Archiv für das Monat: November, 2025
Sicherheit auf Schloss Miel
/0 Kommentare/in Uncategorized/von FroitzheimNeue Kooperation startet im Januar 2026 mit einem hochkarätig besetzten Jahresempfang
Sicherheitsgespräche Schloss Miel – Auftakt einer neuen Reihe
Besondere Vorträge brauchen einen besonderen Rahmen. Das Sicherheitsforum Deutschland und die Golf Club Schloss Miel GmbH eröffnen mit den Sicherheitsgesprächen Schloss Miel eine neue Veranstaltungsreihe, die hochrangige Stimmen aus Politik, Wissenschaft und strategischer Analyse nach Schloss Miel führt. Der spätbarocke Bau, zwischen 1768 und 1772 auf den Grundmauern einer früheren Burg errichtet, gilt als herausragendes Beispiel des französischen Maison de Plaisance. Er wurde vom kurkölnischen Minister Caspar Anton Freiherr von der Heyden, bekannt als Graf Belderbusch, geschaffen und prägt bis heute die Atmosphäre des Ortes. Weiterlesen
Die Renaissance der Machtpolitik
/0 Kommentare/in Uncategorized/von FroitzheimMachiavelli ist aktueller denn je – Ein Gespräch mit Professor Gerhard Blicke, Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn
Norbert Froitzheim: Wir befinden uns in einer Welt des fundamentalen Wandels, die Zeit einer unipolaren Weltordnung mit einem „wohlmeinenden Hegemon“ scheint zumindest vorerst vorbei. Welche Grundideen Machiavellis sind nach Ihrer Ansicht für das Verständnis moderner Machtpolitik bis heute noch relevant?
Professor Gerhard Blickle: Machiavelli war ein Politikpraktiker. Er hat seinen Stadtstaat Florenz in den Verhandlungen mit dem französischen König und dem deutschen Kaiser vertreten. Er war auch eine Zeit lang für die Organisation der Verteidigung und des Militärs seiner Heimatstadt verantwortlich. Er wusste also, wovon er sprach bzw. schrieb. Für ihn hatte die Sicherstellung der Verteidigungsfähigkeit seines Stadtstaates durch die eigenen Bürger erste Priorität. Wenn ein Staat sich nicht selbst durch seine eigenen Bürger verteidigen kann, wird er, so Machiavelli, zum Spielball der politischen Interessen anderer. Er hat sich stark gegen das Outsourcen von militärischer Sicherheit ausgesprochen. Damals waren das bezahlte Milizen, die ein Staat anheuern konnte. Machiavelli aber war klar: Bezahlte Milizen verfolgen immer ihre eigenen Interessen und nicht die Interessen ihrer Auftraggeber. Das Outsourcen von Sicherheitsleistungen bringt keine wirkliche Sicherheit, sondern nur ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.
Norbert Froitzheim: Wir haben in Gedanken an Machiavelli einen bestimmten Typus von Politiker vor Augen. Kann politische Macht ohne machiavellistische Denkweisen überhaupt existieren? Inwiefern muss das Handeln politischer Führer in Demokratien und Autokratien von diesen Prinzipien geleitet sein?
Professor Gerhard Blickle: Wenn man sich einen machiavellistischen Politiker vorstellt, steht die tatsächliche Skrupellosigkeit hinter einer Fassade von Wohlanständigkeit im Vordergrund. Es gehört jedoch noch ein weiteres wichtiges Merkmal dazu, das nicht immer nach außen dringt. Ein machiavellistischer Mensch ist zutiefst skeptisch und umgetrieben von Ängsten. Er unterstellt den negativsten Fall als den Normalfall. Das bezeichnet man als Zynismus. Er traut jedem und jeder alles zu. Deshalb predigt er Misstrauen gegen jedermann. Darin bestehen seine Stärke und seine Schwäche zugleich. Putin nie über den Weg zu trauen, war offensichtlich vollkommen richtig. Hätten aber die Franzosen (De Gaulle) und Amerikaner (Truman) nach dem Zweiten Weltkrieg den Deutschen nie wieder über den Weg getraut, hätte das Nachkriegseuropa nach 1945 nie blühen können, was zum Nutzen der Franzosen, Amerikaner und Deutschen war und ist. Was es braucht, ist glaubhafte vertrauensbildende Maßnahmen. Dazu gehören in einem benachbarten Land eine freie Presse, eine unabhängige Justiz, Gewaltenteilung und Machtwechsel durch demokratische Wahlen. In dem Maß, wie sich diese Strukturen in einem anderen Staat verflüssigen oder sogar auflösen, ist allerhöchste Vorsicht geboten. Aber es gibt keine Patentlösung. Denken Sie an den israelischen Ministerpräsidenten Rabin: Er war zu Verhandlungen mit dem ehemaligen Terroristenführer Arafat bereit und wurde von seinen eigenen Leuten, den Israelis, im Amt erschossen. Der beste Geheimdienst der Welt hat dieses Attentat aus den eigenen Reihen nicht verhindert. Das wäre wieder ein Punkt für Machiavelli: „Misstraue jedem, auch dem eigenen Geheimdienst.“
Norbert Froitzheim: Welche Parallelen sehen Sie zwischen Machiavellis Zeit des Umbruchs und den heutigen geopolitischen Verschiebungen und Spannungen im Inneren der meisten westlichen Demokratien?
Professor Gerhard Blickle: Ich sehe eher einen wichtigen Unterschied: Die Institutionen, zum Beispiel UNO, Internationaler Strafgerichtshof, humanitäres Kriegsvölkerrecht, um nur einige zu nennen, sind vorhanden. Ein solches internationales Regelwerk gab es damals nicht. Diese Institutionen müssen nicht erst erdacht werden. Aber keiner der mächtigen Staaten hält sich im Zweifelsfall daran. Allerdings: Die Amerikaner sind aus Afghanistan und dem Irak nach hohen eigenen Verlusten inzwischen wieder abgezogen. Deshalb kann man hoffen, dass durch entsprechende Verschleißung der russischen Ressourcen die Russen sich wieder aus der Ukraine zurückziehen werden. Vielleicht muss man abwarten, bis Putin gestorben ist. So war es ja auch mit dem Ende des sowjetischen Einsatzes in Afghanistan in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Norbert Froitzheim: Ist Machiavellis Begriff von „virtù“, also Tatkraft, Entschlussfähigkeit und strategischem Realismus, in der Politik in Deutschland überhaupt erkennbar oder widerspricht er dem derzeitigen politischen Grundverständnis deutscher Politik?
Professor Gerhard Blickle: Diese Kritik an der deutschen Regierungspolitik ist oberflächlich. Warum wurde die NATO gegründet? „First of all, to keep the Russians out, second, to keep the Germans down, and finally, to keep the Americans in.“ Viele unserer Nachbarländer haben zweimal die schreckliche Erfahrung machen müssen, von Deutschland plattgewalzt zu werden. Deutsche Truppen standen 1940 plötzlich nicht nur in Prag, Warschau, Kopenhagen, Oslo, Den Haag und Paris, sondern eroberten auch erfolgreich Kreta. Die Genialität der bis heute andauernden großen amerikanischen Militärpräsenz in Europa ist, dass kein Nachbarland in Europa vor Deutschland militärisch etwas befürchten muss. Wenn Deutschland sein gesamtes militärisch technisches Potenzial entfalten würde, wären unsere unmittelbaren Nachbarn sehr beunruhigt. Die große Herausforderung an die deutsche Außenpolitik ist deshalb, to keep the Americans in (atomare Abschreckung), hoch abgestimmt mit unseren Nachbarn zu handeln (Vermeidung der Isolierung) und dafür zu sorgen, dass Russland sein Militärpotenzial in der Ukraine erfolglos verschleißt.
Norbert Froitzheim: Gerade was Deutschland betrifft, so scheint Machiavellis Idee „Der Zweck heiligt die Mittel“ in einem unauflösbaren Spannungsfeld zu den heutigen Vorstellungen von Transparenz und Ethik in der Politik zu stehen.
Professor Gerhard Blickle: Am Beispiel von Israels Vorgehen gegen die Hamas nach dem Überfall Israels durch die Hamas kann man Sinn und Grenzen einer solchen militärisch politischen Vorgehensweise gut erkennen. Die Hamas ist eine Mörderbande, gerade auch gegen das eigene Volk, und sie hat es geschafft, Israel auf der ganzen Welt durch sein Vorgehen gegen die Hamas zu isolieren. Es ist manchmal sehr schädlich für einen Staat, all das zu tun, was er kann. Also dem Rat zu folgen „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist öfter nicht nur unmoralisch, sondern einfach ein großer politischer Fehler.
Norbert Froitzheim: Ist die Tendenz der deutschen Politik zur Konsensbildung als demokratische Tugend eher Stärke oder Schwäche im machiavellistischen Sinn? Würde Machiavelli die heutige deutsche Republik als stark institutionalisierten, aber schwach geführten Staat bezeichnen und was würde er zur Stärkung ihrer virtù raten?
Professor Gerhard Blickle: Es gibt kein Land auf der Welt, in dem mehr politische Konsensbildung betrieben wird als in der Schweiz. Ist die Schweiz deswegen ein schwacher Staat? Der Schweizer Staat entspricht sicher am meisten den Vorstellungen Machiavellis von einer intakten Bürgerschaft und einem funktionierenden Staat auf der heutigen Welt. Und zu einer funktionierenden Republik gehört auch eine intensive Debatte. Ich fürchte, wenn ich meinem Kollegen Sönke Neitzel folge, unser wirklich großes Problem ist die administrativ und ökonomisch effiziente und sachlich effektive Organisation der aktuellen Bundeswehr.
Norbert Froitzheim: Momentan beherrscht uns die Angst vor einem russischen Angriff auf Natogebiet in wenigen Jahren, davor drohte uns die unmittelbare Klimaapokalypse. Welche Rolle spielt Angst als politisches Instrument in der deutschen Innenpolitik, etwa in Fragen von Migration, Klima oder Sicherheit, und wie hätte Machiavelli das bewertet? Ist Angst im Sinne Machiavellis ein Hebel, Dinge politisch in Bewegung zu bringen?
Professor Gerhard Blickle: Machiavellistische Persönlichkeiten sind immer zutiefst durch Angst getrieben und von ihr geprägt. Sie nennen das dann Realismus. Denn Angst macht hellsichtig für Gefahren, führt aber auch dazu, dass die größten Energien in die Abwehr von Gefahren und nicht in das Erkennen von Chancen und den Aufbau neuer Optionen gesteckt werden. Helmut Schmidt hat deshalb zurecht und erfolgreich mit dem Slogan Wahlkampf gemacht: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“
Norbert Froitzheim: Moral wird positiv bewertet, Macht klingt in den Ohren vieler Menschen befremdlich. Wie wirkt sich nach Ihrer Ansicht Machiavellis Trennung von Moral und Politik auf gegenwärtige politische Entscheidungsprozesse aus? Welche Bedeutung hätte für Machiavelli das deutsche Festhalten an moralischer Legitimation in der Außenpolitik, etwa gegenüber Russland oder Israel, unabhängig von einer zweifellos vorhandenen geostrategischen Komponente?
Professor Gerhard Blickle: Der Anschein von Moralität ist nach Machiavelli eine wichtige politische Ressource, die wir heute als „soft power“ bezeichnen. Machiavelli schrieb in seinem Werk „Der Fürst“ dazu wörtlich: „Ein Fürst braucht nicht alle Tugenden zu besitzen, muss aber im Ruf davon stehen. Ja, ich wage zu sagen, dass es sehr schädlich ist, sie zu besitzen und sie stets zu beachten. Aber fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig und ehrlich zu scheinen, ist nützlich. Daher muss er ein Gemüt besitzen, das sich nach den Winden und dem wechselnden Glück zu drehen vermag und zwar nicht vom Guten zu lassen, wo dies möglich ist, aber auch das Böse zu tun, wenn es sein muss. Denn der Pöbel hält es stets mit dem Schein und dem Ausgang einer Sache, und die Welt ist voller Pöbel.“
Mit Talleyrand würde ich dagegen argumentieren, dass Deutschland Interessen hat, nämlich Krieg in Mitteleuropa zu verhindern und einseitige Grenzverschiebungen durch Waffengewalt als undurchführbar zu etablieren. Dazu muss Deutschland zusammen mit anderen Staaten westlich von Russland eine hohe militärische Abschreckung aufbauen und der Ukraine immer so viele Waffen liefern, dass sich Russland im erfolglosen Angriff verschleißt. Auch in Bezug auf Israel hat die Bundesrepublik Deutschland Interessen: Die Unterstützung für den demokratischen, multiethnischen und multireligiösen Rechtsstaat Israel als solchen ist Ausdruck der Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik in aller Welt. Annehmbare Lebensverhältnisse für alle ethnischen und religiösen Gruppen reduzieren außerdem den Migrationsdruck nach Deutschland und die Internalisierung des Palästinakonflikts in Deutschland.
Norbert Froitzheim: Viele Menschen halten US Präsident Trump für einen konfus und erratisch handelnden Politiker, der morgen nicht mehr weiß, was er gestern entschieden hat, sozusagen ohne jegliche Strategie. Stimmen Sie dem zu oder entdecken Sie in seinem Handeln Grundelemente eines machiavellistischen Strategieansatzes?
Professor Gerhard Blickle: Ja, Donald Trump zeigt nach Meinung naher Beobachter die Zeichen eines mental schnell alternden Menschen, der diese Schwäche, wie sein Vorgänger, gerne kaschieren möchte, um persönlich an der Macht zu bleiben. Hoffentlich ist das amerikanische Gemeinwesen in der Lage, dafür zu sorgen, dass es bald wieder von einem mental voll funktionsfähigen Präsidenten regiert wird. Gleichzeitig haben die USA als Staat eine enorme Staatsverschuldung und viele seiner wirtschaftspolitischen Maßnahmen zielen darauf ab, wenn ich meinem Kollegen Hans Werner Sinn folge, dieses Problem für die USA zu entschärfen. Die wirtschaftspolitischen Mittel dafür widersprechen jedoch den gängigen ökonomischen Lehrbüchern, weswegen sie als konfus erscheinen. Außerdem wurde sein Wahlkampf von einer inhomogenen Koalition von Interessengruppen finanziell unterstützt, deren Wünsche abwechselnd bedient werden, weswegen die Entscheidungen als erratisch erscheinen. Und alles trifft auf eine Persönlichkeitsgrundstruktur beim Präsidenten, die durch einen starken Wunsch nach persönlicher Bereicherung, eine Neigung, Interessenkonflikte in jedem Fall zu eigenen Gunsten zu entscheiden und dabei Unwahrheiten in Kauf zu nehmen, gekennzeichnet ist. Auch das führt dazu, dass Dinge mal so und mal so präsentiert und entschieden werden.
Norbert Froitzheim: Inwiefern lassen sich zentrale Gedanken Machiavellis, etwa aus „Il Principe“, in der Rhetorik und Machtpraxis Donald Trumps wiederfinden? Glauben Sie, dass er ein Instinktmensch ist oder bewusst nach machiavellistischen Prinzipien handelt?
Professor Gerhard Blickle: Meines Erachtens ist Trump weit weg von Machiavellis Ratschlägen. Er versucht beispielsweise nicht, als „fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig und ehrlich“ zu scheinen und im Verborgenen zu wirken. Er verkündet öffentlich, dass es ihm möglich sei, jeder Frau straflos in aller Öffentlichkeit unter den Rock fassen zu dürfen. Trump inszeniert also öffentlich seine vermeintliche Exzeptionalität, über allen Gesetzen zu stehen. Er ist aus meiner Sicht kein Instinktmensch, sondern hat eine schwere narzisstische Störung. Und er verfolgt gewiss langfristig planvoll das Ziel, sich und seine Familie materiell zu bereichern und Gefängnishaft zu vermeiden.
Norbert Froitzheim: Kann man sagen, dass die heutige mediale und digitale Welt Machiavellis Lehren über Macht und Manipulation noch wirksamer macht? Wie würden Sie Machiavellis Verständnis von Macht, Täuschung und Image auf Trumps Kommunikationsstil und Medienstrategie übertragen?
Professor Gerhard Blickle: Wie ich bereits sagte, hielt Machiavelli das Volk für dumm. Er schrieb: „Denn der Pöbel hält es stets mit dem Schein und dem Ausgang einer Sache, und die Welt ist voller Pöbel.“ Hier ist Machiavelli etwas inkonsistent. Denn er argumentiert ja in seinen Discorsi vehement für die republikanische Staatsform des Volkes gegen eine Monarchie oder Aristokratie. Entweder ist das Volk dumm, dann wissen die Eliten besser Bescheid. Oder die nachhaltigste und erfolgreichste Staatsform ist die der Republik, was die Auffassung Machiavellis war, dann kann das Volk nicht so dumm sein. Aber er rechnete in der Tat damit, dass Demagogen das Volk verführen können. Für Machiavelli war beispielsweise der Bußprediger Savonarola so ein Demagoge.
Norbert Froitzheim: Sehen Sie in der Rückkehr zu machiavellistischen Methoden eine Gefahr für die liberalen Demokratien oder nur eine Anpassung an die politischen Realitäten des 21. Jahrhunderts, das sich als ein Jahrhundert der Neuordnung auf allen politischen Ebenen abzeichnet?
Professor Gerhard Blickle: Richard Nixon und Henry Kissinger waren Machiavellisten mit voller mentaler Leistungsfähigkeit. Donald Trump ist, wie ich bereits sagte, kein Machiavellist. Entscheidend ist, ob die Justiz unabhängig bleibt, Gewaltenteilung praktiziert wird und Machtwechsel ohne Gewalt, sondern durch demokratische Wahlen stattfindet.
Norbert Froitzheim: Würde Machiavelli das heutige Deutschland als zu vorsichtig und moralisch gehemmt betrachten?
Professor Gerhard Blickle: Der Spruch von John F. Kennedy „Frage nicht, was dein Land für dich tut, sondern frage, was du für dein Land tun kannst“ könnte von Machiavelli stammen. Er war für eine Republik und lehnte Monarchien und Aristokratien als nicht langfristig überlebensfähig ab. Sein großes Vorbild war die alte römische Republik. Er würde das heutige Deutschland als ein Gemeinwesen betrachten, in dem zu wenige Leute fragen, was sie persönlich für ihr Land Positives bewirken können. Wir haben aufgrund der Befürchtungen unserer Nachbarn vor einem militärisch schlagkräftigen Deutschland in der Mitte Europas unsere Sicherheit an die Amerikaner outgesourct und können jetzt nicht in sehr kurzer Zeit die Dinge so umstellen, dass wir unsere eigene Sicherheit garantieren können. Wie ich bereits eingangs sagte: Das Outsourcen von Sicherheitsleistungen bringt keine wirkliche Sicherheit, sondern nur ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, so Machiavelli. Jetzt, wo wir uns strategisch neu aufstellen, muss unsere Devise sein: Niemand soll sich bedroht fühlen, aber jeder potenzielle Aggressor soll sich abgeschreckt fühlen.
Gerhard Blickle, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn ist ein ausgewiesener Experte für dunkle Persönlichkeitseigenschaften bei Führungskräften.
Apokalyptisches Denken in Ost und West
/0 Kommentare/in Uncategorized/von FroitzheimEin Vortrag von Michael Mertes am 28. Oktober 2025 in Vilnius im Seminar von der in Riga ansässigen „School of Civic Education“ unter der Schirmherrschaft des Europarates und der European Humanities University. Das Seminar wurde in Partnerschaft mit der „Stockholm School of Economics in Riga“ und dem „Norwegian Institute of International Relations“ durchgeführt.
I.
Thema meines Vortrags ist die Renaissance eines Denkens (war es jemals ganz verschwunden?), das die Konflikte der Gegenwart als epochalen Kampf, manchmal sogar als Endkampf zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Finsternis interpretiert, zwischen den Armeen Gottes und den Armeen Satans. Im apokalyptischen Denken verschmelzen Geschichtsphilosophie und Geschichtstheologie miteinander. Damit verschwindet auch die Trennung zwischen Politik und Religion.
Das alles klingt vielleicht nach Fantasy, Horror fiction oder einer Überdosis Rauschgift, aber es wird von einflussreichen Leuten ernsthaft vertreten. Im Folgenden werde ich Ihnen zwei namhafte Repräsentanten des zeitgenössischen apokalyptischen Denkens vorstellen: Alexander Dugin aus Russland und Peter Thiel aus den USA. Doch zuvor sind einige Begriffsklärungen nötig.
Für Visionen vom bevorstehenden Ende der Geschichte hat sich die Bezeichnung „Apokalypse“ eingebürgert. Wörtlich übersetzt, bedeutet das griechische Wort apokálypsis „Enthüllung“: Prophetisch enthüllt wird der Untergang der Welt, wie wir sie kennen, und die Ankunft eines messianischen Zeitalters, des ewigen Gottesreiches – oder wie auch immer man diesen post-historischen Zustand nennen möchte.
Apokalyptische Visionen in Ost und West haben tiefe Wurzeln in drei biblischen Büchern: dem alttestamentlichen Buch Daniel, der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes und dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalonich (2 Thess 2,6–7). Generell lässt sich sagen, dass auf dem Boden der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam apokalyptisches Denken besonders gut gedeiht, denn in der Kosmologie dieser Religionen ist Geschichte ein linearer Prozess, der auf ein metahistorisches Ziel hin ausgerichtet ist. Das haben sie gemeinsam mit dem Zoroastrismus, der den Sieg des guten Gottes Ahura Mazda über das Böse und die finale Erneuerung des Universums erwartet.
Davon zu unterscheiden sind Religionen, für die Geschichte zyklisch verläuft, als Prozess ewiger Wiederkehr. Den in China traditionell vorherrschenden so genannten Drei Lehren – konfuzianische Philosophie, daoistische Weltanschauung und Buddhismus – ist die Vorstellung fremd, dass die Geschichte auf ein dramatisches Ende zuläuft, dem ein post-historisches Reich göttlichen Heils folgt. Im Zentrum des Konfuzianismus steht eine Tugendlehre, die auf soziale Harmonie und eine stabile Ordnung im Diesseits abzielt.
In einem säkularen Kontext kann mit „Apokalypse“ der Blick in die Abgründe der Unmenschlichkeit gemeint sein – denken Sie nur an den Antikriegsfilm „Apocalypse Now“ aus dem Jahr 1979, der Motive des Romans „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad aufgreift. „Apokalypse“ steht heute aber auch für ein Katastrophe globalen Ausmaßes. Der Titel des amerikanischen Katastrophenfilm „Armageddon“ aus dem Jahr 1998 zitiert einen Ortsnamen aus der Offenbarung des Johannes (Offb 16,16). Harmagedon bezeichnet den Ort der Entscheidungsschacht zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Finsternis, bevor Christus sein „Tausendjähriges Reich“ errichtet.
Im Islam gibt es eine Tradition (die zuletzt vor allem von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ propagiert wurde), derzufolge die muslimischen Armeen am Ende der Zeit in der nordsyrischen Ortschaft Dabiq auf ihre Feinde treffen werden.[1] Dabiq ist sozusagen das muslimische Harmagedon. Mehr will ich zum apokalyptischen Denken im Islam an dieser Stelle nicht sagen – das ergäbe einen eigenen Vortrag.
„[D]ie Diktatur der westlichen Eliten richtet sich gegen alle Gesellschaften, darunter auch die Völker der westlichen Länder selbst. Sie ist eine Kampfansage an uns. Diese vollkommene Ignoranz gegenüber dem Menschen, die Verhöhnung des Glaubens und der traditionellen Werte, die Unterdrückung der Freiheit, es nimmt Züge einer ‚Antireligion‘ an, Züge von offenem Satanismus. In der Bergpredigt hat Jesus Christus die falschen Propheten entlarvt und gesagt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Und die Menschen erkennen diese giftigen Früchte, nicht nur in unserem Land, in allen Ländern, auch viele Menschen im Westen selbst.
Die Welt ist in eine Phase revolutionärer Umwälzungen eingetreten, die fundamentaler Natur sind. Es entstehen neue Entwicklungszentren, die die Mehrheit … der Weltgesellschaft repräsentieren. Sie sind bereit, ihre Interessen zu formulieren und sie zu verteidigen, und sie sehen in der Multipolarität die Möglichkeit, ihre Souveränität zu festigen, also wahre Freiheit zu erlangen, eine historische Perspektive, ihr Recht auf eine eigenständige, schöpferische, autonome Entwicklung, einen harmonischen Prozess.“[2]
Ich verwende bewusst den Ausdruck „Transformation von Politik in Religion“, weil es um mehr geht als um den (recht häufigen) Fall der politischen Ausnutzung von Religion, ihrer Instrumentalisierung für politische Zwecke. Bei der Instrumentalisierung bleiben politische und religiöse Sphäre im Prinzip voneinander getrennt. Dagegen wird bei der Transformation die Politik selbst zur Religion – sie wird, wie es treffend heißt, zur „politischen Religion“.
Die Bezeichnung „politische Religion“ passt, so paradox das klingen mag, auch auf Geschichtsphilosophien, die militant anti-religiös sind. Das gilt sicher für den historischen Materialismus der Sowjetunion, denn diese Ideologie war auf ein Endziel der Geschichte ausgerichtet, nämlich die Erlösung der Menschheit durch den Sieg der Kräfte des Fortschritts über die Mächte der Vergangenheit. Leiden und Sterben auf dem Weg dorthin musste man als bedauerliche, aber unvermeidliche Kollateralschäden hinnehmen. „Man kann kein Omelett machen, ohne Eier aufzuschlagen“, betont eine revolutionäre Redensart.[3]
Generell gilt: Je fanatischer eine politische Religion, desto größer ihre Neigung zu Gewalt und totalitärer Unterdrückung. Im planetarischen Endkampf zwischen Gut und Böse wird kein Pardon gegeben, werden keinen Gefangenen gemacht.
Von politischer Religion ist religiöse Herrschaft – also die Theokratie – zu unterscheiden. Theokratie ist die Transformation von Religion in Politik. Hier wird Religion zum Herrschaftssystem, während bei der politischen Religion das Herrschaftssystem zur Religion wird.
Ganz im Geist politischer Religion beginnt Putin seinen Gedankengang vom 30. September 2022 mit theologisch imprägnierter Sprache: „Glaube“, „Antireligion“, „Satanismus“, „Bergpredigt“, „Jesus Christus“, „falsche Propheten“. Dann leitet er über zu einer säkularisierten Vision des Reiches Gottes: einer kommenden Welt der „wahren“ Freiheit, der Kreativität und der Harmonie.
In liberalen Demokratien gilt es als unmittelbar einleuchtend, dass Politik nicht die Aufgabe hat, die Welt vom Bösen zu erlösen und ihr das Heil zu bringen. Das Ziel freiheitlich-demokratischer Politik ist viel bescheidener, aber dennoch höchst anspruchsvoll: Sie soll das friedliche Zusammenleben freier Menschen in einer gerechten Ordnung ermöglichen. Dieses Politikverständnis ist dezidiert nicht-apokalyptisch.
Wir haben es nach alledem mit zwei verschiedenen Auffassungen von Politik und zwei verschiedenen Auffassungen von Religion zu tun. (Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung, aber an dieser Stelle ist es sinnvoll, mit „Idealtypen“ im Sinne Max Webers zu arbeiten. Sind erst die Begriffe geklärt, kann man Abstufungen und Mischformen besser beschreiben.)
Apokalyptisches Politikverständnis. Kennzeichnend für das apokalyptische Politikverständnis ist die Einteilung der Menschheit in Gute und Böse, Freunde und Feinde, Loyalisten und Verräter. Die Mächte der Finsternis wollen die Mächte des Lichts endgültig vernichten. Sie haben sich zu einer großen Weltverschwörung zusammengetan – mal sind es die Jesuiten im Auftrag des Papstes, mal die Freimaurer, mal die Kapitalisten, mal die „Weisen von Zion“, mal die „Globalisten“ vom World Economic Forum in Davos; die Liste ließe sich beliebig verlängern. Mit solchen Feinden kann es keine Kompromisse geben.

Apokalyptisches Religionsverständnis. Das apokalyptische Religionsverständnis teilt diese Sicht der Dinge. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. „[W]eil du lau bist, … will ich dich aus meinem Munde ausspeien.“ (Offb 3,15f.) Geschichte verläuft deterministisch. Göttliche und satanische Mächte bestimmen das Schicksal der Menschen, aber am Ende werden die göttlichen Mächte obsiegen. Wohl dem, der dann auf der richtigen Seite steht!
Nicht-apokalyptisches Politikverständnis. Das nicht-apokalyptische Politikverständnis betrachtet den Gegner nicht als Feind (der vernichtet werden muss, will man nicht selbst vernichtet werden), sondern als Konkurrenten. Die politischen Gegner stehen im Wettbewerb um bessere Ideen und Lösungen. Das schließt scharfe Gegensätze nicht aus, aber die Beteiligten sind sich zumindest darin einig, dass am Ende der Debatte eine kollektiv verbindliche Entscheidung steht, die auch von der unterlegenen Seite akzeptiert werden muss.
Natürlich habe ich das Recht, mich zu wehren, wenn ein Anderer mich zum Feind erklärt und mich vernichten will – wie es Russland gegenüber der Ukraine tut. Aber auch unter diesen Bedingungen bewahre ich meine Integrität, indem ich den feindlichen Anderen nicht aus Hass bekämpfe, sondern um mich selbst vor seiner Aggression zu schützen. Um es in den Worten von Bertolt Brecht zu sagen, der gewiss kein Pazifist war: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge.“
In ihrem Buch „How Democracies Die“ von 2019 erklären die Politikwissenschaftler Steven Levitzky und Daniel Ziblatt, dass zur ungeschriebenen Verfassung einer Demokratie zwei Prinzipien gehören: gegenseitige Achtung (mutual toleration) und institutionelle Selbstbeschränkung (institutional forbearance): Ich behandle meinen Gegner mit Respekt (= gegenseitige Achtung), und ich nutze meine institutionellen Möglichkeiten nicht dazu aus, ihn handlungsunfähig zu machen (= institutionelle Selbstbeschränkung). Im Sport würde man von „fair play“ reden.
Nicht-apokalyptisches Religionsverständnis. Im nicht-apokalyptischen Religionsverständnis ist die Erwartung eines Jüngsten Gerichts verknüpft mit dem Gedanken menschlicher Verantwortung für eigenes Tun. Wir sind dem Schicksal (was immer das auch sei) nie völlig ausgeliefert. Der allmächtige Gott zwingt den Menschen seinen Willen nicht auf. Er macht von seiner Allmacht keinen Gebrauch, sondern lässt ihnen die Wahl – wohlwissend, dass sie sich auch für das Böse entscheiden können.
Wer sich mit den Texten und Äußerungen moderner Endzeit-Propheten beschäftigt, entdeckt zahlreiche Verbindungslinien zwischen apokalyptischem und konspirationistischem Denken. Konspirationismus ist ein globales Phänomen, das heutzutage durch digitale Plattformen und Fangemeinschaften zu immer extremeren Auswüchsen getrieben wird. Allerdings scheint es in Russland und in den USA eine besondere Affinität zum Glauben an Verschwörungen zu geben. Für Russland hat Ilya Yablokov dies 2018 in seinem Buch „Fortress Russia. Conspiracy Theories in Post-Soviet Russia“ gezeigt. Für die USA erhellend ist Richard Hofstadters bahnbrechender Essay „The Paranoid Style in American Politics“ von 1964, der heute noch zitiert wird.
Es wäre eine eigene Untersuchung wert, inwieweit die konspirationistischen Traditionen Russlands und der USA das apokalyptische Denken in diesen beiden Ländern begünstigen.
II.
Als namhafte Repräsentanten des zeitgenössischen apokalyptischen Denkens habe ich, wie eingangs angekündigt, Alexander Dugin aus Russland und Peter Thiel aus den USA ausgewählt. Es handelt sich um zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber es gibt eine bemerkenswerte intellektuelle Konvergenz zwischen beiden. Beide beziehen sich auf Lehren des konservativen deutschen Staatstheoretikers Carl Schmitt (1888–1985). Ihr gemeinsamer Feind ist die liberale Moderne. (Ich vermeide das Wort „westlich“, damit klar ist, dass Demokratien wie Japan, Südkorea oder Taiwan mitgemeint sind.)
Alexander Dugin, Jahrgang 1962, politischer Philosoph, ist ein wichtiger Ideengeber der extremen Rechten in Russland. Von 2010 bis 2014 leitete er den Lehrstuhl für Soziologie der Internationalen Beziehungen an der Soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau. Er gehört zur Führung des Thinktanks „Katehon“ (Катехон), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Ideologie des „Eurasismus“ zu verbreiten, das heißt die geopolitische Vision eines russisch dominierten Großraums von Lissabon bis Wladiwostok, der in Opposition zur angelsächsischen Sphäre, namentlich zu den Vereinigten Staaten von Amerika steht. (Der Name „Katehon“ enthält, wie Sie noch sehen werden, einen wichtigen Fingerzeig.)
Ob und inwieweit Dugin intellektuellen Einfluss auf Putin hat, ist umstritten. Sicher ist aber, dass viele seiner Auffassungen der Ideologie entsprechen, die Putin sich im Lauf der Jahre autodidaktisch zurechtgelegt hat. „Die philosophischen Quellen des Putinismus“, schreibt Michel Eltchaninoff, beruhen, „so verschiedenartig sie auch sein mögen, … alle auf zwei Grundtendenzen: der Idee des Imperiums und der Apologie des Krieges.“ Das ist der gemeinsame Kern (1) der sowjetischen Ideologie, (2) des „weißen“ Imperialismus von Iwan Iljin (1883–1954), (3) des Konservatismus von Konstantin Leontjew (1831–1891), (4) des Panslawismus von Nikolai Danilewski (1822–1885) und (5) des Eurasismus, „gleich, ob es der seiner Gründer oder der heutige von Dugin ist.“[4]
Peter Thiel, Jahrgang 1967, ist Investor, Tech-Unternehmer und Milliardär. Er war unter anderem Mitgründer des Online-Bezahldienstes PayPal und des Software-Unternehmens Palantir Technologies sowie Kapitalgeber von Facebook/Meta Platforms. Thiel gehört zum Kreis der Oligarchen im Umfeld von Donald Trump und gilt als „Erfinder“ des US-Vizepräsidenten J.D.Vance. Er bezeichnet sich selbst als heterodoxen Christen und hat in jüngster Zeit vor allem mit seinen Warnungen vor einer globalen Herrschaft des Antichrist von sich reden gemacht.
Im Denken von Dugin und Thiel spielt das „Katéchŏn“ oder der „Katéchōn“ eine zentrale Rolle. Die griechische Bezeichnung Katéchon, wörtlich übersetzt, bedeutet „das Aufhaltende“ (τὸ κατέχον) oder „der Aufhaltende“ (ὁ κατέχων). Der Katéchōn wird vom Apostel Paulus in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Thessalonich (2 Thess 2,7) erwähnt. Was oder wen er damit meint, ist unklar. Apokalyptiker aller Zeiten haben daraus etwas Eindeutiges gemacht – eine Figur mit der Aufgabe, sich dem Antichrist als Gegenspieler in den Weg zu stellen. „Durch den Antichrist verführen die satanischen Mächte ein letztes Mal die Menschheit zu einem großen Abfall von Christus, bevor dann der siegreiche Christus wiederkommt, um den Antichrist zu entmachten und die Welt zu ihrem Ende und zu ihrer Vollendung … zu bringen.“[5] (In dieser Interpretation liegt übrigens ein gewisser Widerspruch, denn gerade dadurch, dass der Katéchōn den Antichrist aufhält, verzögert er die erhoffte triumphale Wiederkehr Christi.)
Wie müssen wir uns den Antichrist vorstellen? Dugin zufolge wird er verkörpert durch „die materialistische, universalistische, alles nivellierende Zivilisation des Westens“. Diese verkörpert das „weltweite Böse“ (мировое зло – mirowoje slo). Bis zum Jüngsten Tag bleibt die heilige Rus, das „Dritte Rom“, Heimstatt des Katéchōn, der in seinem planetarischen Kampf gegen den Antichrist von all jenen Kräften unterstützt wird, „die den Bezug zum ‚Sakralen‘ noch nicht verloren haben: russische Altgläubige, ultraorthodoxe antizionistische Juden, europäische Traditionalisten sowie jene … islamistischen Fundamentalisten, die in den USA den Daddschāl, den falschen Messias und Antichrist, erkennen, gegen den die Rettergestalt des Mahdī [eines Nachkommen des Propheten Mohammed] zu Felde ziehen wird“.[6]
Für Peter Thiel dagegen wird der Antichrist durch eine mögliche Weltregierung verkörpert. Wie könnte es dazu kommen? Thiel „stellt bei vielen Menschen die Angst vor einer möglichen Weltzerstörung fest: Atombombe, Kriegsroboter, Biowaffen. Die Angst verstärke die Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden. … Da bietet sich dann am Horizont ‚unter dem Anschein der Guten‘ eine Lösung an, ein [vermeintlicher] ‚Erlöser‘: der Antichrist in Form einer Weltregierung, die für Sicherheit zu sorgen verheißt. Diejenigen, die die atomare Katastrophe … verhindern wollen, suchen Rettung bei der noch größeren Katastrophe: dem Antichristen. Ihre Blindheit bereitet einer totalitären Weltregierung, wie sie sich in der UNO schon andeute, den Weg. Das ständige Reden von Katastrophen verhelfe also dem Antichrist zur Macht.“[7] Dementsprechend hält Thiel, um ein besonders absurdes Beispiel zu erwähnen, Greta Thunberg für eine Legionärin des Antichrist.[8]
Den Globus unter einer Weltregierung muss man sich Thiel zufolge als „so etwas wie Ostdeutschland ohne Fluchtmöglichkeit“ vorstellen, das heißt als großes Gefängnis. Doch der Antichrist, so führt Thiel aus, „präsentiert sich wahrscheinlich als großer Humanist, als große Umverteilungsfigur, als extrem großer Philanthrop, als effektiver Altruist – all diese Dinge.“ Thiel räumt ein, dass vieles davon durchaus im Sinne der christlichen Ethik sein mag, aber es wird dadurch korrumpiert, dass es mit übermäßig großer staatlicher Macht verknüpft ist.[9]
Wer ist nun Thiel zufolge der Katéchōn, der den Antichrist aufhalten kann? Das ist nach dem bisher Gesagten nicht schwer zu erraten: natürlich die Vereinigten Staaten, und zwar in der Nachfolge des Imperium Romanum, das schon von manchen frühchristlichen Autoren, zum Beispiel Tertullian (ca. 150–220 n.Chr.), als Katéchōn betrachtet wurde. Thiel: „Ich glaube, Mutter Teresa war eine größere Heilige als [Kaiser] Konstantin, aber ein Teil von mir bevorzugt dennoch das [katechontische] Christentum Konstantins. Wir brauchen immer noch so etwas.“[10] Auch Dugin bezieht sich auf Rom, allerdings auf das „zweite Rom“ Byzanz, dessen Nachfolge als Katéchōn Moskau angetreten hat.
Um das Ganze zu resümieren und ironisch zuzuspitzen: Bei Dugin ist der Katéchōn ein eurasischer Imperialismus unter russischer Führung, bei Thiel ein autoritärer Kapitalismus unter amerikanischer Führung. Eine Frage drängt sich auf: Repräsentieren Dugin und Thiel zwei entgegengesetzte Pole – oder sind sie „zeitgleiche Boten eines gewaltigen kulturellen Sturms“, der über die nördliche Hemisphäre hinwegfegt und „die Errungenschaften von Jahrhunderten zunichte macht“ [11]? Dugin und Thiel halten aus unterschiedlichen Gründen die freiheitliche Demokratie für eine schlechte Sache.[12] Zumindest fühlt man sich beim Anblick der beiden an den Titel der Filmkomödie „Strange Bedfellows“ erinnert.
III.
Apokalyptisches Denken begleitet seit jeher epochale Umbrüche mit ungewissem Ausgang – Umbrüche, die nach einer Deutung im theologischen oder philosophischen Breitwandwandformat verlangen. Man sollte es aber vom kulturpessimistischen Denken unterscheiden, das in solchen Zeiten ebenfalls Hochkonjunktur hat. Oswald Spenglers Klassiker „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918/1922 beruhte auf der These, dass alle Hochkulturen einen Zyklus von Aufstieg und Niedergang durchlaufen. Eine planetarische Apokalypse ist in dieser Interpretation der Globalgeschichte nicht vorgesehen. Spengler selbst wies die Ansicht zurück, er sei ein Kulturpessimist.
Ich bin jetzt seit 1994, also seit über 30 Jahren, mit der School of Civic Education verbunden, die ursprünglich „Moscow School of Political Studies“ hieß. In den frühen 1990er Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der Sowjetunion, beflügelte uns eine optimistische Stimmung. Der Unterschied zum pessimistischen Klima, das heute in der nördlichen Hemisphäre herrscht, ist enorm. Aus dieser persönlichen Erfahrung ziehe ich den Schluss, dass Optimismus und Pessimismus einfach nur zeitgebundene Gefühle sind, aus denen sich keine politischen Empfehlungen herleiten lassen. Niemand von uns weiß, was in 100 Jahren sein wird. Handeln müssen wir in der Gegenwart.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Michael Mandelbaum hat 2019 die jüngste Entwicklung vom Optimismus zum Pessimismus in einem Buch mit dem schön ironischen Titel „The Rise and Fall of Peace on Earth“ analysiert. Die Illusion, der epochale Gegensatz zwischen liberaler Demokratie und illiberaler Autokratie sei mit dem Ende des Kalten Krieges für immer vorbei, hat nicht lange gehalten. Mandelbaum zufolge währte diese Phase gerade mal ein Vierteljahrhundert – von 1989 bis 2014. Das ist, historisch gesehen, ein Wimpernschlag.
Die kurze Zeit des vermeintlich ewigen Friedens war auch die Zeit, in der die USA als einzig verbliebene Supermacht galten. Dieser „unipolare Moment“, wie er oft genannt wurde, rief Kräfte auf den Plan, die den weltpolitischen Status quo nicht akzeptierten. Mandelbaum nennt drei maßgebliche Anti-Status-quo-Mächte: China, Russland und Iran. Man muss kein Anhänger von Hegel oder Marx sein, um darin eine dialektische Dynamik zu erkennen. Es fragt sich nur, ob diese Dynamik zielgerichtet ist und irgendwann zu einem happy end gelangt, wie Hegel und Marx glaubten.
Und was ist mit der Idee vom Ewigen Frieden, die Kant 1795 publizierte? Wer sich über diese idealistische Formel lustig macht, übersieht, dass es sich dabei um eine, wie Kant sagen würde, „regulative Idee“ handelt – um einen Fixstern am Himmel, der uns beim Navigieren über das aufgewühlte Meer immer wieder Orientierung gibt.
Kant war der Überzeugung, dass die globale Ausbreitung der republikanischen Regierungsform (heute würden wir sagen: der liberalen Demokratie) eine notwendige Bedingung für den Ewigen Frieden ist. Das glaube ich auch – aber die Erfahrung seit 1989 lehrt uns, das liberale Demokratien selbst nichts Ewiges sind, sondern illiberal werden und untergehen können. Es gibt kein Ende der Geschichte – weder im Guten noch im Bösen.
Apokalyptisches Denken lähmt und macht dumm. Es vermag, in den Worten von Mark Lilla, „die Gehirne auch der nachdenklichsten Menschen neu zu verdrahten und ihre Sichtweise so stark zu verzerren, dass selbst ein tyrannischer Plutokrat mit künstlicher Bräune als Messias erscheinen kann. Die Sehnsucht nach einem nationalen Retter reicht aus, um Platon, Aristoteles und die amerikanischen Verfassungsväter völlig zu vergessen.“[13]
Deshalb möchte ich mit einer anti-apokalyptischen Erzählung schließen, die ebenso wie die Vision von Harmagedon eine biblische Grundlage hat: Nach der Sintflut verspricht Gott Noah und dessen Familie, den einzigen Überlebenden der Menschheit, er werde die Erde künftig nicht mehr verfluchen, sondern verschonen, obwohl er wisse, dass „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens … böse [ist] von Jugend auf“ (Genesis 8,21–22)
Ich lese das so: Für globale Katastrophen ist nicht mehr Gott verantwortlich, sondern der Mensch. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Mensch selbst hat es in der Hand, solche Katastrophen zu verhindern. Und das ist eine ermutigendere Botschaft als die Horrorvision von einem drohenden Harmagedon.
TEΛOΣ – FINIS
LITERATUR
Paul Berman: Terror und Liberalismus. Hamburg 2004 (Europäische Verlagsanstalt)
Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten. Aktualisierte Neuausgabe Berlin 2022 (Tropen)
Vincent Fröhlich / Michael Mertes: Der Neue Konspirationismus. Wie digitale Plattformen und Fangemeinschaften Verschwörungserzählungen schaffen und verbreiten. Marburg 2022 (Büchner)
Gershom Gorenberg: The End of Days. Fundamentalism and the Struggle for the Temple Mount. New York 2002 (Oxford University Press paperback)
Michael Hagemeister: Der „Nördliche Katechon“ – „Neobyzantismus“ und „politischer Hesychasmus“ im postsowjetischen Russland. Erfurt 2016 (Erfurter Vorträge zur Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums, 15/2016)
Richard Herzinger / Hannes Stein: Endzeit-Propheten oder Die Offensive der Antiwestler. Reinbek bei Hamburg 1995 (Rowohlt)
Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American Politics. Harper’s Magazine, November 1964
Steven Levitsky / Daniel Ziblatt: How Democracies Die. New York 2019 (Broadway Books)
Mark Lilla: Storm Warnings. New York Review of Books, November 6, 2025 issue
Mark Lilla, interviewed by Daniel Drake: Chthonic Forces. New York Review of Books, 18. Oktober 2025
Hermann Lübbe (Hrsg.): Heilserwartung und Terror. Politische Religionen des 20. Jahrhunderts. Düsseldorf 1995 (Patmos)
Hans Maier (Hrsg.): Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen. Frankfurt a.M. 2000 (Fischer)
Michael Mandelbaum: The Rise and Fall of Peace on Earth. New York 2019 (Oxford University Press)
Jürgen Mannemann: Herrschaft in Permanenz – Zur Katechontik Peter Thiels und Carl Schmitts. Philosophie InDebate, 2. Juli 2025
Klaus Mertes SJ: Die Aufhaltung des Antichrist. Irrlichternde Paulus-Exegese heute. Stimmen der Zeit 10/2025, S. 781ff.
Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017 (Klett-Cotta)
Ilya Yablokov: Fortress Russia. Conspiracy Theories in Post-Soviet Russia. Cambridge 2018 (Polity Press)
O-TÖNE / Primärquellen
Alexander Dugin
CNN/GLOBAL PUBLIC SQUARE-Interview von Fareed Zakaria mit Alexander Dugin, 30. März 2025 (Transkript: https://transcripts.cnn.com/show/fzgps/date/2025-03-30/segment/01)
Wladimir Putin
Rede vom 30. September 2022 in deutscher Übersetzung: Rede zur Aufnahme der „Volksrepubliken Doneck und Lugansk“ und der Gebiete Zaporož’e und Cherson in die Russländische Föderation. Osteuropa (online), https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/rede-zur-aufnahme-der-volksrepubliken-doneck-lugansk-zaporoze-und-cherson/
Rede vom 30. September 2022 in amtlicher englischer Übersetzung: Signing of treaties on accession of Donetsk and Lugansk people’s republics and Zaporozhye and Kherson regions to Russia(http://en.kremlin.ru/events/president/news/69465)
Peter Thiel
TRANSCRIPT of Part I: Apocalypse Now? Peter Thiel on Ancient Prophecies and Modern Tech. The Singju Post, 7. Dezember 2024 (https://singjupost.com/transcript-apocalypse-now-peter-thiel-on-ancient-prophecies-and-modern-tech/)
Peter Thiel: The Techno-Apocalypse is Nigh. Decoding the Gurus, Episode 119, 4. Februar 2025 (https://decoding-the-gurus.captivate.fm/episode/peter-thiel-the-techno-apocalypse-is-nigh)
Ross Douthat: Peter Thiel and the Antichrist. The original tech right power player on A.I., Mars and immortality. New York Times (online), 26. Juni 2025 (https://www.nytimes.com/2025/06/26/opinion/peter-thiel-antichrist-ross-douthat.html)
TRANSCRIPT of Part II: Apocalypse Now? Peter Thiel on Ancient Prophecies and Modern Tech. The Singju Post, 10. März 2025 (https://singjupost.com/transcript-of-part-ii-apocalypse-now-peter-thiel-on-ancient-prophecies-and-modern-tech/)
Inside tech billionaire Peter Thiel’s off-the-record lectures about the antichrist. The Guardian (online), 10. Oktober 2025 (https://www.theguardian.com/us-news/2025/oct/10/peter-thiel-lectures-antichrist)
„Seelsorge für Eliten“: Mitschnitte aus Thiels geheimen Antichrist-Vorträgen geleakt. Der Standard (online), 13. Oktober 2025 (https://www.derstandard.de/story/3100000291719/seelsorge-fuer-eliten-mitschnitte-aus-thiels-geheimen-antichrist-vortraegen-geleakt)
J.D.Vance
Rede des US-Vizepräsidenten bei der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2025: „[T]he threat that I worry the most about vis-à-vis Europe is not Russia, it’s not China, it’s not any other external actor. And what I worry about is the threat from within, the retreat of Europe from some of its most fundamental values – values shared with the United States of America.“ (Dokumentation: https://securityconference.org/assets/02_Dokumente/01_Publikationen/2025/Selected_Key_Speeches_Vol._II/MSC_Speeches_2025_Vol2_Ansicht_gek%C3%BCrzt.pdf
[1] William McCants: ISIS fantasies of an apocalyptic showdown in northern Syria. Brookings (online), 3. Oktober 2014. Erwähnt wird Dabiq in der Hadith-Sammlung Sahīh Muslim, Buch 41, Nr. 6924 (https://m.iium.edu.my/deed/hadith/muslim/041_smt.html).
[2] Vladimir Putin: Rede zur Aufnahme der „Volksrepubliken Doneck und Lugansk“ und der Gebiete Zaporož’e und Cherson in die Russländische Föderation, 30. September 2022. Zeitschrift „Osteuropa“, https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/rede-zur-aufnahme-der-volksrepubliken-doneck-lugansk-zaporoze-und-cherson/.
[3] Zitiert nach Omer Bartov: Utopie und Gewalt. Neugeburt und Vernichtung des Menschen. In: Hans Maier (Hrsg.): Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen. Frankfurt a.M. 2000, S. 92.
[4] Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten. Berlin 2022, S. 133.
[5] Klaus Mertes: Die Aufhaltung des Antichrist. Irrlichternde Paulus-Exegese heute. Stimmen der Zeit 10/2025, S. 781.
[6] Michael Hagemeister: Der „Nördliche Katechon“ – „Neobyzantismus“ und „politischer Hesychasmus“ im postsowjetischen Russland. Erfurt 2016 (Erfurter Vorträge zur Kulturgeschichte des Orthodoxen Christentums, 15/2016), S. 31. – Eine wichtige Quelle zeitgenössischen apokalyptischen Denkens im Islam ist das im Jahr 1987 publizierte Buch „Der Antichrist“ – Al-Massih ad-Daddschāl – des ägyptischen Schriftstellers Sa’id Ayyub. Ayyub kombiniert darin Aussagen des Korans über die „Kinder Isrā’īls“ mit apokalyptischen Visionen jüdischer und christlicher Provenienz.
[7] Mertes, Aufhaltung, S. 784.
[8] Siehe Inside tech billionaire Peter Thiel’s off-the-record lectures about the antichrist, The Guardian (online), 10. Oktober 2025.
[9] Jürgen Mannemann: Herrschaft in Permanenz – Zur Katechontik Peter Thiels und Carl Schmitts. Philosophie InDebate, 2. Juli 2025.
[10] Zitiert nach Mertes, Aufhaltung, S. 785. – O-Ton: „I think Mother Teresa was a greater saint than Constantine, but there’s still a part of me that has a preference for the Christianity of Constantine. We still need something like that.“ (Decoding the Gurus – Peter Thiel: The Techno-Apocalypse is Nigh. PodScripts 4 Februar 2025)
[11] Mark Lilla: Storm Warnings. New York Review of Books, November 6, 2025 issue.
[12] Siehe Peter Thiel: The Education of a Libertarian, Blog des Cato Institute, 13. April 2009: „Most importantly, I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“
[13] Mark Lilla, Storm Warnings.
Michael Mertes, geb. 1953, ist Jurist. Er arbeitet heute als Autor und literarischer Übersetzer. Bis 1998 war er im Bundesdienst tätig, zuletzt als Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt. Von 2006 bis 2010 vertrat er als Staatssekretär das Land NRW beim Bund und bei der EU. Von 2011 bis 2014 leitete er das Auslandsbüro Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem.
Das Glas ist nur halb voll
/0 Kommentare/in Uncategorized/von FroitzheimEin Kommentar von unserem Chefredakteur Rolf Clement zur Wehrpflicht
Man mag es kritisieren, aber eine Regierung wie die in Berlin, die aus zwei so unterschiedlichen Parteien zusammengesetzt ist, muss Reformen manchmal in Etappen durchführen. Das ist für den Betrachter unbefriedigend. Wahrscheinlich wäre es auch für die Koalitionsparteien besser, sie würden sich einmal richtig zusammenraufen, aber die politische Realität ist anders. Das trifft auf viele Bereiche zu, so auch jetzt bei der Wehrpflicht.
Der Kompromiss, den die Koalitionsparteien gefunden haben, ist allenfalls ein ganz kleiner Zwischenschritt. Es ist schon lange klar, dass alle junge Menschen, die ab dem 1. Januar 2008 geboren sind, einen Fragebogen erhalten, den junge Männer ausfüllen müssen, bei dem es jungen Frauen freigestellt ist, ob sie das machen. Das ist eine notwendige Voraussetzung für die weiteren Schritte. Hier kommt es jetzt ganz entscheidend darauf an, wie dieser Fragebogen formuliert ist. Wenn dieser vor allem durch juristische Klauseln geprägt ist, dann ist er keine Werbung für die Bundeswehr. Hoffentlich haben da Menschen mitgewirkt, die sich auch in die jungen Menschen hineinversetzen können.
Dann wird – auch das ist eine notwendige Voraussetzung -, jeder junge Mann gemustert, gleichgültig, ob er sofort zur Bundeswehr will oder nicht. Es wird sehr oft das schwedische Modell als Beispiel herangezogen. Dieses Modell ist sehr attraktiv, man sollte ihm aber nur auch ganz folgen.
Schweden hat zeitgleich mit der Bundesrepublik Deutschland 2011 die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt. Allerdings hat das schwedische Parlament gleich beschlossen, dass bei einer Wiedereinführung der Wehrpflicht diese auch für Frauen gilt. Nach der Annektion der Krim 2014 hat Schweden die Wehrpflicht wieder eingeführt, auch für die Frauen. Seitdem funktioniert sie.
Die Musterung in Schweden erfolgt in einer freundlichen, offenen Atmosphäre. Jeder zu Musternde kommt in ein helles Gebäude mit offener Architektur. Er oder sie bekommt einen Begleiter für den Tag, der mit sportlichen Übungen und theoretischen Fragen gespickt ist. Immer wieder gibt es Räume, in denen sich die Musterungsgäste erholen können oder wo sie auf den nächsten Schritt warten, wo es Getränke und Obstschalen gibt. Der Betreuer steht für Informationen zur Verfügung. Das hat nichts zu tun mit den muffigen Musterungseinrichtungen, die die Bundeswehr bis 2011 hatte.
Es kommt noch etwas anderes hinzu: Diese Einrichtungen werden – jedenfalls zum Teil – auch von der Polizei und Grenzschutzeinrichtungen genutzt. Erst im Laufe des Tages trennen sich die Wege, wobei da auch schon Fragen der Eignung eine Rolle spielen. Verteidigungsminister Pistorius hat nach der Vorstellung des Berliner Kompromisses angedeutet, dass am Ende des Musterungsprozesses jene, die sagen, sie wollten nicht zur Bundeswehr, auf Katastrophen- und Blaulichtorganisationen hingewiesen werden können. Ob die Musterungsdaten dahin weitergegeben werden, ist offen, angesichts der engen Auslegung von Datenschutzregelungen in Deutschland und der fehlenden Bereitschaft, die Freigabe der Daten für andere Zwecke beim Musterungskandidaten zu erfragen, eher fraglich.
In Schweden wird deutlich, dass die Armee (oder die Sicherheitsorganisationen) den jungen Menschen haben wollen. Sie werden behandelt wie Kunden, jedenfalls nicht von oben herab. Auf der anderen Seite herrscht hier auch ein anderer Mindset vor. In Schweden wird die Frage des Ob nicht wirklich diskutiert: Jeder junge Mensch ist dafür, sein Land zu verteidigen, wenn es angegriffen wird. Die deutsche Diskussion, in der dies manchmal in Frage gestellt wird, versteht dort niemand.
Deswegen stellt sich in Schweden die Frage nicht, ob sich eine ausreichende Zahl von Bewerberinnen oder Bewerbern freiwillig melden. Bis jetzt ist die erwünschte Zahl immer erreicht worden. Dennoch haben auch die schwedischen Streitkräfte eine Regelung getroffen für den Fall, dass das nicht gelingt. Dann werden aufgrund der fehlenden Fähigkeiten jene Gemusterten einberufen, die auf diese Fehlfähigkeiten am besten passen. Es wird also gezielt für bestimmte Aufgaben einberufen. Eine Einberufung mit einem Losverfahren würde dort eher Entsetzen denn Zustimmung hervorrufen. Der Bundeswehr ist nicht geholfen, wenn da jemand ausgelost ankommt. Sie braucht Menschen, die auf die entsprechenden Stellen passen, vor allem dann, wenn das Delta zwischen den Anforderungen und den Freiwilligen groß ist.
Das schwedische Verfahren erscheint sehr sachgerecht, Minister Pistorius wird nicht müde, es zu loben. Allerdings endet dieser Stelle endet die Einigung in der deutschen Koalition. Vor allem die SPD-Bundestagsfraktion versteckt sich hinter der Hoffnung, dass es aufgrund des erhöhten Salärs für Grundwehrdienstleistende und einiger weiterer Bonbons ausreichend Freiwillige geben wird.
Die Experten im Verteidigungsministerium, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sagen schon seit längerem, dass sie da mehr als skeptisch sind. Die Freiwilligkeit ist ausgereizt, heißt es immer wieder. Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der für die Auftragserfüllung erforderlichen Wehrdienstleistenden – auch aufgrund der Zusagen, die Deutschland an die NATO gemeldet hat – immer weiter steigt, scheint die Einschätzung, das werde schon irgendwie klappen, blauäugig.
Hier springt die Reform zu kurz. Wenn man für die Wiedereinführung von Pflichtelementen ein Gesetz braucht, weil auch die Aussetzung per Gesetz erlassen wurde, dann reicht es nicht aus, ein neues, wiederum strittiges Gesetzgebungsverfahren einzuleiten, wenn der Mangel offenkundig und unstrittig festzustellen ist.
Es ist auch nicht überzeugend, jetzt mit fehlenden Unterkünften zu argumentieren. Die Bundeswehr hat bei der Verlegung von Truppen z.B. nach Litauen Unterkünfte in Containern vorgesehen, die dort einen sehr guten und von den Soldaten akzeptierten Eindruck machten. Oder können wir uns vorstellen, dass die Bundesregierung die Soldaten dort in unzulängliche Unterkünfte geschickt hat? Dass man dauerhaft Gebäude erstellen muss, steht außer Zweifel. Aber zunächst einmal ginge das auch so.
Der Gesetzentwurf sieht vor, dass es eine halbjährige Berichtspflicht über die Akzeptanz der neuen Regelung geben soll. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Berichte schonungslos und realistisch sind. Hier geht es um zu viel: Mit geschönten Zahlen die politischen Gremien in einer Frage beruhigen, in der die Bevölkerung schon deutlich weiter ist, wäre fatal.
Dieser Gesetzentwurf atmet nicht die Einsicht in das Nötige. Wer davon spricht, dass in dieser Zeit die Bevölkerung mitgenommen werden muss in eine Zukunft, in der eine militärische Auseinandersetzung nicht mehr ausgeschlossen ist, muss dies mit seiner Politik auch umsetzen. Das, was da beschlossen wurde, ist notwendig, aber nicht hinreichend. Wenn der Grundsatz gilt, dass bei der Sicherheit von einem „Worst-Case-Scenario“ ausgegangen werden muss, hat die Koalition ihre eigenen Grundsätze nicht umgesetzt.
Rolf Clement ist einer der profiliertesten sicherheitspolitischen Journalisten Deutschlands. Clement war viele Jahre Sonderkorrespondent für Sicherheitspolitik und Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunks. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den TV-Sender Phoenix sowie die Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik. Darüber hinaus lehrte er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln. Vor kurzem ist er zum 2. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland gewählt worden.





