärte Ziel bleibt. Außenminister Lawrow unterstrich dies mit der Aussage, dass es keinerlei Zugeständnisse bei den besetzten Gebieten geben werde. Präsident Putin bekräftigte erneut, dass die Gebiete Donezk, Saporischschja und Cherson vollständig von der Ukraine aufgegeben werden müssten. Er betonte zudem, dass auch Charkiw im Osten und Mykolajiw im Süden „historisch russisches Land“ seien.

Nach den Gesprächen in Paris zwischen US-Repräsentanten und der französischen Regierung unter Beteiligung Großbritanniens und Deutschlands erklärte Wassili Nebensja, Ständiger Vertreter Russlands bei den Vereinten Nationen, dass Gespräche über einen Waffenstillstand in der Ukraine unrealistisch seien. Ein weiteres klares Signal, nachdem ein vierstündiges Gespräch des US-Sondergesandten Steve Witkoff mit Präsident Putin in St. Petersburg keinen Weg zu einem bedingungslosen Waffenstillstand eröffnen konnte – bestenfalls eine vermeintliche Gesprächsbereitschaft Russlands, um Zeit für weitere militärische Aktionen zu gewinnen.

Die vielfältigen Gespräche der „Koalition der Willigen“, der „Ukraine Defense Contact Group“ (UDCG), des EU–Ukraine Association Council, des EU-Außenministertreffens und die Pariser Gespräche am Gründonnerstag drehen sich zunehmend um das von Donald Trump formulierte Ziel, „den Krieg zu beenden“. Deshalb ist es wichtig, erneut klarzustellen, welche politischen Ziele Russland und die Ukraine verfolgen und wie diese geopolitisch und völkerrechtlich einzuordnen sind.

Russland verfolgt mit seinem Angriffskrieg und seiner revisionistischen Politik illegitime politisch-militärische Ziele, die in den besetzten Gebieten bereits genozidale Züge tragen. Die Ukraine hingegen verteidigt legitime, völkerrechtlich geschützte Ziele – dies gilt für alle zehn Punkte ihres bereits im November 2022 vorgestellten Friedensplans.

Bei allen Vorschlägen und Maßnahmen, „das Töten zu beenden“, muss geprüft werden, ob und inwieweit der Aggressor zur regelbasierten Ordnung zurückgedrängt wird – oder ob dem Verteidiger abverlangt wird, auf Teile seiner legitimen politischen Ziele zu verzichten. Ein bedingungsloser Waffenstillstand, zu dem die Ukraine auf Druck Trumps gezwungen wurde, gesteht dem Aggressor eigenständiges Handeln in den illegal annektierten Gebieten zu – das käme der faktischen Hinnahme illegitimer Eroberungen gleich.

Wenn es um mehr geht als bloße Unterstützungserklärungen bei Treffen westlicher Regierungen und ihrer Partner in verschiedenen Formaten, steht im Hintergrund stets die zentrale Frage: Welche Art von Frieden will oder glaubt man erreichen bzw. durchsetzen zu können?

Offizielle Dokumente halten weiterhin an der Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine in den Grenzen von 1991 fest – als Grundlage für die Wiederherstellung der regelbasierten Ordnung. Daraus folgert Timothy Snyder: „Frieden in Europa kann, ja wird gelingen, wenn die Integrität der Ukraine wiederhergestellt wird – ein Erfolg für die Selbstbestimmung und die Gleichheit aller Staaten.“ Maßnahmen in diese Richtung wurden von einer großen Mehrheit der Staaten in zwei Resolutionen der Vereinten Nationen im März 2022 und Februar 2023 unterstützt – ein Weg zu einem gerechten und dauerhaften Frieden.

Doch Regierungen und Teile der Bevölkerung, die ihr Handeln und ihre Unterstützung nicht an diesen Grundsätzen ausrichten, sondern Risikovermeidung über das Erreichen legitimer Ziele für die Ukraine und ein freies Europa stellen – und gestellt haben –, hielten schon im Sommer 2022 die Wiederherstellung einer souveränen Ukraine für unrealistisch und forderten ein „Einfrieren des Konflikts“. Wer den russischen Imperialismus allein auf die Ukraine beschränkt sah, vertrat zudem vehement die Auffassung, man dürfe sich „den Zweck des Krieges nicht von der Ukraine vorschreiben lassen“.

Trump und seine Administration machen diese Haltung mit verzerrten und desinformativen Narrativen zur Grundlage ihrer Bemühungen um ein „Kriegsende“. Sie behaupten unter anderem, Selenskyj sei schuld am Krieg – und Trump sagte sogar: Man fange „keinen Krieg gegen jemanden an, der 20-mal so groß ist wie man selbst, und hoffe dann, dass dir jemand ein paar Raketen gibt“. Solche Aussagen entlasten Putin nicht nur von seiner Aggression, sie fügen sich auch in ein Geschichtsbild, das Clausewitz mit den Worten kennzeichnet: „Der Eroberer ist immer friedlich“ – und der Angegriffene soll „erdulden“, was dieser verlangt.

All dies zeigt: Trump geht es nicht um einen gerechten, dauerhaften Frieden zwischen der Ukraine und Russland im Sinne eines sicheren Europas. Vielmehr will er den Aggressor belohnen, um bilateral neue ökonomische und politische Beziehungen zu Russland aufzubauen. Für die Ukraine bedeutete das Unterwerfung und Vasallentum – für Europa große Unsicherheit und keine Eindämmung eines imperial handelnden Russlands.

Vor diesem Hintergrund ist kaum erkennbar, ob NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit seiner Unterstützung für Trumps „Push for Peace“ bei seinem Besuch in Washington, seinen Aussagen nach dem NATO-Außenministertreffen und seinem Besuch in Odessa tatsächlich glaubt, diese Gespräche könnten den Krieg zu einem gerechten und dauerhaften Frieden führen. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte schon vor Beginn der Gespräche Fakten geschaffen – mit der Forderung nach Gebietsabtretungen durch die Ukraine und einer generellen Absage an deren NATO-Mitgliedschaft.

Die Trump-Administration zwang die Ukraine zudem zu einem bedingungslosen Waffenstillstand und rang ihr einen Vertrag zur Nutzung von Bodenschätzen ab. Das alles ist keine Basis für einen gerechten und dauerhaften Frieden mit einem Aggressor, der jeden Waffenstillstand ablehnt und seine brutalen Angriffe unvermindert fortsetzt.

So endeten die ersten Gespräche der neuen Administration mit Frankreich, der Ukraine, Großbritannien und Deutschland am Gründonnerstag nach außen hin mit der knappen Feststellung, man werde sich gemeinsam für einen „soliden Frieden“ einsetzen – wobei offen bleibt, was jeder Einzelne unter „solide“ versteht.

Dr. Klaus Olshausen, ehemaliger Generalleutnant und sicherheitspolitischer Experte, nimmt beim Sicherheitsforum Deutschland regelmäßig Stellung zum Russland/Ukraine-Krieg. Seine Analysen betonen die sicherheitspolitischen und strategischen Implikationen der westlichen Unterstützung für die Ukraine und mahnen immer wieder zur Wachsamkeit gegenüber einem expansiv agierenden Russland. Seine Beiträge tragen wesentlich zur sicherheitspolitischen Debatte im deutschsprachigen Raum bei.

Bild: Hans Seidel Stiftung

Die Grundgesetzänderung ist eine Verpflichtung

Ein Kommentar von unserem Autor Rolf Clement

Es war ein „Running Gag“ in der Kanzlerzeit von Helmut Kohl. Bei den Pressekonferenzen zum Haushalt wurde er regelmäßig auch nach dem Verteidigungshaushalt gefragt – in Zeiten der Blockkonfrontation verlief die Diskussion um diesen Einzelplan ähnlich wie heute. Kohls Antwort war stets: „Die Bundeswehr bekommt, was sie braucht.“

Da jedoch die Ansätze im Einzelplan 14, dem Wehretat, damals deutlich hinter dem zurückblieben, was Experten für nötig hielten, machte bald ein ironischer Spruch die Runde unter Journalisten: Die Bundeswehr braucht, was sie bekommt.

Das hat sich nun geändert.
Die Grundgesetzänderung zur Schuldenbremse – für die Sicherheit de facto ausgesetzt – macht die Koalitionsverhandlungen zielorientierter. Die Aussage „Das können wir uns nicht leisten“ fällt weg. Die Koalitionäre müssen nun festlegen, was für die Sicherheit Deutschlands nötig ist. Darüber muss dann der Bundestag beraten und entscheiden.
Denn es gilt weiterhin: Jedes Gerät, das die Bundeswehr beschafft und dessen Wert eine bestimmte Schwelle überschreitet, muss vom Haushaltsausschuss – nach entsprechender Beratung im Verteidigungsausschuss – gebilligt werden. Derzeit liegt diese Grenze bei 25 Millionen Euro. Sie müsste angehoben werden. Denn diese Schwelle führt dazu, dass das Verteidigungsministerium kaum noch etwas ohne Bundestagsbeteiligung beschaffen, nachbeschaffen oder ersetzen kann. Das wäre ein erster Schritt zum Bürokratieabbau.

Schaut man zunächst nur auf die Bundeswehr, ist der Mangel dort bekanntlich groß.
Die Bundeswehr strebt eine Vollausrüstung für zwei Brigaden an: eine nationale Brigade im Rahmen der Division 2025 und die in Litauen stationierte. Um dieses Ziel zu erreichen, wird bereits Gerät zusammengezogen. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr viel Material an die Ukraine abgegeben hat. So ist im deutschen Anteil der deutsch-französischen Brigade kaum noch eine Ausbildung am Gerät möglich – es fehlt schlicht an Ausrüstung.
Die erste Aufgabe des neuen Bundestages wird es also sein, die entstandenen Lücken zu schließen, damit die Soldatinnen und Soldaten angemessen ausgebildet werden können.

Der zweite Schritt ist ein Plan, was die Bundeswehr künftig in welchem Umfang braucht.
Die Auseinandersetzungen der letzten Jahre – Bergkarabach 2020, Ukraine seit 2022 – haben neue Entwicklungen offengelegt. In beiden Konflikten haben Drohnen eine überragende Bedeutung gewonnen. Viele Operationen werden durch Drohnen geführt.
Vor diesem Hintergrund mutet die frühere deutsche Debatte darüber, ob Drohnen bewaffnet werden dürfen, geradezu weltfremd an. Diese Diskussion scheint nun beendet: Drohnen ohne Waffen haben im Gefecht wenig Wirkung.

Das zeigt: Kriegerische Auseinandersetzungen werden heute mit deutlich vielseitigeren Mitteln geführt.
Natürlich bleibt die Panzerwaffe ein zentrales System. Man erinnere sich an den Beginn des Ukraine-Kriegs, als Russland mit einer massiven Panzerkolonne versuchte, schnell Kiew zu erreichen. Diese Kolonne wurde durch gezielte Angriffe der Ukrainer zum Erliegen gebracht. Einige Panzer wurden so zerstört, dass nachfolgende Fahrzeuge blockiert wurden. Dieses Vorgehen kann nicht verallgemeinert werden, doch es zeigt die Verwundbarkeit. Die Panzerwaffe bleibt Teil des Kriegsgeschehens – wie andere Waffensysteme auch.

Immens wichtig sind Aufklärungsmittel.
Die Diskussion darüber, ob die USA ihre Aufklärungsdaten der Ukraine weitergeben, muss Europas Staaten auf den Plan rufen. Sie können sich nicht mehr bedingungslos darauf verlassen, dass Washington bei Bedarf liefert. Auch hier muss der neue Bundestag investieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherung der Infrastruktur.
Diese Aufgabe wird aus dem regulären Haushalt und dem Sondervermögen finanziert. Zwei Beispiele:

  • Die Sicherheit der Verkehrswege in der Ostsee ist zunehmend bedroht. Dort operieren Schiffe mit verdecktem militärischem Auftrag, beschädigen Unterseekabel – die Lebensadern der digitalen Kommunikation – und umgehen Sanktionen gegen Russland. Russisches Öl wird auf hoher See illegal umgeschlagen. Die Marine muss in die Lage versetzt werden, solche Vorgänge aufzudecken und zu unterbinden. Dies wird auch über einen Waffenstillstand hinaus erforderlich sein – hybride Kriegsführung wird weitergehen, auch im scheinbaren Frieden.

  • Deutschland ist im Krisen- und Kriegsfall eine logistische Drehscheibe für die NATO. Truppenbewegungen unserer Verbündeten werden über deutsches Gebiet laufen. Dafür müssen Straßen und Brücken belastbar sein – nicht nur Autobahnen und Bahntrassen, sondern auch Ersatzrouten. Hauptverbindungen würden im Ernstfall schnell Ziel gegnerischer Angriffe.

Auch jenseits offener Kampfhandlungen sind Deutschland und seine Bündnispartner bereits Ziel hybrider Angriffe.
Diese Angriffe finden jetzt schon statt. Die Gegenmaßnahmen müssen massiv ausgeweitet werden. Dabei sind auch offensive Optionen zu prüfen: Es kann nicht sein, dass Russland und seine Verbündeten unsere Informationskanäle fluten, während wir das nur freundlich abwehren.
Der Westen muss um die Informationshoheit auch offensiv ringen – mit digitalen Mitteln. Hier wartet auf die neue Bundesregierung und den Bundestag eine zentrale Aufgabe.

Ein weiterer Bereich ist die Luftverteidigung.
Auf NATO-Ebene wird an einem gemeinsamen System gearbeitet. Diese Bemühungen müssen intensiviert und beschleunigt werden.
Dazu gehört auch die Fähigkeit, gegnerische Angriffe durch Maßnahmen im gegnerischen Hinterland zu unterbinden.
Vor diesem Hintergrund ist die deutsche Debatte über die Lieferung von Taurus-Systemen unverständlich. Selbstverständlich muss die NATO über solche Fähigkeiten verfügen – und sie auch nutzen.

Zugleich muss die europäische Rüstungsautonomie gestärkt werden.
Die Abhängigkeit von den USA soll reduziert werden – nicht aus Misstrauen, sondern aus Realismus. Präsident Trump macht klar, dass seine Prioritäten nicht in Europa liegen. Aber auch unter einer Präsidentin Kamala Harris oder einem anderen demokratischen Nachfolger wird der sicherheitspolitische Fokus auf Asien liegen. Das ist nachvollziehbar, aber Europa muss selbst handeln.
Daher müssen europäische Projekte wie ein neues Heeressystem oder ein gemeinsames Transportflugzeug (Future Large Aircraft) mit Hochdruck vorangetrieben werden.
Deutschland hat vorerst US-Kampfjets beschafft – eine Entscheidung, die bereits beim Zustandekommen kritisch diskutiert wurde. Heute sind die Argumente der Kritiker noch plausibler geworden.

Die deutschen Rüstungsanstrengungen müssen mit denen der europäischen Partner harmonisiert werden.
Die EU hat ein milliardenschweres Programm zur Unterstützung der Verteidigung aufgelegt – vor allem für weniger finanzstarke Staaten. Diese Chance muss genutzt werden, um Planungen zu koordinieren.
Wann kommt es in der EU endlich zu echter Arbeitsteilung? Braucht jede Armee wirklich jede Fähigkeit im eigenen Land? Vieles ließe sich gemeinsam entwickeln.

Das aber setzt voraus, dass im Ernstfall gemeinsam entwickelte Rüstungsgüter allen Beteiligten zur Verfügung stehen.
Das läuft auf eine europäische Verteidigungsgemeinschaft hinaus – ähnlich dem Konzept der 1950er-Jahre, das damals am französischen Parlament scheiterte. Dabei ist auch zu prüfen, ob die EU der richtige Rahmen ist. Möglicherweise braucht es eine neue Bündnisstruktur – ohne etwa Ungarn, aber mit Großbritannien.

Und: Deutschland muss bei der Beschaffung schneller werden.
Die Industrie braucht klare Signale, damit sich Investitionen in Produktionskapazitäten lohnen. Sonst wird nicht geliefert.
Erste Fortschritte sind gemacht. Rüstungsunternehmen berichten von deutlich beschleunigten Abläufen. Verzögerungen entstehen inzwischen vor allem auf Seiten der Bundeswehr – bei Entscheidungsfindung und Erprobung. Hier muss die Regierung entschlossen gegensteuern.

Bei all dem geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Menschen.
Die Bundeswehr versucht seit Jahren, die Personalstärke von 180.000 auf 203.000 zu erhöhen. Diese Zahl dürfte künftig noch zu niedrig sein.
Die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht wird diskutiert – zu Recht. Doch allein darauf zu setzen, wäre naiv.
Die demografische Entwicklung spricht dagegen: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre gehen in den Ruhestand, die nachrückenden Jahrgänge sind deutlich schwächer.
Deshalb muss klug geplant werden – für alle Organisationen: Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Rettungsdienste, Feuerwehren.

Fazit:
Die Debatte um eine Grundgesetzänderung hat gezeigt, dass es um zentrale Fragen deutscher Politik geht.
Geld allein reicht nicht. In den vergangenen Jahren ist ein erheblicher Handlungsstau entstanden. Jetzt muss entschlossen gehandelt werden – mit den bereitgestellten Mitteln, aber auch mit einem klaren sicherheitspolitischen Kompass.

Dafür braucht die Bundesregierung – und die sie tragende Koalition – einen neuen Mindset in der Bevölkerung.
Diesen wollte Bundeskanzler Scholz mit seiner „Zeitenwende“-Rede nach dem russischen Überfall auf die Ukraine anstoßen.
Doch außer der Rede folgte wenig. Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist da – es muss nun gestärkt und stabilisiert werden.

Bislang hat der Bundestag vor allem finanzielle Mittel bereitgestellt. Doch das Sondervermögen für die Bundeswehr ist im Grundgesetz verankert – es gilt auch in künftigen Legislaturperioden.
Das erhöht die Verantwortung. Nun braucht es gute Begründungen und kluge Planung – damit die sicherheitspolitischen Instrumente Deutschlands wirksam, zukunftsfähig und belastbar werden.

23. März 2025

Rolf Clement Journalist und ehemaliger Korrespondent für Sicherheitspolitik beim Deutschlandfunk

Die in diesem Text geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der gesamten Redaktion.

Wie handlungsfähig ist der Strafgerichtshof?

Ein Interview von Julia Schönig mit Claus Kreß, Straf- und Völkerrechtler, in WDR 5

Einst gegründet, um das länderübergreifende Strafrecht zu stärken, steckt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag mittlerweile in der Krise. Welche Zukunft hat das Gericht?

Als der Internationale Strafgerichtshof 2002 seine Arbeit aufnahm, war das Ziel klar definiert: Der Gerichtshof sollte unabhängig arbeiten und Strafverfahren bei Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen führen können.
Doch was in der Anfangszeit gut zu funktionieren schien, hat sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Regierungen üben offen Druck auf das Gericht aus. Haftbefehle wie der gegen Wladimir Putin haben kaum eine Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Und an anderen Entscheidungen, etwa dem Erlass des Haftbefehls gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, entzünden sich internationale Debatten.

Wie stark und wirksam ist der Internationale Strafgerichtshof heute noch – und hat er eine Zukunft?
Ein Gespräch mit Professor Claus Kreß, Straf- und Völkerrechtler sowie Berater des Anklägers des Internationalen Strafgerichtshofs für das Verbrechen der Aggression.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-claus-kress-100.html

22. März 2025 Bild: WDR

Russische Bedrohung: Wie wir uns in Deutschland schützen müssen

Bild: Peter Müller/Bild

Ein Interview von BR24 mit Martin Schelleis

Es geht um die Sicherheit Deutschlands. Die hängt nicht nur von Soldaten und Waffen ab. Im Verteidigungsfall kommt es auch auf den Schutz der Bevölkerung an. Nach einer Umfrage der christlichen Hilfsorganisation Malteser wächst das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Vorsorge – beispielsweise Vorräte im Keller zu lagern oder den Erste-Hilfe-Kurs aufzufrischen.
„Das sind die Dinge, die jeder Bürger selbst anpacken muss“, sagt Martin Schelleis. Er war ranghoher General bei der Bundeswehr und ist jetzt Bundesbeauftragter für Sicherheits- und Zivilschutzthemen bei den Maltesern.

Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Russland fordert Schelleis von der neuen Bundesregierung, den Zivilschutz zu stärken. „Es braucht mit Sicherheit mehr Personal im Blaulichtbereich“, sagt Schelleis im BR-Interview und meint damit mehr Helfer, die im Verteidigungsfall Menschen in Schutzräume begleiten, Flüchtlinge unterbringen, die Verpflegung sicherstellen sowie medizinische und psychologische Betreuung leisten. Freiwilligendienste, so seine Einschätzung, stoßen da an Grenzen.

Das ganze Interview hören Sie im Podcast.
Weitere Themen: Der fragile Frieden in Syrien und die wehrhafte Demokratie in Thüringen.


Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in der Bundeswehr und bei der NATO – von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene.
Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf dem Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken.

Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Malteser. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an.

Hören Sie hier das Interview: https://www.ardaudiothek.de/episode/politik-und-hintergrund/russische-bedrohung-wie-wir-uns-in-deutschland-schuetzen-muessen/br24/14290271/

22. März 2025

Offenbarungseid als Chance

Der Zusammenhang zwischen Verteidigungsfähigkeit und der Implementierung eines Nationalen Sicherheitsrats

Unsere Autorin Christina Moritz ist seit Jahren eine leidenschaftliche Befürworterin eines Nationalen Sicherheitsrates für Deutschland

Von unserer Autorin Christina Moritz

Krisengespräche statt Karnevalspause.
Friedrich Merz, Partei- und Fraktionschef der Union, drückte in den Sondierungsgesprächen mit der SPD aufs Tempo. Denn es gilt, eine Steigerung der Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur mit einem 500-Milliarden-Sondervermögen noch in der laufenden Legislaturperiode zu beschließen, bevor neue Mehrheiten im Bundestag die hierfür erforderliche Grundgesetzänderung verhindern.
Die Täter-Opfer-Umkehr im Ukraine-Krieg, die US-Präsident Donald Trump vor laufenden Kameras inszenierte, und die Aussetzung bereits zugesagter Militärhilfen für Kiew lassen keinen Zweifel: Deutschland und Europa müssen – der schwindenden amerikanischen Unterstützung geschuldet – aus dem Stand militärisch handlungsfähiger werden.
Für die Bundesrepublik bedeutet dies, die jahrzehntelang unterfinanzierte Bundeswehr in kürzester Zeit umfassend aufzurüsten und mehr Personal zu gewinnen. Der verantwortungsvolle Einsatz der deutschen Streitkräfte kann allerdings nur im Rahmen eines strategischen Konzepts zur gesamtstaatlichen Verteidigung erfolgen. Dieses wiederum ist untrennbar mit der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers verbunden.
Verteidigen können heißt daher zugleich, einen Nationalen Sicherheitsrat einzurichten – und zwar unverzüglich.


Spätestens seit der Annexion der Krim 2014 durch Russland hätten Deutschland und seine europäischen Verbündeten wieder mehr in Verteidigung investieren müssen.
Nach Jahren der Untätigkeit und sogar Reduzierung militärischer Fähigkeiten gibt es – ohne den amerikanischen Beitrag – in der Gesamtschau zu wenig, um in einer militärischen Konfrontation mit Moskau zu bestehen. Jetzt braucht es Aufrüstung auf Kriegstauglichkeitsniveau – auch, um der russischen Kriegswirtschaft mit ihrer Drei-Schichten-Produktion von Waffen und Kriegsgerät etwas entgegensetzen zu können.
Deshalb stehen die gemeinsame Beschaffung und Produktion von Rüstungsgütern ganz oben auf der Brüsseler Agenda. Die EU-Mitgliedstaaten planen hierfür ein Sondervermögen von zunächst 800 Milliarden Euro. Frankreich will zudem nukleare Abwehrkapazitäten in Deutschland stationieren. Polen trifft Vorkehrungen, alle erwachsenen Männer noch im Laufe des Jahres an der Waffe auszubilden und so seine Reserve aufzustocken.
In Berlin ist derweil die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht entbrannt, die die CSU bereits für 2025 fordert. Ob die Bundesrepublik sich den Luxus leisten kann, auf Freiwilligkeit statt auf eine allgemeine Dienstpflicht zu setzen, ist angesichts des Ernstes der Lage zu bezweifeln. Die bundesweite Ermittlung der Daten junger Frauen und Männer ist deshalb ein Schritt in die richtige Richtung.
Um die gesamtstaatliche Resilienz zu erreichen, auf die es jetzt insgesamt ankommt, muss dieser Schritt allerdings durch weitere Maßnahmen im Bereich Ausstattung, Finanzierung, Gesetzesanwendung, Gesetzgebung und vor allem bei der Einbeziehung und Vorbereitung der Gesellschaft ergänzt werden.


Die Bevölkerung hat die Zeichen der Zeit längst erkannt.
Seit Jahren kommen Umfragen zu dem Ergebnis, dass über 70 Prozent größere Investitionen in Sicherheit befürworten. Das aktuelle Politbarometer spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: Eine Mehrheit der Menschen im Lande goutiert die Einrichtung des von CDU und CSU vorgeschlagenen Sondervermögens.
Sie haben verstanden – zum einen, dass nur so die Folgen jahrzehntelanger Versäumnisse zu beseitigen sind. Zum anderen wohl auch den engen Zusammenhang zwischen einer funktionierenden Infrastruktur und der militärischen wie zivilen Resilienz Deutschlands.
Doch mehr Haushaltsmittel, Material und Personal allein werden keinesfalls genügen, um Staat und Gesellschaft für potenzielle Bedrohungen zu wappnen und diese auf längere Sicht wirksam bekämpfen zu können.


Den komplexen Transitionsprozess mit einem Nationalen Sicherheitsrat strategisch steuern
Während des schnell voranzutreibenden Prozesses der Transition hin zu einer zeitgemäßen Vollausstattung der Bundeswehr und gesamtgesellschaftlicher Resilienz sollte bei aller gebotenen Eile der Ausbau strategischer Fähigkeiten nicht vernachlässigt werden.
Vielmehr sind Analyse- und Vorausschaukapazitäten unbedingt zeitgleich durch institutionelle Anpassungen zu stärken. Die überwiegende Zahl der europäischen Nachbarländer koordiniert die derzeit notwendigen Schritte über Nationale Sicherheitsräte – ein Modell, das Deutschland übernehmen sollte.
Denn nur mit strategischer Beratung und Steuerung durch diese übergeordnete Sicherheitsinstitution kann das komplexe Management nationaler Sicherheit ressort- und themenübergreifend, vertikal und horizontal umfassend abgestimmt hinreichend gelingen.
Darüber hinaus müssen die Nachrichtendienste operativ – neben dem Abgleich mit der Lage außen – noch stärker in die Informationsgewinnung zur Lage innen einbezogen werden, was einfachgesetzlich schnell ins Werk zu setzen sein dürfte.
Über welche Ressourcen, Redundanzen oder Reserven die Bundesrepublik in Sektoren wie Energie, Gesundheit, Ernährung und kritischen Infrastrukturen insgesamt verfügt, ist von ebenso zentraler Bedeutung für den Erhalt und die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit des Staates wie die Bestandsaufnahme und Ergänzung militärischer Ausstattung.

Die Warnung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Anfang März 2025, die Bevölkerung sei im Kriegsfall kaum geschützt, muss alarmieren.
Während der Corona-Pandemie hatte es Presseberichte über geplante Gesundheitsreserven des Bundes gegeben – über deren tatsächliche Schaffung jedoch nichts.
Das DRK bemängelt indes, es fehle an Notunterbringungsmöglichkeiten, Medikamenten und Hilfskräften und fordert 20 Milliarden Euro aus dem neuen Sondervermögen zur Beseitigung dieses Mangels. Der Zivilschutz sei „blank“, auf den Verteidigungsfall nicht vorbereitet.
Privathaushalte sollten „Notvorräte wie haltbare Lebensmittel, Wasser und Hygieneartikel bereithalten“; die Bevölkerung, so der FAZ-Beitrag, solle „etwa durch mehr Erste-Hilfe-Kurse mit Selbstschutzinhalten besser geschult werden“.
Der damalige Innen- und spätere Verteidigungsminister Thomas de Maizière war seinerzeit für den Vorschlag, jedem Haushalt entsprechende Handreichungen zur Verfügung zu stellen, harsch kritisiert und belächelt worden. Heute zeigt sich, dass ein solches Vorgehen dringend geboten und überlebenswichtig geworden ist.
Die skandinavischen Länder gelten hier mit ihrem Konzept der Gesamtverteidigung als Vorbilder für die gelungene Verbindung militärischer und ziviler Sicherheitsvorsorge.


Sicherheitspolitischer Offenbarungseid als Chance

„Blank“ war auch die Begrifflichkeit, die der Inspekteur des Heeres, Alfons Mais, vor nicht allzu langer Zeit verwendete, um den Mangel an Kriegstauglichkeit zu beschreiben. Die Lage ist ernster denn je – nicht erst seit dem Eklat im Weißen Haus.
Das belegen die mit steigendem Nachdruck vorgetragenen öffentlichen Warnungen aller deutschen Nachrichtendienste vor einer militärischen Konfrontation mit sowie Sabotage durch Russland.
Gefährliche Lücken gibt es in der Bundesrepublik zudem bei der Rückführung von Gefährdern in ihre Herkunftsstaaten, was die Verunsicherung im täglichen Leben weiter steigert.
Der Anstieg der Zahl mit Fahrzeugen und Messern verübter Terroranschläge und der Bandenkriminalität im Migrantenmilieu ist überdies kein rein deutsches, sondern ein europäisches Problem.
Erinnert sei an Meldungen aus Schweden, das als Reaktion auf Gewaltdelikte und aus dem Ausland gesteuerte organisierte Kriminalität mit einer Begrenzung der Einwanderung reagierte.
Zwischen Schweden und Dänemark, wo Banden verstärkt schwedische Jugendliche rekrutiert hatten, besteht seit August 2024 ein Kooperationsabkommen zur Bekämpfung der Bandenkriminalität.
Wie im Bereich Terrorismus mittlerweile gängige Praxis, erfolgte die Rekrutierung über digitale Kanäle und das Internet.
Dies sind nur einige Beispiele für die Verflechtung und Internationalisierung von Bedrohungen und deren Instrumenten.

Alles in allem ist – im Inland wie im Ausland – aus vielen Mündern ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid zu vernehmen.
Doch dieser ist nicht – wie in seiner ursprünglichen Bedeutung – eine finale Bankrotterklärung, sondern eine Chance, wenn er zügig zu einem strategischen und operativen Umsteuern führt, das seinen Ausdruck in sichtbaren und verständlich kommunizierten Maßnahmen findet.

Desinformation und Beeinflussung im Rahmen der hybriden Kriegführung Moskaus speisen sich wesentlich aus Unsicherheit und Vertrauensverlust in staatliches Handeln. Deshalb müssen Anpassungen nicht nur angegangen, sondern den Menschen auch plausibel erklärt werden.
So etwa das Sondervermögen, das sich aus bisher nicht erfolgten Mittelzuweisungen und aktuellem Investitionsbedarf errechnet.

Doch warum muss vor dem Hintergrund der aufgezeigten sicherheitspolitischen Lage die Schaffung eines Nationalen Sicherheitsrates im Bundeskanzleramt zeitgleich und schnellstmöglich erfolgen?

Weil dies die einzige institutionelle Plattform ist, die in dieser komplexen Gemengelage alle relevanten Daten für ganz Deutschland zentral bündeln, strategisch bewerten und priorisieren kann.
Einzig hier können Informationen umfassend verdichtet und im nationalen wie internationalen, ressortübergreifenden Abgleich auf Richtigkeit und Relevanz überprüft werden.
Überdies ist nur über diese „Leitstelle“ die parallele Bearbeitung mehrerer Krisen möglich. Zeitgleich sind Maßnahmen auf unterschiedlichsten Ebenen von Staat und Gesellschaft zu koordinieren.

Doch NSR-Vorbilder weltweit zeigen: Das ist leistbar – und generiert auch mittel- bis langfristig einen deutlichen Mehrwert.

Auf eine kurze Formel gebracht:
Je vollständiger das Lagebild, desto besser der strategische Rat für den Bundeskanzler. Je besser die (Re-)Priorisierung von Bedarfen und Maßnahmen, desto zielgenauer die (Re-)Priorisierung der Bundeshaushaltsmittel.

Es kann als Glücksfall gelten, dass der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates im Kanzleramt zur Chefsache gemacht hat und in der Außen- und Verteidigungspolitik bereits mit Verve die Abstimmung und Kooperation mit internationalen Partnern wie Frankreich sucht.
Auch, dass er die verbliebenen Partner der Ampel-Koalition ohne weiteres Zuwarten zum migrationspolitischen Offenbarungseid gezwungen und in den Sondierungsverhandlungen bereits Maßnahmen zur Begrenzung illegaler Zuwanderung durchgesetzt hat. Die Mehrheit der Menschen im Lande weiß er laut Umfragen in dieser Frage ebenfalls hinter sich – und mit Sicherheit sämtliche Sicherheitskräfte, die nicht mehr mit einem nicht enden wollenden Zustrom neuer potenzieller Gefährder rechnen müssen.

So, wie es Österreich jüngst gelang, den Familiennachzug EU-rechtskonform zu stoppen, wird dies demnächst auch in Deutschland möglich sein – und damit Länder und Kommunen entlasten.

Ein Glücksfall auch: Dieser designierte Kanzler hat erkannt, wie und wann gehandelt werden muss – bei akutem Handlungsbedarf sofort und parteiübergreifend abgestimmt.
In der beginnenden Legislaturperiode wird es eine linke Sperrminorität geben, die Grundgesetzänderungen verhindert. Fakt ist aber, dass die Anpassung der deutschen Sicherheitsarchitektur auch ohne solche Änderungen auskommen wird.
Ein Nationaler Sicherheitsrat ist als Kabinettsausschuss qua Richtlinienkompetenz schnell eingerichtet.

Deutschland und Europa sind nicht mehr im Frieden, noch nicht im Krieg, aber dringend gefordert, mit vereinten Kräften zu handeln.
Friedrich Merz hat bereits unter Beweis gestellt, dass er dafür über die nötige Führungs- und Gestaltungskompetenz verfügt. Nun muss er die viel kritisierte Selbstverzwergung Deutschlands beenden, indem er nicht nur Militär, Infrastruktur und Wirtschaft auf Stand bringt, sondern das Land auch durch die umgehende Einsetzung eines Nationalen Sicherheitsrates wieder handlungs- und strategiefähig – und damit resilient – macht.

Christina Moritz, Berliner Politologin und CISS Fellow, forscht und promoviert zu ihrem Modell für einen deutschen Nationalen Sicherheitsrat, das sie 2016 erstmals orgestellt hat. Die Expertin setzt sich in Fachpublikationen und Vorträgen für die Schaffung der Institution ein.

Hötren Sie ein Interview mit Christina Moritz zum Thema „Die Widerstandfähigkeit der Bundesrepublik“ im NDR unter https://www.ndr.de/nachrichten/info/Christina-Moritz-Die-Widerstandsfaehigkeit-der-Bundesrepublik-verbessern,audio1833304.html

Der Beitrag gibt ihre persönlichen Einschätzungen und Ansichten wieder.

Der Beitrag erschien im Original im Newsletter Verteidigung 10/2025