Welt im Aufruhr! Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert

Vortrag Professor Herfried Münkler bei der Mahle Stiftung

Herfried Münkler gilt für viele als der Prophet eines einen Zeitalters. In seinem Buch „Welt in Aufruhr“ legt er dar, dass sich die Welt auf dem Wege von einer unipolaren in einer multipolare Ordnung befindet. Aktuell drängt sich der Eindruck auf, dass diese Verschiebung kein Prozess mehr ist, sondern dass es sich um den momentanen Zustand handelt. Dass sich die Welt im Aufruhr befindet, ist spätestens seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine offenkundig geworden. Die von vielen nach dem Ende des Kalten Krieges gehegte Hoffnung auf eine internationale Friedensordnung mit universellen Rechtsnormen und einer liberalen Weltwirtschaft hat sich in den Augen vieler Menschen zerschlagen. Wie lässt sich im Konflikt zwischen den östlichen Autokratien und westlichen Demokratien eine zerstörerische Anarchie der globalen Staatenordnung vermeiden?

Schauen Sie sich den interessanten Vortrag bei einer Veranstaltung der Mahle Stiftung aif YouTube an: https://youtu.be/iV6bdU_n1AI?si=0RFxxC8hFq-n2zV3

Zum Referenten: Herfried Münkler hatte von April 1992 bis September 2018 den Lehrstuhl Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Seit 1993 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. die Theorie und Geschichte des Krieges sowie Risiko und Sicherheit als soziopolitische Kategorien. 2023 erschien „Welt in Aufruhr“.

22. März 2025

Trump, Ukraine, and the Future of Geopolitics

Historiker Niall Ferguson im Gespräch mit Sam Harris

Der amerikanische Präsident Donald Trump versetzt die Welt nahezu jeden Tag mit seinem Politikansatz in Aufruhr. Handelt es sich dabei um das naive, konzeptlose und erratische Handeln eines Verrückten, wie uns die meisten Kommentatoren und Experten vermitteln. Oder steckt gar eine Strategie hinter allem, die wir in der Fundamentalkritik an Trumps Verhalten nicht wahrnehmen wollen. Der Historiker Niall Ferguson, bekannt für seine scharfen und manchmal unbequemen Analysen, versucht im Gespräch mit Sam Harris eine Einordnung der amerikanischen Politik in Zeiten einer multipolaren Weltordnung, die von einem neoimperialistischen Agieren der Großmächte geprägt scheint. NF

Sehen Sie das Video auf YouTube https://youtu.be/cGFjDdN_tm4?si=gScyCHs3EtYl4cRO

22. März 2025

Ist eine Rückkehr zur Wehrpflicht sinnvoll?

Bild: picture alliance/photothek.de/Juliane Sonntag

Ein Gespräch von Jens Lattke mit Martin Schelleis im Deutschlandfunk

Jens Lattke, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Martin Schelleis, Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit bei den Maltesern debattieren über die Wehrpflicht und deren Zunkunft.

Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in Bundeswehr und bei der NATO, von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene. Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken. Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Malteser. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an. 

Hören Sie das Gespräch unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zeitenwende-rueckkehr-zur-wehrpflicht-ja-oder-nein-100.html

22. März 2025

Schuldenbremse für Rüstung entsperrt – nun gilt es zu liefern!

Bild: BDSV e.V.

Von Dr. Hans C. Atzpodien, Hauptgeschäftsführer BDSV e.V. 


I. Frühjahr 2025: Zeitenwende 2.0

Es war kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz, als der neue US-Verteidigungsminister Hegseth bei einer NATO-Verteidigungsministerkonferenz in Brüssel das sagte, was man eigentlich bereits vorher im „Projekt 2025“ – einer Veröffentlichung der konservativen Heritage Foundation aus dem Jahr 2023 im Kapitel über das Pentagon – hätte lesen können: Die Europäer sollen fortan selbst für ihre konventionelle Rüstung sorgen! In München selbst folgte dann der vielbesprochene Auftritt des US-Vizepräsidenten J.D. Vance mit seinem Vorwurf, die Europäer nähmen es selbst mit ihren demokratischen Werten nicht so ernst. Danach wiederum entwickelte sich alles, was in dem denkwürdigen „Clash“ zwischen den Präsidenten Trump und Selenskyj im Oval Office seinen Kulminationspunkt fand.

Drei Jahre nach der von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 ausgerufenen „Zeitenwende“ war dies nichts weniger als eine „Zeitenwende 2.0“, also eine Wendung, die wir wiederum glaubten verdrängen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen zu können. Das wirklich dramatisch Neue an dieser „Zeitenwende 2.0“ liegt darin, dass sich – drei Jahre nach dem erneuten Völkerrechtsbruch durch die Russische Föderation – nun auch die USA über diese rechtlichen Kategorien hinwegzusetzen scheinen und gleichsam über die Europäer hinweg eine neue Achse Washington–Moskau schmieden.

Die Vertreter der Trump-Administration begründen diese Anerkennung russischer Handlungsweisen damit, dass die Ukraine den Krieg ja ohnehin nicht gewinnen könne und sie zudem den Fehler begangen habe, dieser Unausweichlichkeit nicht sofort zu Beginn des Krieges Rechnung getragen zu haben. Fazit: Wer sich nicht sogleich dem Stärkeren unterwirft, hat – selbst wenn er mit seiner völkerrechtlichen Position im Recht ist – das Recht auf Unterstützung oder Widerstand de facto verwirkt. Bliebe es dabei, so wäre dies eine neue Dimension des machtpolitischen Realismus, die alle völkerrechtlichen Bindungssysteme ad absurdum führen würde.

Genau darin liegt die Natur der „Zeitenwende 2.0“, die man gerne weiterdenken und auch bis nach Peking sowie zur Absteckung von Einflusszonen zwischen den Mächten weiterdenken kann, die sich machtpolitisch als ebenbürtig anerkennen.

Aus dieser aktuellen und absolut richtigen Einsicht heraus, dass in dieser augenblicklichen Weltordnung nur noch eigene Stärke zählt, haben die Koalitionspartner der künftigen Bundesregierung – nämlich CDU/CSU und SPD, sekundiert von Bündnis 90/Die Grünen – in ihren Beschlüssen, die sie noch dem 20. Deutschen Bundestag zur Abstimmung über eine Grundgesetzänderung vorgelegt haben, genau die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. Das Ziel, endlich in kürzestmöglicher Zeit eine von allen Zwängen der Mangelverwaltung befreite Komplettausrüstung der Bundeswehr zu bewerkstelligen, muss das primäre Ziel unserer Gesellschaft sein, wenn wir weiter in unserer Lebensform existieren wollen.

Ebenso ist es richtig und zwingend, dass auch die Aufwendungen für den Aufbau einer gleichermaßen resilienten Zivilgesellschaft genauso von der Schuldenbremse ausgenommen wurden wie die Militärausgaben selbst. Beide Bereiche gehören untrennbar zusammen; sie bedingen sich gegenseitig. Schon heute sagt uns das Bundesamt für Verfassungsschutz unmissverständlich, dass wir angesichts der Angriffe auf unsere zivile Infrastruktur nicht mehr allein von „hybrider Bedrohung“ sprechen können, sondern dass wir uns hier bereits in einer Art von Kriegszustand befinden.

Ohne eine robuste Abwehrbereitschaft auf allen Feldern der zivilgesellschaftlichen Angriffe, wie wir sie tagtäglich erleben und noch schlimmer erleben könnten, nützt uns auch eine bestausgerüstete Bundeswehr nur bedingt. Insofern sind die Gesamtverteidigungsrichtlinien, der Operationsplan Deutschland, die Anstrengungen zur Verbesserung des Bevölkerungsschutzes und die Maßnahmen zur Cyberabwehr allesamt auch finanziell so zu dotieren, dass wir unsere bisherigen Defizite umgehend aufholen können.


II. Herausforderungen für die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie

1. Die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie muss und kann liefern!

In Zeiten, in denen es vor allem auf eigene Stärke ankommt, kann es schon aus diesem Grund nicht darum gehen, sich die Ausrüstung für Bundeswehr und Sicherheitsorgane irgendwo zusammenzusuchen. Nein, die Fähigkeit der eigenen – es sollte bewusst heißen „nationalen“ – Industrie, diese Ausrüstung zumindest weitestgehend selbst bereitzustellen, ist in sich ein wesentlicher Beitrag zu der geforderten Stärke Deutschlands.

Ein Käufer muss sich im Laden in die Schlange der Kaufinteressenten einreihen. Der aber, der die Produktion selbst in der Hand hat und steuert, kann die Reihenfolge bestimmen. Dies ist vor allem für Krisenzeiten ein maßgebliches Argument. Im vergleichsweise Kleinen haben wir es während der Corona-Pandemie bereits erlebt, was es bedeutet, wenn sich Grenzen plötzlich schließen und in elementaren Überlebensfragen jeder sich selbst der Nächste ist. Für solche Situationen muss man insbesondere dann vorsorgen, wenn es um das Überleben in einem Kriegsszenario geht.

Wie wir im Zweiten Weltkrieg gesehen haben, kommt es dann entscheidend auf die Fähigkeit an, die Fertigung von Rüstungsgütern nochmals an allen Ecken und Enden hoch zu eskalieren – teilweise auf Output-Zahlen, die man zuvor niemals für möglich gehalten hätte. Dies aber kann man nur von einer etablierten industriellen Plattform aus tun.

Deutschland hat in sehr vielen Feldern der Rüstung diese Voraussetzungen. Darüber hinaus gibt es in angrenzenden Feldern – wie im Automobilbereich – gerade jetzt freiwerdende Ressourcen, die unbedingt für Rüstung nutzbar gemacht oder gehalten werden müssen. Das Motto „Autos zu Rüstung“ muss zu einem gesamtgesellschaftlichen Aufbruch genutzt werden.

Deutschland hat sich nicht zuletzt durch die im Dezember 2024 erneut bekräftigte Definition national wichtiger und zu erhaltender „Schlüsseltechnologien“ im Bereich der Sicherheit und Verteidigung eine Plattform geschaffen, auf deren Grundlage der entsprechende Ressourceneinsatz strategisch konsistent gesteuert werden kann.

2. Die Industrie braucht belastbare Anforderungsdaten für ihre Planung

Das Vorhandensein von Ressourcen ist das eine, ein Masterplan zu deren möglichst effizienter und effektiver Nutzung das andere. In einer Situation, in der die europäischen NATO-Mitglieder per Schocktherapie lernen, dass sie in Sachen konventioneller Rüstung auf sich selbst gestellt sind, schalten sie nun augenblicklich in den Herstell- oder Kaufmodus um.

Die dänische Ministerpräsidentin Frederiksen wurde vor Kurzem im Magazin DER SPIEGEL mit der Weisung an ihre Militärbeschaffer zitiert: „Kaufen, kaufen, kaufen“. Wenn dies so ist, dann muss es jetzt die Aufgabe der großen EU-Mitgliedsländer mit eigener starker Sicherheits- und Verteidigungsindustrie – allen voran Deutschlands – sein, diese Bedarfe zu aggregieren und zu konsolidieren.

Es muss pro Produkt oder Produktfamilie schnellstmöglich eine Abnehmerkoalition der „willigen Kunden“ geformt werden, deren konsolidierte Bedarfe es der angesprochenen Industrie erlauben, ihre Produktionsplanung für die kommenden Jahre belastbar zu konzipieren. Weiß man auf Seiten der Industrie, für welchen Output in welcher Zeiteinheit man eine Fertigungsanlage auslegen muss, kann man unmittelbar mit der Umsetzung beginnen. Kommen hingegen immer wieder nacheinander einzelne Nachfrager auf die Industrie zu, ergibt dies ein „Patchwork“, führt zu Misshelligkeiten innerhalb der Kundenschlange und verhindert Effizienz und Effektivität in der Abarbeitung der Bestellungen.

Für Produkte, die Deutschland in seiner „Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ als deutsche Schlüsseltechnologien eingestuft hat, wird es maßgeblich darauf ankommen, dass die kommende Bundesregierung mit dem zu erwartenden Nationalen Sicherheitsrat und dem BMVg-Rüstungsbereich genau diese Aufgabe meistert: nämlich schnellstens aggregierte und konsolidierte Abnahmezahlen gemeinsam mit anderen willigen EU-Nachfragern zusammenzubringen.

3. Die Dynamik unserer Wirtschaft, wenn sie Druck hat, ist nicht zu unterschätzen

Für die Umsetzung wird es entscheidend darauf ankommen, wie es der neuen Bundesregierung gelingt, die Kräfte der Wirtschaft so zu motivieren, dass die klassische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, aber auch die Auto- und Zulieferindustrie, die Bauwirtschaft, der Maschinen- und Anlagenbau sowie die beteiligten Bundesministerien und Landesregierungen miteinander in einen Aufbruchsprozess kommen, der in sich eine Dynamik entfaltet, welche die entscheidenden privatwirtschaftlichen Kräfte freisetzt.

Dazu müssen von der neuen Bundesregierung die richtigen Signale kommen – wie sie im Ansatz ja bereits mit der Entsperrung der Schuldenbremse für Militär und zivilgesellschaftliche Resilienz gesetzt wurden. Am Ende sind es – solange wir nicht von einem Verteidigungsfall sprechen, der andere rechtliche Möglichkeiten eröffnet – vor allem die privatwirtschaftlichen Initiativen, die uns als Bundeswehr und Zivilgesellschaft in kürzestmöglicher Zeit zum Ziel der kompletten Abschreckungs- und Verteidigungsbereitschaft bringen müssen. Wichtig ist, dass dieser Umschwung in der Stimmungslage alle gesellschaftlichen Ebenen durchdringt, damit z. B. auch die letzten sog. „Zivilklauseln“ an Hochschulen endlich fallen.

4. Es braucht sehr konkret verbesserte regulatorische Rahmenbedingungen

Nur anspornende Worte einer neuen Bundesregierung, auch wenn sie noch so eindringlich formuliert sein mögen, würden alleine nicht ausreichen, um die besagte Dynamik in der Umstellung auf deutlich mehr Output im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsrüstung zu erreichen. Hierzu bedarf es vielmehr auch konkreter Verbesserungen und Erleichterungen bei den regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese betreffen sowohl das militärische Vergaberecht als auch genehmigungsrechtliche Erleichterungen – ähnlich denen, die im Jahr 2022 angesichts einer erwarteten Gasmangellage für die schnelle Errichtung von LNG-Terminals erreicht werden konnten.

Viele dieser Verbesserungen sind bereits in der im Dezember 2024 verabschiedeten „Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ angelegt, bedürfen aber nun der konkreten Umsetzung in Form eines umfassenden „Rüstungsbeschleunigungspakets“. Manche dieser Rahmenbedingungen haben ihre Wurzeln in europarechtlichen Bestimmungen, die daher mit in den Blick genommen werden müssen. Glücklicherweise werden diese Themen aktuell in dem von der EU-Kommission am 19. März 2025 veröffentlichten „Joint White Paper for European Defence Readiness 2030“ angesprochen. Doch auch hier lässt die tatsächliche regulatorische Umsetzung noch auf sich warten.


III. Fazit

Wenn die neue Bundesregierung hoffentlich bald ins Amt kommt, eine aktive Rolle in EU-Europa übernimmt und es ihr gelingt, schnell ihre eigenen Rüstungsbedarfe zu artikulieren und mit anderen europäischen Nachfragern zu aggregieren – gerne unterstützt durch die EU-Kommission –, dann kann auch die Industrie rasch in die Lage kommen, ihre Kapazitäten weiter zu erhöhen und damit ihre wichtige Funktion als Ausrüster unserer Streitkräfte und Sicherheitsorgane zügig weiter auszubauen.

Die gesamtwirtschaftliche Situation in Deutschland, die zu einem Rückgang der Auslastung in der Auto- und Automobilzulieferindustrie führt, kann und muss nun als Chance genutzt werden, um die Serienfertigung von Autoteilen in eine Serienfertigung von Komponenten und Produkten zu transformieren, die uns helfen, unseren Weg zur Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit umso schneller zurückzulegen. Deutschland hat dazu die Kraft – und auch die Mittel!

Dr. Hans Christoph Atzpodien ist seit 2017 Hauptgeschäftsführer des BDSV. Zuvor war er in leitenden Management-Positionen im thyssenkrupp-Konzern tätig, darunter von 2007 bis 2012 als CEO der Sparte thyssenkrupp Marine Systems sowie von 2012 bis 2015 als CEO der Business Area thyssenkrupp Industrial Solutions mit einem Umsatz von 6 Mrd. €. Im Jahr 2009 gehörte Dr. Atzpodien zu den Mitgründern des BDSV, desssen Vorstand er seit der Gründung bis zum Jahr 2016 angehörte, davon ein Jahr als Präsident des Verbandes. Dr. Atzpodien ist gelernter Jurist und verfügt zudem über einen akademischen Abschluss in Politik- und Verwaltungswissenschaften.

Vortrag (Präsenz + Online) von Ali Fatholla-Nejad am 15. April in Bonn – Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät

Multiple Krisen, Vormarsch von Autokratien, Kriege: Die aktuelle weltpolitische Lage ist so unübersichtlich und unsicher wie selten zuvor. Wenden wir uns in dieser Gemengelage dem Iran zu, so stellen wir fest, dass die massiven regionalpolitischen Ambitionen, das Atom- und Raketenprogramm sowie die desaströse Menschenrechtslage westlicherseits zu sehr ignoriert wurden. Gibt es eine Schuld der westlichen Politik an der Eskalation im Nahen Osten? Ali Fathollah-Nejad, ein anerkannter Politologe und Nahost-Experte tritt für einen Paradigmenwechsel in der Iranpolitik ein und entwirft hierzu Eckpfeiler einer nachhaltigeren, die regionalspezifischen Aspekte berücksichtigenden Politik.

Die GSP lädt in Kooperation mit dem Sicherheitsforum Deutschland, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dem Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn und dem Verband der Reservisten der Bundeswehr zu einer hybriden Vortragsveranstaltung (Präsenz + Online) ein.

Dr. Ali Fathollah-Nejad (*1981 in Tabriz/Iran), ist ein deutsch-iranischer Politologe und Autor mit Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten (insb. Iran), westlicher Außenpolitik und post-unipolarer Weltordnung. Politologie-Studium in Deutschland (Münster), Frankreich und den Niederlanden, anschließend Promotionsstudium an der SOAS (School of Oriental and African Studies) in London, Postdoc an der Harvard Kennedy School. Er ist Gründer und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG), das zu Transformationen und einer Interessen und Werte versöhnenden Außenpolitik forscht. Fathollah-Nejad lehrt Nahost-Politik und Internationale Sicherheit an der Hertie School in Berlin und ist Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn. Zuletzt veröffentlichte er das Buch Iran in an Emerging New World Order (2021). Bekannt wurde er einem breiteren Publikum im Zuge der »Frau, Leben, Freiheit«-Proteste in Iran und des Nahost-Krieges mit Einschätzungen und Analysen, u.a. für die Tagesthemen, ZDF-heute-journal, Deutschlandfunk.

Anmeldung unter https://www.gsp-sipo.de/aktivitaeten/veranstaltungen-anmeldung?tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Baction%5D=registration&tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Bcontroller%5D=Event&tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Bevent%5D=4989&cHash=55c5f597f79b99ca2c2ea182dd85ef60

 

Eindrücke von der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz aus erster Hand

 

Bildquelle: MSC/Preiss

Analyse der Sicherheitskonferenz von Martin Schelleis, Februar 2025

Allgemeiner Überblick 

Die diesjährige Sicherheitskonferenz war wohl die bisher größte ihrer Art. Über 60 Staats- und Regierungschefs, mehr als 100 Minister, zahlreiche Abgeordnete – vor allem aus Deutschland und den USA –, hochrangige Militärs, Wirtschaftsführer, Geheimdienstler, Wissenschaftler und Top-Medienvertreter kamen zusammen. Die Kernteilnehmerzahl lag bei etwa 500, mit über tausend weiteren Personen in der Peripherie und Tausenden an Begleitpersonal. Allein die Delegation des US-Vizepräsidenten umfasste 500 Personen.

Neben dem Hauptprogramm gab es eine kaum überschaubare Vielzahl an Side-Panels und Nebenveranstaltungen, teilweise auch außerhalb des Bayerischen Hofes. Thematisch deckte die Konferenz eine breite Palette ab. Dennoch dominierten aufgrund aktueller Ereignisse – insbesondere Trumps und Putins Positionen zur Ukraine sowie die Rede von US-Vizepräsident Vance – erneut die Themen transatlantische Sicherheit und Russland.

Die Kapazitätsgrenze der MSC scheint nun erreicht. Das Gedränge im Bayerischen Hof wurde als zunehmend unerträglich empfunden. Um eine gewisse Exklusivität und inhaltliche Tiefe zu bewahren, wird eine stärkere Fokussierung notwendig sein.


Eigene Rolle

Teilnahme an Veranstaltungen im Haupt- und Nebenprogramm, verschiedene Presse- und Hintergrundgespräche sowie eine Keynote-Rede bei der Münchner Sektion der Gemeinschaft für Sicherheitspolitik (GSP).


Einzelaspekte

1. Die US-Position und Reaktionen darauf

US-Militärs und Diplomaten versuchten im Vorfeld, die erwarteten US-Forderungen als nicht neu darzustellen. Offensichtlich waren sie aber selbst nicht vollständig über den Inhalt der Vance-Rede informiert.
Europäische Vertreter zeigten sich einsichtig, übten Selbstkritik über nicht eingehaltene Zusagen und verstanden die US-Forderungen nach einer stärkeren Lastenteilung („burden shifting“). Gleichzeitig herrschte große Sorge darüber, dass die USA ihre Führungsrolle in Europa aufgeben könnten.
US-Vertreter versuchten zu beschwichtigen: Eine Truppenreduzierung in Europa um 20 % (auf 80.000 Soldaten) sei möglich, aber der nukleare Schutzschirm stehe nicht zur Disposition.
Auch US-Vertreter zeigten sich unzufrieden darüber, dass Trump seine Verhandlungstrümpfe mit Putin bereits im Vorfeld öffentlich gemacht hatte.
Nach der Rede versuchten US-Vertreter zu relativieren: Die Trump-Administration sei noch neu im Amt, und die Details der Politik würden sich noch entwickeln. Europäer sollten sich zudem nicht so empfindlich zeigen – offenbar hatte die monatelange Kritik an Trump und den Republikanern ihre Spuren hinterlassen.

2. Wirtschaftliche Überlegungen

Fuest (ifo-Institut) argumentierte, dass eine Anschubfinanzierung für zusätzliche Verteidigungsausgaben unumgänglich sei. Langfristig müssten diese jedoch in den Kernhaushalt überführt werden, was eine Umstrukturierung auf Kosten des Wohlfahrtsstaates erfordere.

3. Panel zur Zukunft des Libanon

Das Panel, organisiert von der Ordensregierung aus Rom in Zusammenarbeit mit der LIB-Assoziation, startete chaotisch als eine Art Familientreffen von (Exil-)Libanesen.
Mit der Zeit füllte sich der Raum, insbesondere mit Journalistinnen.
Einigkeit bestand darüber, dass die aktuelle Schwächung der Hisbollah eine große Chance für das Land darstelle. Die staatlichen Institutionen müssten nun unter internationaler Unterstützung das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.
Uneinigkeit herrschte darüber, ob die Hisbollah in diesen Prozess eingebunden werden sollte.


Zentrale Redebeiträge

US-Vizepräsident Vance:

  • Die größte Gefahr für Europa gehe nicht von Russland oder China aus, sondern von innen.

  • Warf Europa vor, gemeinsame Werte zu verraten:

    • Kritik an Rumänien für die Annullierung der Präsidentschaftswahlen

    • Kritik an Deutschland wegen der Isolation der AfD

    • Kritik an Schweden wegen der Verfolgung religiöser Minderheiten

    • Kritik an Großbritannien wegen der Verhaftung eines Abtreibungsgegners

  • Bezeichnete Migration als größte Bedrohung für die Sicherheit, verwies auf den Anschlag in München.

  • Lobte die USA unter Trump als „Hort der Meinungsfreiheit“.

  • Bezeichnete den Begriff „Desinformation“ als „ugly word“.

  • Zweifelte an einem klaren europäischen Bekenntnis zu gemeinsamen Werten mit den USA. Falls sich dies bestätige, könnten die USA Europa nicht mehr schützen.

BM Pistorius:

  • Energische Replik auf Vance: Vergleich Europas mit autoritären Regimen sei nicht akzeptabel.

  • Erteilte einem schwachen Frieden für die Ukraine eine klare Absage.

  • Betonte die Notwendigkeit einer aktiven europäischen Rolle in den Ukraine-Friedensverhandlungen.

  • NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sei weiterhin auf dem Tisch.

  • Verwies auf eine Roadmap der europäischen NATO-Verteidigungsminister zur Umsetzung des „burden shiftings“.

  • Entwickelt einen deutschen 10-Jahresplan zur langfristigen Stabilisierung der Verteidigungsausgaben.

BK Scholz:

  • Wies Vances Demokratiebelehrung und Wahlkampfeinmischung scharf zurück.

  • Plädierte für eine Ausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben.

  • Lehnte Einschnitte in anderen Haushaltsposten zugunsten der Verteidigung ab.

  • Glaubt sich im Einklang mit der Bevölkerung: höhere Verteidigungsausgaben ja, aber nur durch neue Schulden.

UKR-Präsident Selenskyj:

  • Sprach Putin den Willen zum Frieden ab, verwies auf eine Drohnenattacke auf Tschernobyl.

  • Warnte vor einem möglichen Überraschungsangriff Russlands auf NATO-Territorium über Belarus.

  • Entwarf eine sicherheitspolitische Vision für Europa ohne die USA und Russland.

  • Plädierte für eine starke europäische Armee unter Einbeziehung der Ukraine.

  • Bezifferte die russischen Verluste auf 250.000 Tote und 610.000 Verwundete.

  • Falls keine NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine möglich sei, forderte er andere Sicherheitsgarantien entlang der europäischen Ostgrenze.

  • Drängte auf eine aktive europäische Beteiligung an den Verhandlungen zur Ukraine.

  • Zeigte sich offen für eine Stationierung fremder Truppen zur Friedenssicherung in der Ukraine.

  • Deutete einen Gipfel in Kiew am 24. Februar an.

  • Auffällig: kein spezifischer Dank an Deutschland für bisherige Unterstützung.


Bewertung

Die Vance-Rede war kein Ausrutscher, sondern eine bewusste Provokation. Sie wird als Startschuss für eine neue transatlantische Epoche in Erinnerung bleiben – vergleichbar mit Putins Rede von 2007.

Meta-Botschaft 2025: Europa und die USA teilen offenbar nicht mehr dieselben Werte. Falls sich Europa nicht anpasst, wird es kein schützenswerter Partner mehr sein. Zudem sehen die USA Europa eher als Bremser denn als ernstzunehmenden Akteur. Diese Haltung spiegelt sich auch in der US-Absicht wider, zur Ukraine nur im kleinen Kreis zu verhandeln.

Während Pistorius und Scholz wohltuend klar auf Vance reagierten, fehlte eine Antwort auf die übergeordnete Frage der schwächer werdenden transatlantischen Bindung. Selenskyj hingegen bot eine klare Vision für die Zukunft: ein starkes Europa mit der Ukraine als integralen Bestandteil.


Autor: Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in der Bundeswehr und bei der NATO – von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene. Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf dem Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken. Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an.

Die in diesem Text geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der gesamten Redaktion.

 

Zum Schicksal der Ukraine – und Europas Unterjochen durchsetzen! Unterjochen in Kauf nehmen? – Unterjochen verhindern!

Dr. Klaus Olshausen, März 2025

Zusammenfassung

Seit Putins Namensartikel im Sommer 2021 ist klar, dass er die Ukraine als Territorium Russlands eingliedern und das Land in seinem Sinne unterjochen will. Noch ist es ihm nicht gelungen, doch mit Donald Trump als Präsident der USA steigt seine Siegeszuversicht. Trump will den Krieg beenden, weil dies eine seiner zentralen Wahlparolen war und er seine Vorstellungen einer Kooperation mit Russland umsetzen möchte.

Europa und seine Partner benötigen einen eigenen Plan für einen Waffenstillstand und anschließende Verhandlungen über einen fairen Friedensplan. Gegenüber Putin muss klar Stellung bezogen und gegenüber Trump deutlich gemacht werden, dass eine souveräne und integre Ukraine eine unverzichtbare Voraussetzung für eine dauerhafte europäische Sicherheitsordnung ist. Das erfordert entschlossenen Einsatz gegen den Aggressor und eine Strategie, um Trump für ein freies Europa mit der Ukraine im nationalen Sicherheitsinteresse der USA zurückzugewinnen. Die USA wollen und müssen sich strategisch dem Pazifik zuwenden. Daher muss Europa – möglichst gemeinsam mit den USA – den Aggressor jetzt stoppen. Jede Verzögerung bei der Eindämmung oder Verhinderung imperialer Expansion wird Europa und Nordamerika exponentiell höhere Lasten, Leiden und Kosten aufbürden.


Analyse

„Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden.“ Mit diesen obszönen Worten eines provokativen Liedes, das die Vergewaltigung eines toten Mädchens besingt, formulierte Präsident Putin drei Tage vor seiner brutalen Invasion der Ukraine sein völkerrechtswidriges Ziel in erschreckender Klarheit. In Anlehnung an seinen Namensartikel vom Juni 2021 machte er mit teuflischem Lächeln deutlich, dass er die Ukraine annektieren will.

Drei Jahre später hat er sein Ziel (noch) nicht erreicht. Doch seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump zeigt Putin neue Siegeszuversicht.
Mit Trump ist ein Egomane und Narzisst ins Weiße Haus eingezogen, der bereits in den ersten sechs Wochen seiner Amtszeit sowohl innen- als auch außenpolitisch massiv agiert, um seine Wahlversprechen rücksichtslos umzusetzen. Dies gilt nicht nur für innenpolitische Fragen, sondern auch für außenpolitische Herausforderungen. Putins Angriffskrieg – den Trump bis heute nicht so nennt – scheint für ihn zweitrangig zu sein. Sein Fokus liegt darauf, Kriege zu beenden und die USA aus bewaffneten Konflikten herauszuhalten.

Dass Putin die Ukraine nicht nur besetzt und bekämpft, sondern als eigenständigen Staat vernichten will, ist zumindest Trumps Beratern bekannt. Dennoch zeigen alle bisherigen Schritte des US-Präsidenten, dass er bereit ist, sein Verhältnis zu Putin zu verbessern – sowohl im geopolitischen Dreieck mit China als auch in Fragen der nuklearen Abrüstung und wirtschaftlichen Kooperation, insbesondere in Bezug auf Bodenschätze.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass Trump und sein Team vor jeglichem Verhandlungsprozess militärische, politische und ökonomische Zugeständnisse von der Ukraine und ihren europäischen Partnern verlangen. Dazu gehören:

  • Die Hinnahme der russischen Besetzung ukrainischer Gebiete auf unbestimmte Zeit,

  • die einseitige Absage an eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine – entgegen aller NATO-Gipfelbeschlüsse seit 2008.

Trump nimmt die Unterwerfung wichtiger Gebiete der Ukraine in Kauf und verweigert selbst einer verbliebenen Restukraine Sicherheitsgarantien gegen erneute russische Angriffe.

Welche Zugeständnisse Trump von Putin fordert, um die Kampfhandlungen zu beenden und einen „trumpschen Frieden“ zu etablieren, ist unklar. Doch die Tatsache, dass er bereits laufende militärische Unterstützung der Ukraine aussetzt und nachrichtendienstliche Kooperation stark einschränkt, zeigt, dass er dem legitimen Verteidiger weitere Nachteile zufügt und damit Putins Handlungsoptionen verbessert.

Wenn Trump bereit ist, die Ukraine zu opfern und damit Russlands imperiale Ansprüche zu ermutigen, stellt sich die Frage, wie er einen solch prekären Frieden als politischen Erfolg verkaufen will. Denn sein oberstes Ziel in der Außenpolitik ist es, Schlachten zu gewinnen.


Fazit

  • Putin will die Ukraine unterjochen und zerstören.

  • Trump und sein Team würden eine Unterwerfung der Ukraine als Teil eines Deals mit Russland in Kauf nehmen – insbesondere mit Blick auf China und nukleare Abrüstungsverhandlungen.

  • Europa muss Trump durch den Aufbau eigener Stärke und massive Unterstützung der Ukraine entgegenwirken und ihn als Verbündeten für ein verteidigungswertes Europa zurückgewinnen. Falls dies nicht gelingt, muss Europa selbstständig handeln, um die Unterjochung des zweitgrößten Landes Europas zu verhindern.

  • Wer imperiale Stürme der kommenden Jahrzehnte eindämmen oder verhindern will, muss den russischen Aggressor so früh wie möglich stoppen. Jede Verzögerung dieser Aufgabe wird Europa und Nordamerika exponentiell höhere Lasten, Kosten und Leiden auferlegen.


Autor: Generalleutnant a. D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel.

Die in diesem Text geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der gesamten Redaktion.

Der Beitrag wurde im Original für das ISPSW – Institut für Strategie-, Politik-, Sicherheits- und Wirtschaftsberatung verfasst.

 

Sönke Neitzel: „Wir können nur hoffen, dass die Bundeswehr nie kämpfen muss“

Eine krasse, aber realistische Aussage! Der bekannte Militärhistoriker Sönke Neitzel zieht in der Sendung am 17. Oktober im Gespräch mit Sandra Maischberger historische Parallelen zu langwierigen Abnutzungskriegen, wie dem Koreakrieg. Der Ukraine könne drohe laut Neitzel ein ähnliches Szenario drohen, da die militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen beider Seiten nicht ausreichen, um entscheidende Erfolge zu erzielen. Neitzel spricht auch Klartext und stellt in Sachen Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr ein schlechtes Zeugnis aus. Damit unterstreicht er viele Aussagen von Referenten und Panelteilnehmer unserer Veranstaltung am 28. Juni 2024.

– Norbert Froitzheim

Deutschlands Sicherheit Kongressthema bei Rotary 

Multiple globale Krisenherde bewegen zur Zeit die Welt. Diese Feststellung stand Pate für eine Veranstaltungsserie, die der Governor des Jahres 2023-2024 des Distrikts 1810, Norbert Adam Froitzheim, aufgelegt hat. Ukraine und Gaza sind zwei Krisenherde, die die Schlagzeilen beherrschen. Viele Konflikte, z.B. in Afrika, stehen nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Aber sie betreffen uns alle. 

Unter dem Motto „Deutschlands Sicherheit in einer Welt im Aufruhr“ wurden auf der Veranstaltung in der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn zwei Aspekte diskutiert: Zum einen ging es um „Deutschlands Sicherheit im europäischen, transatlantischen und globalen Kontext“. Immer deutlicher werden die Risse in den Bündnissen, denen Deutschland angehört. Spektakulärer Ausdruck dieser Differenzen war der unabgesprochene Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Orban bei Russlands Machthaber Putin, wenige Tage nach der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft Anfang Juli, so dass der falsche Eindruck entstand, er spreche für die EU. Die deutliche Mehrheit der EU-Staaten war gegen einen solchen Besuch, schon wegen der propagandistischen Wirkung für Putin. Dies zeigt, dass die Homogenität der EU-Europäer zu wünschen übriglässt. Damit Europa in die Lage versetzt werden kann, in der Welt eine angemessene Rolle zu spielen, denkt Prof. Masala, Universität der Bundeswehr München, über weitere, auch institutionelle Reformen nach. Der Bogen wurde weit gespannt: Der Jugendoffizier der Bundeswehr, Hauptmann Jos Meinköhn, der in Schulen und bei Veranstaltungen mit Jugendlichen Sicherheitspolitik erklärt, spricht davon, dass das Interesse an diesen Themen zwar wächst, aber nicht ausreichend groß ist. Wie schwierig es ist, die Politiker dazu zu bringen, die Voraussetzungen für industrielle Planungen zu schaffen, berichtete Hans-Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Rüstungs- und Verteidigungsindustrie. Vizeadmiral Dr. Thomas Daum blickte in seinen „Baukasten“ als Inspekteur des Cyber- und Informationsraums, in dem er mit einer Vielzahl unterschiedlicher konkreter Angriffe auf die IT in Deutschland zu tun hat. Sind wir schon in einem Cyber-Krieg angekommen? Abgerundet wurde dieses Forum durch Anmerkungen des früheren Vertreters Deutschlands bei der NATO, Dr. Klaus Ohlshausen. Dass die Äußere Sicherheit eng mit der Inneren Sicherheit verknüpft ist, machte der Nationale Territoriale Befehlshaber, Generalleutnant André Bodemann, deutlich: Ganz Deutschland wird gefordert sein, wenn es zu einem Krieg komme und in Deutschland alliierte Truppen auf dem Weg nach Osteuropa und Flüchtlinge auf dem Weg in den Westen bei uns zusammentreffen. Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, machte deutlich, dass die Extremisten in Deutschland in einer solche Lage destabilisieren können. Prof. Christiane Woopen, die an der Universität Bonn einen Lehrstuhl für Live Ethics innehat, beeindruckte durch Hinweise darauf, wie die Bevölkerung mit dem Thema umgeht. „Nationale integrierte Sicherheit für Deutschland“ war dieses Podium überschrieben.

Nahezu 200 Rotarier, Rotaracter und Nichtrotarier, vor allem aus dem Köln-Bonner Raum, waren gekommen, um an der lebhaften Diskussion teilzunehmen. Einige davon  waren virtuell zugeschaltet. Das zeigt, dass Past-Governor Froitzheim ein wirklich brennendes Thema aufgegriffen hat, mit dem sich auch Rotarier intensiv beschäftigen müssen. Deshalb ist geplant, diese Veranstaltung am 4./5. April 2025 fortzusetzen. Wie wird die Welt dann aussehen? Vor allem: Wie wird die künftige US-Administration, die am 20. Januar 2025 ihr Amt antritt, die Politik in der Welt beeinflussen? Damit beschäftigt sich eine Veranstaltung am 24. Januar 2025.

Rolf Clement, RC Bonn