Platzpatrone? Der neue Wehrdienst – Kabinett will ein kräftiges Zeichen setzen 


Ein Kommentar von Norbert Adam Froitzheim

Das Kabinett hat am 27. August 2025 beschlossen, ein Gesetz für die Einführung eines neuen Wehrdienstes ab 2026 einzuführen, der zunächst eine Freiwilligkeit vorsieht und mit höheren Soldzahlungen und eine verpflichtenden Musterung ab 2027 beinhaltet. „Sicherheit steht in der Agenda weit oben“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Pressekonferenz in Berlin. Es sei aber auch ein „starkes Signal aus Berlin an die europäischen Verbündeten, dass Deutschland ein handlungsfähiger Partner in der Nato ist“. Russland sei und bleibe eine Bedrohung.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ergänzte: „Es ist nicht irgendein Gesetz, es ist ein Riesen-Schritt nach vorne. Es muss nachhaltig und langfristig sein. Das Mindset bei jungen Männern und Frauen soll sich ändern.“ Und junge Männer und Frauen müssten sich entscheiden: „Ist mir das egal? Will ich Verantwortung übernehmen? Und wenn ja, an welcher Stelle?“

Die Bundeswehr benötigt etwa 80.000 zusätzliche aktive Soldaten. Aus den Ableitung der Natoziele ergibt sich nämlich für Deutschland eine Größenordnung von 260.000 Männern und Frauen in der stehenden Truppe, um einem potenziellen Angriff etwa Russlands auf Nato-Gebiet standzuhalten.

Unabhängig davon, dass hier ein Kompromiss als Lösung verkauft wird und es für viele Fachleute dringend geboten gewesen wäre, den Wehrdienst in seiner früheren Form wieder einzuführen, lohnt sich vielleicht ein Blick auf das, um was es wirklich geht. Darum zunächst einmal die Frage, was man mit einem Wehrdienst überhaupt bezwecken möchte. Es geht nämlich nicht darum, jungen Menschen in einer wichtigen Phase ihres Lebens die Zeit zu stehlen, sondern aus dem Pool der Wehrdienstleistenden Zeitsoldaten und Reservisten zu rekrutieren. Wenn die Bundeswehr also 80.000 zusätzliche aktive Soldaten braucht, dann stellt sich zunächst einmal die Frage, bis wann diese Soldaten denn fertig ausgebildet, ausgestattet und einsatzfähig sein sollen. Mit Blick des Kanzlers auf eine potenzielle russische Bedrohung bleiben wir im Ungefähren, wann diese Bedrohung denn real sein wird. Folgt man verschiedenen Spekulationen, dann könnte dies 2029 der Fall sein. Dies natürlich nur unter der Voraussetzung, dass Russland nicht früher auf die Idee kommen könnte, Narwa in Estland zu attackieren und damit nach Artikel 5 Natovertrag den Bündnisfall auszulösen. Da wäre nämlich möglicherweise so: Estland ruft Artikel 4, der Nordatlantikrat tritt zusammen und jedes NATO-Land entscheidet, wie es den Bündnisfall konkret unterstützt.

Ungeachtet der Frage, ob es dann tatsächlich zu diesem Bündnisfall käme, müsste sich eine ordentliche Ressourcenplanung mindestens auf 2029, wenn nicht auf 2027 einrichten. Es stellt sich dann allerdings die Frage, wie – und sieht man von einer Generalmobilmachung ab –  man bis zu diesen Zeitpunkt auf die Zahl von 80.000 neuen Soldaten kommen will. Wie viele junge Menschen müsste Deutschland einziehen, um 80.000 Zeitsoldaten auszubilden?

Zunächst die Basiszahlen: In Deutschland leben derzeit etwa 3,25 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Geht man davon aus, dass die ersten Jahrgänge ab 2026 eingezogen werden und bis 2030 fünf komplette Kohorten durchlaufen, ergibt sich die notwendige Grundgesamtheit an Rekruten.

Die entscheidende Variable ist die Konversionsrate. Eine Modellrechnung könnte wie folgt aussehen. So könnte erfahrungsgemäß etwa die Hälfte aller Wehrdienstleistenden den Dienst innerhalb des ersten Jahres abbrechen. Von den Verbleibenden entscheidet sich wiederum nur ein Teil für den Weg in die längerfristige Verpflichtung als Zeitsoldat („Conversion rate“). Historische Erfahrungswerte schwanken zwischen 10 und 25 Prozent, bei entsprechender Incentivierung vielleicht höher. 

Nimmt man als mittlere Annahme eine Quote von 20 Prozent, bedeutet dies: Von allen Einrückenden werden im Ergebnis nur rund 10 Prozent Zeitsoldaten (50 Prozent Durchhalten × 20 Prozent Konversion). Um also 80.000 Zeitsoldaten zu gewinnen, müssten insgesamt etwa 800.000 junge Menschen zwischen 2026 und 2030 einrücken, also rund 160.000 pro Jahr. Das entspräche knapp fünf Prozent der gesamten 18- bis 25-Jährigen oder nahezu 40 Prozent eines einzelnen Jahrgangs.

Je nach angenommener Quote verändert sich das Bild erheblich:

  • Bei nur 15 Prozent Konversion der Nichtabbrecher wären mehr als eine Million Einberufene nötig, also über 200.000 pro Jahr.
  • Bei 25 Prozent Konversion ließe sich das Ziel bereits mit rund 640.000 Einrückenden erreichen, also etwa 128.000 pro Jahr.

Die Spannbreite zeigt: Selbst unter optimistischen Annahmen müssten sich jährlich eine sechsstellige Zahl junger Männer und Frauen freiwillig zum Wehrdienst verpflichten, um das Ziel von 80.000 Zeitsoldaten bis 2031 zu erreichen. Das erscheint utopisch. Es ist zu befürchten, dass unsere Verbündeten in der Nato und auch unsere amerikanischen Freunde anders als wir selbst den Grundrechenarten mächtig sind. Es bleibt deswegen zu hoffen, dass man dem „starken Zeichen“, das Kanzler Merz an die anderen Nationen senden will, nicht so richtig ernst nehmen. Im Kreml wird der Schrecken über die Ankündigung der Regierung sicherlich in Grenzen halten. 

Und wenn Verteidigungsminister Pistorius sagt, dass sich „das Mindset bei jungen Männern und Frauen ändern soll“, dann scheint es dringend geboten, dass sich das Mindset erst einmal bei Minister Pistorius und seiner Partei ändern sollte. Einige Unionsabgeordnete wissen es ohnehin: Mit einem Ackergaul ist das Grand National nicht zu gewinnen. Eine gute Portion Pragmatismus und Realismus würde in Berlin für frische Luft sorgen. 

Norbert Adam Froitzheim ist 1. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland e.V.

Tiefe Einsichten ins Denken der Nato

Michael Rühle war mit seinem Vortrag „80 Jahre Hiroshima – Zur fortgesetzen Bedeutung von Kernwaffen in der internationalen Politik“ beim Sicherheitsforum Deutschland in Bonn zu Gast.

Seit dem Beginn des Nuklearzeitalters vor 80 Jahren ist die nukleare Abschreckung ein zentrales Element der internationalen Sicherheit. Zwar hat die Forschung im Laufe der Jahrzehnte ihre Grenzen aufgezeigt, doch, so betonte Michael Rühle in seinem Vortrag, seien alle Versuche gescheitert, diese durch eine vollständige Abschaffung der Nuklearwaffen zu überwinden. Kritiker mögen zwar eindringlich auf die Risiken der nuklearen Abschreckung verweisen, doch bieten sie nach Rühles Einschätzung keine glaubwürdigen Alternativen zur Sicherung des Friedens.

Rühle, seit über 30 Jahren Insider der NATO, setzte in der anschließenden Diskussion zudem markante Denkanstöße – insbesondere mit Blick auf die Interpretation der aktuellen Bedrohungslage Deutschlands.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war der Erlebnisbericht von Dr. Michael Klevenhaus, dem Gastgeber im Café des Kunstmuseums Bonn. Er schilderte seinen Besuch im Kibbuz Nir Oz, wo beim Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 zahlreiche Bewohner auf grausame Weise ermordet wurden. Initiiert durch die Solidaritätspartnerschaft Bergisch Gladbach – Nir Oz war Klevenhaus in das Zentrum der Gräueltat gereist, hatte die Verwüstungen und Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen und mit Überlebenden gesprochen. Ein Bericht, der tief bewegte.

Die Veranstaltung fand am 25. August 2025 im Café im Kunstmuseum in Bonn statt. Auf dem Bild: Axel Schwarz (Sicherheitsforum Deutschland), Dr. Michael Klevenhaus, Michael Rühle, Norbert Adam Froitzheim (Sicherheitsforum Deutschland), Rolf Clement (Sicherheitsforum Deutschland)

Krieg, Geiseln, humanitäre Katastrophe: Der Konflikt seit dem 7. Oktober 2023

Teil 2: Von den israelischen Kriegszielen über die Dynamik der Geiselverhandlungen und die humanitäre Krise in Gaza bis hin zu regionalen Eskalationen und völkerrechtlichen Kontroversen.

Von unserer Autorin Dr. Désirée Kaiser

Nach dem Hamas-Angriff: Beginn einer neuen Eskalationsstufe
Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 befindet sich der Konflikt in einer neuen Phase, die von massiver militärischer Gewalt, regionalen Spannungen und humanitären Verwerfungen geprägt ist. Israel reagierte mit einer umfassenden Offensive, deren Ziel es ist, die militärische Infrastruktur der Hamas zu zerstören, alle Geiseln zu befreien und seine Abschreckungsfähigkeit wiederherzustellen. Die Hamas wiederum setzt auf das Überleben ihrer Strukturen, nutzt Geiseln als Verhandlungsmasse und versucht, durch die internationalen Bilder des Kriegs Israels Legitimität zu unterminieren.

Militärische Phasen und Ziele
Die erste Phase war von intensiven Luftangriffen auf strategische Ziele, Tunnelsysteme und Kommandozentralen in Gaza geprägt. Es folgten Bodenoffensiven, die sich vor allem auf den dicht besiedelten Norden konzentrierten und eine massive Zerstörung hinterließen. Später setzte Israel zunehmend auf gezielte Spezialoperationen und Drohnenangriffe, um Kommandeure der Hamas auszuschalten. Diese Taktik führte zu einer Verschiebung von einem großflächigen Krieg hin zu einem Low-Intensity-Konflikt, der punktuell aufflammt, aber keine vollständige Befriedung bringt. Für die Hamas ging es darum, trotz der Zerstörung in Gaza handlungsfähig zu bleiben, ihre Kommunikations- und Angriffskanäle aufrechtzuerhalten und den Krieg politisch auszunutzen, um Druck auf Israel auszuüben.

Die Geiselfrage
Von Beginn an spielte die Geiselfrage eine zentrale Rolle. Die Hamas verschleppte Hunderte Zivilisten und Soldaten, darunter viele Frauen und Kinder, und nutzte sie als Hebel, um Feuerpausen und Gefangenenaustausche zu erzwingen. Unter Vermittlung Katars, Ägyptens und der USA kam es zu mehreren Verhandlungsrunden, bei denen begrenzte Waffenruhen vereinbart wurden. Diese Absprachen hatten neben der Geiselproblematik auch Auswirkungen auf humanitäre Hilfslieferungen, da Konvois nur während bestimmter Pausen Gaza erreichten. Doch jede Vereinbarung war fragil, da sie sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite auf Widerstand stieß: in Israel aus Angst vor einem Verlust der Abschreckung, auf palästinensischer Seite wegen interner Machtkämpfe.

Die humanitäre Krise
Die humanitäre Lage in Gaza verschlechterte sich rapide. Große Teile der Bevölkerung wurden zu Binnenflüchtlingen, viele verloren ihre Wohnungen und mussten in provisorischen Lagern ausharren. Krankenhäuser sind überlastet, der Zugang zu Wasser und Strom ist stark eingeschränkt, und Hilfsorganisationen warnen vor Hunger und Krankheiten. Die Blockade, die seit 2007 besteht, wurde durch den Krieg verschärft. Humanitäre Korridore stehen unter politischem und militärischem Druck; jeder Hilfskonvoi wird zum Streitpunkt zwischen Israel, den Palästinensern und internationalen Akteuren.

Völkerrecht und internationale Kritik
Die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 werden international als Terrorakte und als gravierende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht eingeordnet. Parallel dazu wächst die Kritik an Israels militärischem Vorgehen. Vorwürfe, die sich auf unverhältnismäßige Angriffe, hohe zivile Opferzahlen und die Zerstörung kritischer Infrastruktur beziehen, haben intensive Debatten im UN-Sicherheitsrat und vor internationalen Gerichten ausgelöst. Dabei stehen fundamentale Prinzipien des humanitären Völkerrechts im Fokus: insbesondere die Pflicht zur Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten sowie das Verbot kollektiver Bestrafung. Für sicherheitspolitische Beobachter stellt sich die Frage, wie militärische Notwendigkeit, Abschreckung und rechtliche Normen in einem asymmetrischen Konflikt wie diesem in Einklang gebracht werden können.

Eine regionale Eskalation
Parallel zum Gaza-Krieg kam es zu Spannungen an anderen Fronten. An der libanesischen Grenze führt die Hisbollah einen Stellungskrieg niedriger Intensität, während vom Jemen aus Huthi-Milizen Raketenangriffe auf Israel und den internationalen Schiffsverkehr im Roten Meer unternehmen. Der Iran agiert als zentraler Unterstützer der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad, was das Konfliktgeschehen in einen breiteren regionalen Machtkampf einbettet. Für arabische Staaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate bedeutet die Eskalation eine Herausforderung: Sie stehen zwischen dem Wunsch nach regionaler Stabilität und dem öffentlichen Druck ihrer Bevölkerungen, die palästinensische Sache zu unterstützen.

Informationskrieg und Radikalisierung durch Social Media
Neben der militärischen Eskalation tobt ein Informationskrieg. Bilder aus Gaza verbreiten sich in Echtzeit über soziale Medien, während Israel und Hamas um die Deutungshoheit kämpfen. Deepfakes, Propaganda-Videos und selektiv verbreitete Nachrichten erschweren es internationalen Medien, ein vollständiges und faktenbasiertes Bild der Lage zu vermitteln. Durch die Echtzeit-Übertragung ungefilterter und nicht überprüfbarer Bilder wurde der Konflikt bereits in einem frühen Stadium emotionalisiert. Live-Übertragungen und unterschiedliche Medienethiken führten zur intensivierten Emotionalisierung und in manchen Fällen zur Radikalisierung der Mediennutzer. Faktische Auswertungen und Übertragungen wurden aufgrund unterschiedlicher Medienethiken und verzögerter Berichterstattungen – ganz im Gegenteil zur Live-Übertragung – als Vertuschungsversuche degradiert und verloren nachhaltig an Glaubwürdigkeit.

Szenarien und Perspektiven
Die USA bleiben der wichtigste politische und militärische Partner Israels, drängen jedoch zunehmend auf humanitäre Zugeständnisse und eine klarere Definition der Kriegsziele. Auch die EU ist bemüht, humanitäre Hilfe zu koordinieren und politischen Druck auf beide Seiten auszuüben, verfügt jedoch über wenig direkte Einflussmöglichkeiten. Ägypten, Katar und die Türkei spielen Schlüsselrollen als Vermittler in den Verhandlungen über Geiseln, Hilfslieferungen und Feuerpausen.
Die Zukunft des Gazastreifens ist ungewiss. Diskutiert werden Modelle einer internationalen Übergangsverwaltung, einer Rückkehr der PA oder sogar einer erweiterten israelischen Sicherheitskontrolle. Alle Szenarien bergen erhebliche Risiken und erfordern umfangreiche internationale Unterstützung. Ohne eine klare politische Perspektive droht der Konflikt in einen weiteren Zyklus aus Gewalt, Wiederaufbau und neuerlicher Eskalation zu münden.

Der aus dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 resultierte Krieg ist Ausdruck einer strukturellen Krise, in der politische Blockaden, humanitäre Katastrophen und regionale Machtkämpfe ineinandergreifen. Ohne glaubwürdige Bemühungen um eine politische Lösung – etwa durch Sicherheitsgarantien, Re-Legitimation der palästinensischen Führung und internationale Governance-Modelle für Gaza – wird sich die Gewaltspirale weiterdrehen.

Dr. Désirée Kaiser ist Lehrbeauftragte am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und gründete Ende 2024 die Consulting-Agentur »Future Focus MENA«.

„Unterwirf Dich!“ Kann Europa das verhindern? 

Von Dr. Klaus Olshausen

In Alaska hat der Aggressor Putin vom US-Präsidenten Trump womöglich Zustimmung zu einigen seiner „root causes“ erhalten. Dass Trump seine Waffenstillstandsforderung aufgegeben hat und der Krieg bei Verhandlungen weitergehen wird, ist ein erhebliches, risikoreiches Zugeständnis. Das mag ein Zeichen sein, dass Trump für ein Ende des Krieges weiteren Druck auf Selenskyj ausüben will. Eine Unterwerfung der Ukraine, das aktive Ziel Putins, kann so unterstützt werden, weil Trump den Krieg „loswerden“ will. Wenn die Europäer am Ziel eines gerechten und dauerhaften Friedens festhalten, müssen sie die Verteidigung der Ukraine massiver und schneller unterstützen, damit die Frontlinie eher zu ihren Gunsten verändert werden kann. Die erörterten Sicherheitsgarantien müssen – wenn ein schneller NATO-Beitritt nicht möglich ist – überzeugend sein. Sie haben den Nachteil, dass sie erst nach dem Abschluss einer Vereinbarung gelten sollen. Dann aber müssen sie mindestens die volle Mitwirkung bei kollektiver und individueller Selbstverteidigung gem. Artikel 51 der VN-Charta bei jeder neuen gewaltsamen Aktion zusagen.

Es kommt in diesem Angriffskrieg Russlands nicht darauf an, der Ukraine (um des lieben Friedens willen) etwas aufzuzwingen, sondern den Aggressor zurückzuweisen. Wenn Europa das in der Ukraine noch nicht einsieht, wird es dieser Notwendigkeit später unter noch schwierigeren Umständen und weit höherem Aufwand und Kosten begegnen müssen.

Analyse
Letzte Woche habe ich „Jalta 2.0“ noch mit einem Fragezeichen versehen. Keine 24 Stunden nach dem Treffen von Präsident Trump mit Präsident Putin, das den Russen mit allen Elementen eines Staatsbesuchs hofierte, besteht die Sorge, dass aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen wird. Die einzige inhaltliche Aussage bestand darin, dass Trump seine Forderung nach einem Waffenstillstand hat fallen lassen und Putins Forderung übernimmt, dass Verhandlungen bei Fortsetzung der massiven Waffengewalt Russlands gegen die Ukraine verlangt werden. Trump hat damit gezeigt, dass er diesen Krieg Putins der Ukraine und ggf. den Europäern überlässt. Das deckt sich mit den Aussagen seines Vizepräsidenten, der keinerlei eigene Unterstützung mehr für die Ukraine leisten will, es sei denn, die Europäer bezahlen dafür.

In den Aussagen Putins sind zweierlei Hinweise bzw. Forderungen augenöffnend. Einmal sagt er, es gelte, die Ukraine wieder sicher zu machen und so dem Frieden näher zu kommen. Und dann fügt er hinzu, dass die Europäer diesen (seinen) Weg nicht hintertreiben sollten. Und Trumps Beitrag dazu besteht darin, Präsident Selenskyj zu sagen: „You have got to make a deal“. Das kann ja nur heißen, dem zuzustimmen, was er von Putin gehört hat. Unklar ist, welches der „große Punkt“ ist, der laut Trump noch nicht vereinbart wurde. Putin besteht auch weiter darauf, dass die „root causes“ beseitigt werden, ja sein müssen, bevor die „spezielle Operation“ beendet werden kann.

Reaktionen in den europäischen Hauptstädten bedauern zwar, dass Trump die Forderung des Waffenstillstands vor Beginn von Friedensverhandlungen nicht aufrechterhalten hat, aber der Glaube besteht fort, dass Trump gewonnen werden kann, gegen einen Putin, den er als Freund betrachtet und mit dem er bilaterale Verhältnisse ausbauen will, „einen gerechten und dauerhaften Frieden“ durchzusetzen.

Es ist nicht bekannt, über wie viele Punkte in den Gesprächen in Sachen Ukraine und Sicherheit eine Einigung erzielt worden ist. Es sei erinnert, dass Trump und sein Verteidigungsminister schon im März dem Aggressor erhebliche Gebietsabtretungen und Verzicht auf NATO-Mitgliedschaft angeboten haben.

Offensichtlich wollen Trump und viele Menschen in der westlichen Welt immer noch nicht erkennen, dass Putin seinen Angriffskrieg jetzt weiterführen kann und wird, mit dem politischen Zweck, „den Gegner niederzuwerfen, ihn wehrlos zu machen und politisch zu vernichten“ (Clausewitz). Es ist eben kein Krieg, „wo man bloß an den Grenzen seines Reiches einige Eroberungen machen will, um sie zu behalten …“. Trump musste seine Forderung nach einem bedingungslosen Waffenstillstand fallen lassen, er hat die weitere Kriegführung Putins hingenommen und mag glauben, dass er einige von Putins „root causes“ gegenüber der schwächeren Ukraine am Montag durchsetzen kann, mit andernfalls entfallender Unterstützung des angegriffenen Landes durch die USA.

Was können die europäischen Staaten tun, um ihrem mantrahaft vorgetragenen Satz „für einen gerechten und dauerhaften Frieden einzutreten“ näher zu kommen? Da der Waffenstillstand vor Verhandlungen nicht durchgesetzt wird, wirken die von Bundeskanzler Friedrich Merz vorgestellten positiven Punkte des Treffens sehr problematisch. Den Verlauf der Frontlinie zum Ausgangspunkt der Verhandlungen zu setzen, ist ein zweischneidiges Schwert. Denn Putin setzt seinen Krieg fort und wird die Frontlinie zu seinen Gunsten verändern wollen. Zurzeit ist zu erkennen, dass ihm das, wenn auch in kleinen Schritten, gelingt. Und niemand weiß, wie lange Putin bereit ist, Ergebnisse von Verhandlungen zu verzögern, weil die „root causes“ noch nicht behoben sind.

Wenn man die Frontlinie als Ausgangspunkt artikuliert, dann müsste es im Interesse des reklamierten „dauerhaften und gerechten Friedens“ liegen, die Ukraine in die Lage zu versetzen, ihrerseits die Frontlinie zur Befreiung von weiteren Teilen ihres Landes zu verändern. Aber schon seit zwei Jahren ist nicht erkennbar, dass die westlichen Staaten diese Umkehr mit eigenen Mitteln zu unterstützen bereit sind. Dann bleibt aber die Frontlinie für Putin eine für die Unterwerfung der Ukraine bewegliche Linie.

Zum anderen hebt Merz besonders positiv hervor, Trump habe Bereitschaft „angedeutet“, dass die USA sich an (späteren) Sicherheitsgarantien für die Ukraine beteiligen könnten. Wenn diese Sicherheitsgarantien weiter so vage bleiben, der Krieg gegen die Ukraine von Putin weiter vorangetrieben wird und solche Garantien ja offensichtlich auch erst nach einem „Friedensschluss“ wirksam werden sollen, dann kann der Fall eintreten, dass zu diesem Zeitpunkt wegen weiterer russischer Erfolge eine Ukraine ganz anders aussieht als die ständig deklarierten Zielsetzungen von einer „freien, unabhängigen, souveränen und territorial wiederhergestellten Ukraine“ vorgaukeln. Das bedeutet ein weiteres Risiko. Alle Sicherheitsgarantien müssen – wenn ein schneller NATO-Beitritt nicht möglich ist – überzeugend sein. Dies verlangt, mindestens die volle Mitwirkung bei kollektiver und individueller Selbstverteidigung gem. Artikel 51 der VN-Charta zuzusagen.

Wenn die Europäer hinnehmen (müssen), dass im laufenden Krieg verhandelt werden soll, dann muss der Kriegführung herausragende Aufmerksamkeit zukommen. Andernfalls gibt man dem Gegner Pfunde in die Hand, über die er nicht mehr zu verhandeln bereit sein wird. Wenn das (noch) freie Europa dem „Unterwirf dich“ aus der Richtung des Aggressors und dessen, der den Konflikt loswerden will, erfolgreich entgegentreten will, muss die Unterstützung der Ukraine auf allen Gebieten, aber v. a. zur Befreiung von Gebieten, schnell und massiv verstärkt werden.

Dazu gehört, dass die Sanktionen verschärft, Lücken geschlossen und die von Trump ins Gespräch gebrachten Sekundärsanktionen durch Zölle beim Kauf von russischem Öl und Gas in Kraft gesetzt werden. Nach den Gesprächen am Montag in Washington von Trump mit Selenskyj und vielleicht europäischen Regierungschefs wird erkennbar werden, wie stark Trump versuchen wird, das mit Putin „weitgehend Vereinbarte“ durchzudrücken.

Ein mit erheblichen Gewinnen für Putin aufgezwungener „Frieden“ wird gegenüber einem Land, das bereits über elf Jahre für seine Freiheit kämpft, keinen Bestand haben. Es kommt in diesem Angriffskrieg Russlands nicht darauf an, der Ukraine (um des lieben Friedens willen) etwas aufzuzwingen, sondern den Aggressor zurückzuweisen. Wenn Europa das in der Ukraine noch nicht einsieht, wird es dieser Notwendigkeit später unter noch schwierigeren Umständen und weit höherem Aufwand und Kosten begegnen müssen.

Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft und kommentiert regelmäßig die Geschehnisse in der Ukraine. Dr. Olshausen war Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel.

Zurück auf der Weltbühne: Wie US-Präsident Trump Russlands Präsident Putin wieder stark gemacht hat

Ein Kommentar von Politikwissenschaftler Dr. Sascha Arnautović

Amerikas Präsident Donald J. Trump möchte sich offenkundig vor den Augen der Weltöffentlichkeit weiterhin als „Friedensstifter“ inszenieren, was die Perspektiven für ein baldiges Kriegsende in der Ukraine betrifft. So betont er immer wieder gebetsmühlenartig, dass es unter ihm einen solch „unnötigen Krieg“ niemals gegeben hätte. Damit nimmt er ganz klar Bezug auf seinen Amtsvorgänger Joe Biden, an dem er kein gutes Haar lässt. Bei dieser waghalsigen Unternehmung riskiert Trump jedoch, dass die ukrainische Seite weiter geschwächt wird, die unabhängig davon gerade militärisch an der Heimatfront in jeder Hinsicht gefordert ist, und dass das ohnehin schon belastete Verhältnis zu den EU- und den europäischen Staaten auch künftig von Anspannung geprägt sein dürfte. Einzig das scheinbar ausgezeichnete Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und Wladimir Putin bleibt bis auf Weiteres bestehen. Aber wird dieser politische Balanceakt Donald Trumps tatsächlich die große Wende im Ukraine-Krieg bringen? Die Antwort darauf dürfte lauten: wohl kaum – es sei denn, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dürfte mit am Verhandlungstisch sitzen. Schließlich geht es in erster Linie um sein Land, das von den Streitkräften der Russischen Föderation am 24. Februar 2022 heimtückisch und völkerrechtswidrig überfallen worden ist.

Im Vorfeld des Treffens am 15. August 2025 zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Anchorage in Alaska gab es auf ukrainischer und europäischer Seite zu Recht große Sorgen über einen möglichen Alleingang des amtierenden US-Präsidenten. Dieser versucht nun schon seit geraumer Zeit, krampfhaft einen „guten Deal“ mit Putin hinsichtlich der Ukraine auszuhandeln. Doch angesichts der aus Putins Sicht erfreulichen Lage an der Front fragt man sich indes, was es für den russischen Präsidenten überhaupt mit Trump zu verhandeln gibt, laufen doch die Entwicklungen bezüglich der militärischen Lage in der Ukraine in letzter Zeit durchaus zugunsten des Kremls. So verfestigt sich der Eindruck, dass der 47. Präsident der USA diese Fakten einfach nicht sehen will. Ihm geht es stattdessen um die große Show auf der weltpolitischen Bühne – und das ohne Rücksicht auf Verluste. Sein eigenes Ego scheint ihm wichtiger zu sein als die Zukunft der Ukraine und damit letztlich auch Europas. Zudem ignoriert Trump dabei geflissentlich, dass er mit seinem politischen Handeln die russische Seite stark macht, sodass mit Fug und Recht behauptet werden kann, dass er dafür sorgt, dass Putin wieder zurück auf der weltpolitischen Bühne ist. Eine Aufwertung Russlands, die nicht unproblematisch ist und überdies den Bemühungen der europäischen Seite zuwiderläuft, Wladimir Putin in seine Schranken zu weisen. Und dann wird zu allem Überfluss auch noch von Donald Trump der rote Teppich für den russischen Präsidenten ausgerollt – eine schallende Ohrfeige für die Ukraine und „EU-Europa“.

Fakt ist: Die Situation wird durch US-Präsident Trumps erneuten Versuch direkter Verhandlungen mit Russlands Präsident Putin eher noch kniffliger. In Alaska gab es weder den großen Durchbruch noch auch nur annähernd eine Perspektive auf eine Konfliktlösung, sondern eher „viel Lärm um nichts“ – ganz im Sinne von William Shakespeares bekannter Komödie. Kurzum: Donald Trump möchte offensichtlich unter allen Umständen den großen außenpolitischen Erfolg für sich selbst verbuchen und vielleicht sogar den Friedensnobelpreis wie einst US-Präsident Barack H. Obama erhalten, um in die Geschichtsbücher einzugehen, riskiert dafür aber die Einheit des Westens zum Nachteil der Ukraine, die nicht einmal am Verhandlungstisch in Gestalt ihres Präsidenten Platz nehmen darf. Unter diesen Voraussetzungen, so viel steht fest, kann jedenfalls ein wirklich fairer Deal nicht zustande kommen.

Dr. Sascha Arnautović ist Politikwissenschaftler, selbstständiger Unternehmer, freier Referent und externer Lehrbeauftragter an der Universität der Bundeswehr München. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der sozialwissenschaftlichen USA-Forschung. Seit März 2006 leitet er in seiner Funktion als Vorsitzender und Geschäftsführer das Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik (kurz: KFIBS) – ein eingetragener und gemeinnütziger Verein mit Sitz in Brühl (Rheinland), der Nachwuchskräfte der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt und fördert. Außerdem leitet er – ebenfalls ehrenamtlich – seit August 2020 die Sektion Köln/Rhein-Erft-Kreis/Euskirchen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e. V. (GSP), die dem Landesbereich III/NRW zugeordnet ist.

Friedrich Merz’ Entscheidung zur Unterstützung Israels – Eine sicherheitspolitische Gratwanderung

Ein Kommentar von Dr. Désirée Kaiser 

Kritik an seiner Entscheidung, Waffenlieferungen an Israel bis auf Weiteres auszusetzen, hat Friedrich Merz zurückgewiesen. Dabei hat seine Entscheidung eine intensive Debatte entfacht, die inmitten des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten sowohl politische als auch sicherheitspolitische Dimensionen berührt. Die Entscheidung widerspreche laut Parteikollegen und Externen der festen Solidarität mit einem langjährigen Bündnispartner und wirft zahlreiche Fragen zur strategischen Verantwortung Deutschlands und den Folgen für die regionale Stabilität auf.

Den Vorwurf, seine Entscheidung sei ein Kurswechsel in der deutschen Israel-Politik, wies Friedrich Merz entschieden zurück. Der Dissens zum Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen sei in einer Freundschaft verkraftbar. Doch welche Auswirkungen und welche Symbolkraft hat ein solcher Rüstungsstopp für Deutschland und Israel? Kritisch ist darauf hinzuweisen, dass diese Position nicht ohne Widerspruch bleibt. Insbesondere wird Merz vorgeworfen, es sich zu leicht zu machen, indem er die komplexen Hintergründe und Folgen einer solchen Entscheidung unterschätze. Die Gefahr, dass ein Aussetzen von Waffenlieferungen die Spirale der Gewalt weiter anheizen oder den Konflikt langfristig verfestigen könnte, ist real. Zudem besteht die Herausforderung, die regionale Dynamik im Nahen Osten nicht aus den Augen zu verlieren: Einseitige Parteinahmen können Spannungen mit anderen Staaten und Akteuren verschärfen und so die Sicherheitslage insgesamt destabilisieren.

Sicherheitspolitisch stellt sich daher die Frage, wie Deutschland einerseits seine Verantwortung gegenüber Israel wahrnehmen kann, ohne andererseits zu einem Treiber der Eskalation zu werden. Hier wäre eine differenzierte Strategie wünschenswert, die auch diplomatische Bemühungen, humanitäre Hilfe und eine konsequente Unterstützung von Friedensinitiativen einschließt. Eine reine Fokussierung auf Waffenlieferungen greift zu kurz und birgt das Risiko, politische und gesellschaftliche Gräben auch innerhalb Deutschlands weiter zu vertiefen.

Dr. Désirée Kaiser ist Lehrbeauftragte am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und gründete Ende 2024 die Consulting-Agentur »Future Focus MENA«.

Trumps bewusste Abkehr vom Multilateralismus und der feste Glaube an die „Macht des Stärkeren“

Das kürzlich geschlossene Zoll- und Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und den Vereinigten Staaten von Amerika schlägt weiterhin medial hohe Wellen. Es wird kritisiert als einseitig zugunsten der USA und als nachteilig für die EU. Jenseits der Frage der Bewertung wird Folgendes noch einmal klarer für einen Politologen und Amerikaforscher: Das Trennende zwischen „EU-Europa“ und Amerika wird zunehmend größer unter US-Präsident Donald J. Trump. Eine Zeitenwende in den transatlantischen Beziehungen kündigt sich an. Umso wichtiger wäre es jetzt, die richtigen Schlussfolgerungen daraus auf europäischer Seite zu ziehen, nämlich die strategische Autonomie der EU endlich konsequent voranzubringen. Denn auf Dauer wird das der einzige Weg sein, um EU-Europa in einer neuen Weltordnung mit neuen Spielregeln in der internationalen Politik überlebensfähig zu machen: Die USA unter Trump, China unter Xi Jinping und Russland unter Putin geben sie vor. Dies sind die neuen Realitäten in der Weltpolitik.

Von Dr. Sascha Arnautović

Die Frage der Bewertung des EU-USA-Abkommens vom 27. Juli 2025 in Schottland, ausgehandelt zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump, sei hier nur kurz angesprochen: Einerseits ist diese Einigung gewiss keine Sternstunde für die europäische Diplomatie, andererseits steht die EU – das gehört auch zur Wahrheit – sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand. Ganz ohne die USA als Wirtschafts- und Handelspartner wird es – zumindest bis auf Weiteres – nicht gehen, besonders wenn es um die Ausfuhren aus der EU geht. Jedoch auch bei den Einfuhren in die EU kann es sich Brüssel nicht erlauben, auf eine – wie auch immer geartete – Zusammenarbeit mit Washington zu verzichten. Wenn überhaupt, dann lässt sich ein solch starkes Abhängigkeitsverhältnis von den USA nur mittel- bis langfristig verringern oder gar auflösen. Auch hierfür braucht es auf Dauer eine kluge EU-Strategie. Überhaupt ist die Frage der Strategiefähigkeit für die europäische Seite der Schlüssel zu größerer Unabhängigkeit und damit auch zu weniger Erpressbarkeit. Trumps Politik des maximalen Drucks zeigt sich an diesem konkreten Beispiel ein weiteres Mal neben seiner erpresserischen Bündnispolitik im Kontext der NATO, sprich des westlichen Verteidigungsbündnisses. Kurzum: Das sind die nüchternen Fakten, die zur Kenntnis genommen werden müssen.

Zurückkommend auf die missliche Lage der EU und damit auch der Bundesrepublik Deutschland – ein Land, dessen Schicksal untrennbar mit dem Erfolg Europas verbunden ist –, die einmal mehr deutlich macht, dass noch viel Luft nach oben ist für die europäische Politik. Grundsätzlich gilt: Solange das Einsehen einzelner EU-Mitgliedstaaten wie Ungarn und die Slowakei, die immer wieder wichtige Prozesse zur Erreichung substanzieller Fortschritte in der Union blockieren, ausbleibt, wird es eine große Herausforderung für Brüssel darstellen, entscheidende Fortschritte zu erzielen. Einzig eine „Koalition der Willigen“ wäre noch ein Ausweg aus der Misere, zumindest so lange, bis das Einstimmigkeitsprinzip – bei grundlegenden Fragen die EU betreffend – endlich aufgehoben werden kann, sodass Mehrheitsentscheidungen (Stichwort: „qualifizierte Mehrheit“) möglich sind. Ansonsten wäre es noch wichtig, die Stärkung des europäischen Gedankens und der europäischen Solidarität zu fördern. Hierdurch könnte das Bewusstsein für gemeinsame Werte und die Bedeutung eines geeinten Europas geschärft und der Zusammenhalt zwischen den EU-Mitgliedstaaten gestärkt werden. Gerade auch die Betonung gemeinsamer Werte wie z. B. Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sollte eigentlich das einigende Band zwischen den EU-Staaten sein und dazu führen, dass kontraproduktive nationale Egoismen überwunden werden – im Sinne und zum Wohle EU-Europas.

Nicht minder bedeutsam wäre es, insbesondere aufgrund der noch weiter anhaltenden wirtschaftlichen, handelspolitischen und vor allem auch sicherheitspolitischen Abhängigkeit Europas von den USA, sich im europäischen Rahmen Gedanken dazu zu machen, wie die transatlantischen Beziehungen an die neuen Realitäten unter „Trump 2.0“ angepasst werden könnten. Dabei müssen die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten genauestens beobachtet und analysiert werden, damit daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden können. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben, da die bisherigen europäischen Grundannahmen im Hinblick auf die Politik gegenüber den USA nicht mehr zutreffen. Gleichzeitig sollte Brüssel zukünftig ein klares und entschlossenes Auftreten zeigen, weil nur Stärke Trump als amtierender US-Präsident, der immerhin noch bis Januar 2029 regiert, beeindrucken wird. Schwäche darf insofern von europäischer Seite – allein schon aus psychologischen Erwägungen heraus – nicht gezeigt werden. Andernfalls wird dies Donald Trump dazu bringen, noch stärker zurückzuschlagen und in Bezug auf seine Forderungen an die EU die Grenzen der Zumutbarkeit noch weiter auszutesten. Dazu darf es Brüssel nicht kommen lassen – bei allem Verständnis für die redlichen Bemühungen des EU-Führungspersonals um ein akzeptables Verhältnis zum derzeitigen US-Präsidenten.

Letztendlich geht es um die kontinuierliche Steigerung der Handlungsfähigkeit EU-Europas über die nächsten fünf bis zehn Jahre. Besonders Deutschland als europäische Führungsmacht, aber auch andere relevante und potente europäische NATO-Mitgliedstaaten wie Frankreich und Polen sind gefordert, verschiedene Ansätze und Strategien im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu entwickeln, sodass sich dadurch die bisherige Abhängigkeit von den USA zunehmend verringert. Hierfür braucht es natürlich das entsprechende Geld, damit militärische Fähigkeiten – jenseits amerikanischen Zutuns – sukzessive aufgebaut werden können. Nur so kann die europäische Hilflosigkeit in außen- und sicherheitspolitischer Hinsicht ein Ende finden. Aber Geld allein ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss: Es braucht, wie bereits erwähnt, insbesondere europäische Handlungsfähigkeit. Dies sollte das anzustrebende Ziel sein. Betrachtet am Beispiel Deutschlands geht es darum, bezüglich der lange Zeit kaputtgesparten Bundeswehr einen Umschwung herbeizuführen, sodass sowohl Einsatzbereitschaft als auch Schlagkraft deutscher Streitkräfte optimiert werden können. Das Beschaffungswesen der Bundeswehr muss ebenfalls in Angriff genommen werden, will die Truppe auch in dieser Hinsicht schlagkräftiger werden. Mit anderen Worten: Es gibt viel zu tun. Und so gilt es, einige – nicht unerhebliche – Herausforderungen im Hinblick auf die Bundeswehr zu meistern. Auch die Frage der Wiedereinführung der Wehrpflicht angesichts des vorhandenen Personalmangels steht zur Debatte.

Die NATO steht ebenfalls im Blickpunkt: Es spricht einiges dafür, dass die Atlantische Allianz als politischer Rahmen genutzt werden könnte, um auch in diesem Kontext dafür zu sorgen, dass die Handlungsfähigkeit Europas eine Steigerung erfährt. Ein problematischer Punkt könnte allerdings sein, dass dafür eine NATO-Reform vonnöten wäre. Wie US-Präsident Donald Trump darauf reagieren würde, ist schwer einzuschätzen. Fakt ist: Das Risiko eines fundamentalen Konflikts zwischen den USA und den europäischen NATO-Mitgliedstaaten wäre nicht gering. Trump könnte einmal mehr darüber nachdenken, die Atlantische Allianz zu verlassen. Um nochmals darauf zurückzukommen, was dafür spricht, einen solchen Schritt im gemeinsamen europäischen Interesse zu wagen: Im Kern würde es darum gehen, die Fähigkeit zum Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme zwecks einer effektiven und reibungslosen Zusammenarbeit der Streitkräfte im Allianzrahmen, in der Fachsprache „Interoperabilität“ genannt, nicht allein der NATO-Führungsmacht USA und deren Standards zu überlassen, sondern auch andere Standards zuzulassen. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre, die NATO-Kommandostruktur zu reformieren, damit es zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen den USA und den europäischen NATO-Staaten hinsichtlich der militärischen Spitzenpositionen im Bündnis kommt. Wünschenswert wäre abschließend noch, dass künftig die europäischen Staaten in der Allianz stärker mit einer Stimme sprechen, um auf diese Weise mehr politisches Gewicht zu bekommen. Sollte all dies zum Scheitern verurteilt sein, bliebe dann nur noch als letzter Ausweg für die europäischen NATO-Mitgliedstaaten, ihre Verteidigung im Hinblick auf den Kontinent Europa auszulagern.

Auch in wirtschaftlicher und handelspolitischer Hinsicht geht es im transatlantischen Verhältnis nicht mehr länger ohne die Bereitschaft zum Wandel. „Business as usual“ funktioniert auch in diesem Zusammenhang nicht mehr. Ohne Frage: Das sind schmerzhafte, aber notwendige Erkenntnisse für EU-Europa. Denn es ist ein europäisches Interesse, für den Erhalt einer funktionierenden Weltwirtschaft einzustehen, die von multilateralem Handeln und von großer Offenheit geprägt ist. In diesen Kontext gehört auch die Notwendigkeit zu einer grundlegenden Reform der Welthandelsorganisation (WTO). Doch damit nicht genug: Hinzu kommt, dass sich die EU-Staaten im neuen Zeitalter der „Geoökonomie“, verstanden als eine Möglichkeit, in der Außen- und Außenwirtschaftspolitik ökonomische Mittel zur Durchsetzung von machtpolitischen Interessen zu verwenden, befinden. Wirtschaftsbeziehungen werden dadurch vermehrt durch geopolitisches Denken beeinflusst. Darüber hinaus bedeutet dies, dass der zuvor beschriebene neue Trend dazu führt, dass in erster Linie Staaten, aber durchaus auch wirtschaftliche Akteure dazu übergehen, verstärkt mit Druck gegenüber anderen Ländern zu agieren. Besonders China, aber auch die USA unter Trump bewegen sich eindeutig in diese Richtung. Russland hingegen ist erst einmal außen vor. Je nach weiterem Verlauf des Ukraine-Krieges könnte die Russische Föderation jedoch später ebenfalls zu dieser Gruppe von wirkmächtigen Staaten zählen. Dann könnte Moskau nämlich wieder zum ursprünglichen Kurs (Stichwort: „Erdgas als Waffe“) zurückkehren. Gegenmachtbildung in ökonomischer Hinsicht wäre dann vonseiten der EU fast schon gesetzt, will die Union nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Eine solche Maßnahme Brüssels wäre durchaus realistisch und umsetzbar, da – im Gegensatz zur militärischen und sicherheitspolitischen Komponente – die EU handelspolitisch und wirtschaftlich gut dasteht.

Ein wesentlicher Punkt sollte aber an dieser Stelle noch unbedingt Erwähnung finden: Auch das Wertefundament der transatlantischen Beziehungen ist mittlerweile ins Wanken geraten. Dieser Umstand – das gehört zur Wahrheit dazu – hat sich nicht ausschließlich aus den zunehmend problematisch werdenden innenpolitischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten ergeben, die ihren Ursprung in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre haben, als sich die politische und gesellschaftliche Polarisierung im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ in diese Richtung entwickelte. Vielmehr sollte, um das ganze Bild zu haben, noch hervorgehoben werden, dass die übrigen demokratischen Staaten des sogenannten Westens ebenso eine Veränderung erfahren haben, weil sie selbst innenpolitisch in ihren jeweiligen Ländern aufgrund von zunehmendem (Rechts-)Populismus und Nationalismus massiv unter Druck geraten sind.

Auch sollte man sich vor Augen führen, dass es eine enge Verbindung zwischen der Sicherheit Europas und der liberalen Demokratie mit ihrem universellen Wertekanon gibt. Auf den damit einhergehenden Werten fußt die Basis für den politisch-rechtlichen Ordnungsrahmen, der sowohl die Union als auch die Atlantische Allianz betrifft. Ein Einsturz dieser Fundamente wäre mit gravierenden Folgen für den Kontinent Europa verbunden. Doch damit nicht genug: Russland und China, die Speerspitze der autoritären Regime von heute, als Profiteure dieser Entwicklung könnten dazu tendieren, den bisherigen Druck ihrerseits noch weiter zu erhöhen, weil sie darin ihre Chance wittern, um dem von ihnen so verhassten demokratischen Modell des Westens endgültig den Todesstoß zu verpassen. Somit wird deutlich, dass das ohnehin schon beschädigte transatlantische Verhältnis nur noch dadurch zu retten ist, wenn es gelingt, eine klare Botschaft in Form einer Verlautbarung auf den Weg zu bringen, die zum Ausdruck bringt, dass die gemeinsamen demokratischen Werte, Normen und Regeln weiterhin konsequent hochgehalten und verteidigt werden. Das ist der Gradmesser für die Glaubwürdigkeit des Westens. Ein solches Vorhaben unter Donald Trump ist allerdings nur sehr schwer vorstellbar, sodass die Hoffnung eher auf der Zeit nach dessen zweiter Präsidentschaft liegt, wenn bis dahin nicht schon der „transatlantische Spaltpilz“ gewütet und dafür gesorgt hat, dass die bestehenden Gräben sogar noch tiefer geworden sind. Trotz aller Hoffnungen, die in eine Wiederbelebung des transatlantischen Verhältnisses gesetzt werden, muss es einen „Plan B“ geben, der diesseits des Atlantiks in den Schubladen der politisch Verantwortlichen in Brüssel und in den anderen Hauptstädten Europas liegen sollte.

Zurück zu den Fakten: Trumps Abkehr vom Multilateralismus und sein Glaube an die Macht des Stärkeren kommen nicht von ungefähr. Seine Zeit als Immobilienunternehmer hat ihn nachhaltig geprägt – natürlich auch die Erziehung, Vorbilder und Grundsätze. Donald Trumps Politikverständnis ist außenpolitisch im Wesentlichen geprägt von Isolationismus (Stichwort: „America first“) und Transaktionalismus (sprich: einseitiges Verschaffen von Vorteilen im Sinne von „Deals“). Multilateralismus – im Gegensatz zum europäischen Verständnis – begreift der amtierende amerikanische Präsident als nicht hinnehmbare Machtbeschränkung für die Gestaltungs- und Führungsmacht USA. Er wird sich somit verhaltensmäßig nicht wesentlich ändern, sondern seinen politischen Kurs weitgehend beibehalten wollen, ihn vielleicht sogar noch – je nach Lust und Laune – verschärfen.

EU-Europa wäre gut beraten, dies nicht aus den Augen zu verlieren und in Alternativen zu denken. Es wäre wichtig, in den kommenden Jahren eine größere europäische Strategiefähigkeit zu entwickeln, damit der Kontinent Europa auf alle denkbaren Szenarien bestmöglich vorbereitet ist. Eine vorausschauende Politik in einer „Welt im Chaos“ (Aaron Benanav) ist Trumpf. Was es braucht, ist die Einsicht, dass wissenschaftliche Politikberatung durchaus ihre Daseinsberechtigung hat und Berufspolitiker(innen) gut daran täten, öfter einmal auf Politikberater(innen) zu hören und auf deren Expertise vermehrt zu vertrauen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dr. Sascha Arnautović ist Politikwissenschaftler, selbstständiger Unternehmer, freier Referent und externer Lehrbeauftragter an der Universität der Bundeswehr München. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der sozialwissenschaftlichen USA-Forschung. Seit März 2006 leitet er in seiner Funktion als Vorsitzender und Geschäftsführer das Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik (kurz: KFIBS) – ein eingetragener und gemeinnütziger Verein mit Sitz in Brühl (Rheinland), der Nachwuchskräfte der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt und fördert. Außerdem leitet er – ebenfalls ehrenamtlich – seit August 2020 die Sektion Köln/Rhein-Erft-Kreis/Euskirchen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e. V. (GSP), die dem Landesbereich III/NRW zugeordnet ist.

Alaska im August – Jalta 2.0 gegen das freie Europa?

Ein Kommentar von Dr. Klaus Ohlshausen

Im Februar hatte ich die ersten Schritte von Präsident Donald Trump, „das Töten in der Ukraine (irgendwie) zu beenden“, als Zeichen gewertet, dass er bereit ist, Putin entgegen zu kommen und die Ukraine unter Druck zu setzen. Also ganz in der Richtung, dass der „Stärkere“ belohnt wird und der Schwächere, der in diesem Fall auch noch von einem selbst abhängt, zu Zugeständnissen gedrängt wird. In diesem Fall ginge das über ein „München 2.0“ hinaus, da Donald Trump eigene politische und wirtschaftliche Interessen mit dem Aggressor im Auge hat.

Das Geschehen rund um die russische Aggression gegen die Ukraine in den vergangenen Monaten vermittelte unterschiedliche Eindrücke. Einerseits Trumps Druck auf Selenskyj, einem bedingungslosen Waffenstillstand zuzustimmen, andererseits, Putins Ablehnung dieses Waffenstillstandes, solange die Ukraine Putins Maximalforderungen nicht anerkennt.

Das hat in den letzten Wochen zwar zu kritischeren Tönen Trumps gegenüber Putin geführt, einschließlich der Androhung drastischer Sekundär-Sanktionen z.B. gegen Indien, Brasilien und China mit Blick auf deren russische Ölimporte, die gegen Indien diese Woche mit einer Frist von 21 Tagen auch beschlossen worden sind. Dass die Frist für andere am 8. August verstrichen ist, wird ganz im Stile Trumps – von seinen Geräuschen über das bevorstehende Treffen in Alaska übertönt.

Was zeichnet sich nach bisherigem Kenntnisstand ab:
1. Trump ist bereit, den Aggressor – wie schon durch Verteidigungsminister Hegseth im Februar verkündet – mit ukrainischen Gebietsabtretungen und Ausschluss eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine zu „belohnen“.
2. Trump wird nach seinen Absprachen mit Putin Selenskyj unter Druck setzen (also München 2.0) die Verabredungen mit Putin über Dritte und Europa zu akzeptieren.
3. Die Regierungen der europäischen NATO- und EU-Staaten werden vielleicht vorab Hinweise erhalten und an der ein oder anderen Steele Akzente einbringen können. Aber letztlich sind auch sie in keiner starken Position, einen Waffenstillstand, der aus Sicht der Ukraine und Europas einer Kapitulation gleichkommt, zu verhindern.

Alle drei Punkte weisen die Elemente eines Jalta 2.0 auf. augenöffnend in diesem Sinn ist auch die Wahl des Ortes. An keinem anderen Ort der Erde sind sich Russland und die USA näher und weiter entfernt von der Ukraine und Europa.

Auf diese Entwicklungen gibt es vielfältige Äußerungen.
Die erste Kritik entfacht die Tatsache, dass Trump einen mit Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen gesuchten Aggressor als Staatsgast empfängt.
Die zweite besteht darin, dass Trump seinen Vorschlag eines Dreier-Gesprächs mit Selenskyj wegen Putins Weigerung sofort aufgegeben hat. Ein Hinzuziehen nach dem Zweier-Treffen kann man nur als ein verschärftes Minsk III einordnen.
Die dritte bezieht sich darauf, dass keine detaillierte Abstimmung weder mit der Ukraine noch mit Verbündeten und Partnern in Europa stattgefunden hat oder noch geplant ist. Es ist offen, ob und welchen Einfluss Ergebnisse aus Gesprächen europäischer Staaten auf Einladung von Keir Starmer auch mit Vizepräsident JD Vance noch haben können.

In den Tagen vor dem Treffen in Alaska muss man festhalten, dass die Ukraine nach ihren Rückeroberungen im Jahr 2022, militärisch in die Defensive geraten ist und weitere Gebietsverluste – trotz kontinuierlicher Gegenwehr – hinnehmen musste. Der politische Zweck der G7 und des Europäischen Rates (noch im Juni 2025), den Weg zur regelbasierten internationalen Ordnung mit einer souveränen, freien Ukraine in ihren Grenzen von 1991 zu ebnen, büßt mit dem derzeitigen Vorgehen von Trump jede Glaubwürdigkeit ein.

Der Ukraine selbst und allen Unterstützern ist es in den letzten drei Jahren – als nach allen statistischen Werten Russland in jeder Hinsicht überlegene Mächtegruppe – mit zu wenigen und unzureichend wirksamen Sanktionen sowie mit politischen und militärischen Mitteln nicht gelungen, den Aggressor Putin in eine Position zu bringen, wo er für seine weitreichenden politischen Zwecke nicht nur die Unwahrscheinlichkeit, sondern einen zu großen Preis eines Erfolges erkennt und sein „Motiv zum Frieden“ steigt.

Nun verdichtet sich im Gegenteil mit Trump und den innenpolitisch gebremsten Europäern im „Westen“ die Auffassung, dass die Ukraine und alle Unterstützer sich geringere politische Zwecke setzen müssen. Denn weder hat die Ukraine ihre personellen Ressourcen für die Streitkräfte ausschöpfen können, noch wollten die Unterstützer ihre Prämisse aufgeben, sie könnten den Aggressor zurückweisen, ohne „eigene Schmerzen“ hinnehmen zu müssen.

So zeichnet sich ab, dass in Alaska vielleicht ein Waffenstillstand erreicht werden soll, der aber schon viele Elemente einer Friedensregelung zu Ungunsten der Ukraine aufnimmt mit drastischen Auswirkungen auf das freie Europa.

Von den Europäern und einer viel beschworenen Koalition der Willigen sind keine überzeugenden Initiativen erkennbar, den Waffenstillstand ohne russische Bedingungen durchzusetzen. Sollte Trump einen Waffenstillsatan à la Putin akzeptieren, wird er nur Bestand haben, wenn die europäischen Unterstützer mit dem „back up“ der USA klarmachen, dass jedes erneute Aufflammen der Kämpfe zu Lande und in der Luft nicht nur die Gegenwehr der Ukraine, sondern auch derjenigen Staaten auslöst, die nach den Beschlüssen des G7-Gipfels bereits 2023 und 2024 Sicherheitsvereinbarungen mit der Ukraine abgeschlossen haben.

Geschieht dies nicht, wird Putin jede „Pause“ nutzen, um sich auf die nächsten Akte der Unterjochung und Vernichtung der Ukraine vorzubereiten als entscheidenden Schritt seine Eurasismus-Dominanz voranzutreiben.

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative. 

7. Oktober 2023: Zäsur im Nahostkonflikt. Von der Mandatszeit bis zum Hamas-Angriff

Wie die historischen Linien von Mandatszeit, Staatsgründung, Besatzung, Oslo-Prozess, Blockade und innerpalästinensischer Spaltung in die Eskalation vom 7. Oktober 2023 mündeten – und warum der Angriff Symptom, nicht Anfang, einer langen Strukturkrise ist.

von Dr. Désirée Kaiser

Der 7. Oktober 2023

Am 7. Oktober 2023 verübte die Hamas, unterstützt von weiteren Gruppen wie dem Palästinensischen Islamischen Dschihad, einen koordinierten Großangriff auf Israel: Der Grenzzaun wurde an mehreren Stellen durchbrochen, Tausende Raketen wurden abgefeuert, es kam zu Massenmorden, Entführungen und anderen schweren Verbrechen; Hunderte Geiseln wurden nach Gaza verschleppt. Das Ausmaß des Terrorangriffs, seine Symbolik und die Zahl der Opfer markieren eine sicherheitspolitische und psychologische Zäsur in Israels Geschichte. Israel reagierte mit einer großangelegten Militäroperation in Gaza, deren humanitäre Folgen katastrophal sind – und deren politische, rechtliche und regionale Implikationen bis heute nachwirken. Diese Analyse spult zurück: Sie zeichnet die historischen und politischen Linien nach, die letztlich in den Geschehnissen des 7. Oktober mündeten.

Von der Mandatszeit zur Staatsgründung: Die Konfliktmatrix entsteht

Um die Geschehnisse und das Ausmaß des aktuellen Nahostkonflikts nachzuvollziehen, muss ein Blick zurück zur Gründungszeit Israels geworfen werden. Nach dem Ende des Osmanischen Reiches übernahm Großbritannien 1917 das Mandat über Palästina. Die Balfour-Deklaration versprach hierbei eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk – ein Schritt, der von der arabisch-palästinensischen Bevölkerung als Grundstein künftiger Entrechtung wahrgenommen wurde. Der UN-Teilungsplan vom 29. November 1947 (Resolution 181) sah zwei Staaten sowie ein international verwaltetes Jerusalem vor. Mit der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 begann der Krieg, in dem Israel sich militärisch durchsetzen konnte und in dessen Verlauf Hunderttausende Palästinenser flohen oder vertrieben wurden (Naqba). Der Gazastreifen fiel unter ägyptische, das Westjordanland unter jordanische Kontrolle.

1967 bis Oslo: Besatzung, Hoffnung und vertagte Kernfragen

Im Zuge des Sechstagekriegs 1967 eroberte Israel das Westjordanland, den Gazastreifen, Ostjerusalem sowie weitere strategisch wichtige Gebiete. Diese Ereignisse markieren den Beginn der bis heute andauernden und sicherheitspolitisch hochrelevanten Besatzungssituation. Im selben Jahr festigte sich die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) als zentrale politische Vertretung der palästinensischen Sache. Die PLO vereinte verschiedene Fraktionen, unter denen die Fatah lange Zeit als dominierende Kraft galt, und verfolgte in ihrer Gründungsphase den bewaffneten Kampf gegen Israel.
Die Erste Intifada (1987–1993) stellte einen Wendepunkt dar, da sie als Massenaufstand unter Besatzungsbedingungen die internationale Wahrnehmung des Konflikts nachhaltig veränderte. Mit dem Oslo-Prozess (1993/1995) erfolgte die gegenseitige Anerkennung von Israel und der PLO. Zudem wurde die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) geschaffen, begleitet von einem Fünfjahresplan zur Lösung der sogenannten „Permanent-Status-Fragen“: Jerusalem, Grenzen, Siedlungen, Flüchtlinge und Sicherheit. Trotz dieser ambitionierten Roadmap blieben die Kernfragen jedoch ungelöst, was die sicherheitspolitische Lage bis heute prägt.

2005 bis 2007: Israels Gaza-Rückzug, Wahlsieg der Hamas, Blockade und Spaltung

2005 zog sich Israel unilateral aus dem Gazastreifen zurück, räumte alle Siedlungen und Militärposten und evakuierte zusätzlich vier Siedlungen im nördlichen Westjordanland. 2006 gewann die Hamas die Parlamentswahlen, 2007 übernahm sie nach blutigen innerpalästinensischen Kämpfen die Kontrolle über Gaza. Israel und Ägypten verhängten daraufhin eine Blockade über den Streifen. Für Israel war sie sicherheitspolitisch motiviert, Kritiker sehen in ihr eine Form kollektiver Bestrafung mit verheerenden sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen.

2008–2021: Eskalationszyklen, asymmetrische Verwundbarkeit, Erosion der Legitimität

Zwischen 2008/09, 2012, 2014 und 2021 kam es zu wiederholten Kriegen und Eskalationen zwischen Israel und der Hamas, aber auch weiteren bewaffneten Gruppen. Diese Auseinandersetzungen folgten einem immer wiederkehrenden Muster: Raketenangriffe aus Gaza und massive israelische Luft- und Bodenoperationen führten zu hohen zivilen Verlusten – vor allem in Gaza – sowie zur weitreichenden Zerstörung der Infrastruktur. Die humanitäre Lage verschärfte sich von Jahr zu Jahr, ohne dass nennenswerte Fortschritte in Richtung einer dauerhaften politischen Lösung oder eines belastbaren Finalstatus erkennbar wurden. Im Westjordanland verlor die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) zunehmend an Glaubwürdigkeit, nicht zuletzt wegen ausgebliebener Wahlen seit 2006, autoritärem Regierungsstil und Korruptionsvorwürfen. Parallel dazu erstarkten in Israel rechte und religiös-nationalistische Strömungen, was eine Verhandlungslösung zusätzlich erschwerte.

Wer prägt den Konflikt? Akteure und Interessen

Auf palästinensischer Seite dominiert die Hamas in Gaza, die Israel nicht anerkennt und bewaffneten Widerstand legitimiert. Im Westjordanland hält die Fatah/PA formal die Verwaltungsmacht, leidet aber unter einer tiefen Repräsentationskrise. Der Palästinensische Islamische Dschihad agiert als radikale, eng mit dem Iran verbundene Kraft. Auf israelischer Seite bestimmen wechselnde Koalitionen – in den letzten Jahren zunehmend rechts-religiös-nationalistisch – den Kurs, während sicherheitspolitische Institutionen wie IDF, Shin Bet und Mossad operativ dominieren.
International und regional sind die USA als Sicherheitsgarant Israels, die EU als wichtiger Finanzier der PA, Ägypten und Katar als Vermittler sowie der Iran als Unterstützer von Hamas/PIJ zentrale Spieler. Diese Gemengelage aus fragmentierten palästinensischen Machtzentren, israelischer Innenpolarisierung und widersprüchlichen regionalen Interessen hat die politische Blockade über Jahre stabilisiert.

Warum der Friedensprozess scheiterte

Der Oslo-Prozess schuf Institutionen, aber keine Lösung: Die Finalstatusfragen wurden vertagt, die territoriale Fragmentierung im Westjordanland durch den fortgesetzten Siedlungsausbau vertiefte sich, die palästinensische Führung spaltete sich. Gewaltspiralen und regionale Machtverschiebungen – etwa der Iran–Israel-Konflikt – sowie arabische Normalisierungsschritte mit Israel überformten die Agenda. Die Folge war ein Prozess ohne glaubwürdigen Endpunkt – und somit ein Nährboden für Radikalisierung, politische Müdigkeit und internationale Resignation.

7. Oktober 2023 als Symptom – und als Schock

Der Hamas-Angriff offenbart die Summe mehrerer, lange ignorierter Strukturprobleme: die humanitäre Zerrüttung Gazas unter Blockadebedingungen, das Fehlen einer legitimen, handlungsfähigen palästinensischen Führung, die sowohl militärisch Gewalt kontrollieren als auch politisch verhandeln könnte. Weitere Strukturprobleme offenbaren sich in der Erosion israelischer Abschreckung – verschärft durch innenpolitische Polarisierung und institutionelle Krisen, die im Nachgang des 7. Oktober auch von der israelischen Armee eingeräumt wurden – sowie in einer regionalen Ordnung, in der Iran und seine Verbündeten, aber auch arabische Vermittlerstaaten die Konfliktdynamik mitprägen.
Der 7. Oktober ist damit weniger ein Anfang als vielmehr der brutale Offenbarungseid eines jahrzehntelang dysfunktionalen Status quo.

Ausblick

Die danach einsetzende Kriegsphase – mit der Geiselfrage als politischem Nadelöhr, massiver humanitärer Not, regionalen Frontverschiebungen (Hisbollah, Iran, Huthi) und völkerrechtlichen Streitpunkten – verlangt neue Governance-Ideen, internationale Sicherungsmechanismen und eine Re-Legitimation palästinensischer Politik ebenso wie israelische Kurskorrekturen. Ohne klar definierte Endziele, überprüfbare Sicherheitsarchitekturen und verbindliche rechtliche Standards wird sich die Gewaltspirale wiederholen. Mit jedem Zyklus brutaler, komplexer und globalisierter.

Dr. Désirée Kaiser ist Lehrbeauftragte am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und gründete Ende 2024 die Consulting-Agentur »Future Focus MENA«.

Trump und die NATO: Sitzt der US-Präsident am längeren Hebel?

Seit seiner ersten Präsidentschaft (2017–2021) hat Donald J. Trump ein schwieriges Verhältnis zur NATO. Er tut sich mit der Atlantischen Allianz, die er einst sogar für „obsolet“ erklärte, schlichtweg schwer. Erst jetzt, zu Beginn seiner zweiten Präsidentschaft (2025–2029), in der er mit seiner Bündnispolitik des maximalen Drucks erfolgreich ist, scheint er – zumindest vorläufig – besänftigt worden zu sein. Dennoch bleibt ein nicht unerhebliches Restrisiko für die NATO bestehen – trotz des insgesamt erfolgreichen Gipfels 2025 in Den Haag –, nämlich Trumps Unberechenbarkeit und Wankelmütigkeit.

Von Dr. Sascha Arnautović

Zunächst gilt es, sich nochmals zu vergegenwärtigen, wie Donald Trump Politik betreibt – nämlich nicht wie ein klassischer Berufspolitiker, sondern wie ein Unternehmer, der auf reine Gewinnmaximierung aus ist. Insofern überrascht es kaum, dass er auch mit dem Start in seine zweite Amtszeit auf dieser Betrachtungsweise – im Sinne eines transaktionalen Politikverständnisses als politischem Prozess des Gebens und Nehmens – beharrt. Trump hat geschickt eine Politik des maximalen Drucks auf die europäischen NATO-Partner kultiviert, die diese zunehmend in die Ecke gedrängt hat – wohl wissend, dass sie sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand stehen. Zwar trifft es unzweifelhaft zu, dass auch andere republikanische und demokratische US-Präsidenten immer wieder betont haben, dass sie eine gerechtere Lastenteilung („burden sharing“) innerhalb der Allianz wünschen; doch hat kein Präsident vor Donald Trump die NATO in vergleichbarer Weise ins Chaos gestürzt wie er.

Trump reiht sich damit – das sei ausdrücklich betont – durchaus in das republikanische Denken früherer Präsidenten wie George W. Bush (Amtszeit: 2001–2009) und dessen überwiegend neokonservativer Regierung ein. Internationale Organisationen werden dabei als Einschränkung des außen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielraums der USA betrachtet, was sich vermeintlich negativ auf deren globale Einflussmöglichkeiten und Machtprojektionen auswirkt.

Fest steht: In sicherheits- und bündnispolitischer Hinsicht wird Donald Trump den Preis für US-Sicherheitsgarantien weiter hochtreiben, bis er seine politischen Ziele erreicht hat. Schließlich muss er in seiner zweiten Amtszeit auf keine Rücksichten mehr nehmen. So dürfte er lauter, aggressiver und kompromissloser auftreten als je zuvor. Der NATO-Gipfel vom 24. bis 25. Juni 2025 in den Niederlanden zeigte, dass der alte und neue US-Präsident stark auf die dort praktizierte „Schmeichel-Diplomatie“ reagierte – eine Strategie, die mehr als nur eine freundliche Geste darstellt, sondern taktische und strategische Überlegungen umfasst. Trump ist schließlich ein Narzisst ersten Ranges. Und in der Diplomatie sind zwischenmenschliche Beziehungen nicht unwesentlich: Das nach außen hin Schmeichelhafte kann sehr wohl eine entscheidende Rolle spielen.

So warf der Politikwissenschaftler Dr. Carlo Masala, Inhaber der Professur für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, dem NATO-Generalsekretär und früheren niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte wegen seiner Trump-Avancen Folgendes vor: „Was Rutte gemacht hat, auch bei seiner Pressekonferenz mit Trump, ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten“, so Masala. „Dass man vieles tut, um die Amerikaner in Europa zu halten, kann ich verstehen. Aber in der Unterwürfigkeit, in der Rutte das macht, ist das eines NATO-Generalsekretärs absolut nicht würdig.“

Man kann dieser Einschätzung zustimmen – sie ist nachvollziehbar. Doch ebenso kann man eine Gegenposition einnehmen. Denn es könnte genau Ruttes Kalkül gewesen sein, Trump durch gezieltes Schmeicheln an das Bündnis zu binden. Und genau das ist nachweislich eingetreten: Trump registrierte, dass die NATO-Mitgliedstaaten ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöhen wollen – sicher auch als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber ebenso wegen der potenziellen Bedrohung durch Russland an der Ostflanke der NATO, die gestärkt werden soll. Trump wiederum kann das neu formulierte Fünf-Prozent-Ziel für sich reklamieren. Schließlich hatte er in den Monaten zuvor gezielt Zweifel daran aufkommen lassen, wie weit sich die USA noch zur Bündnispflicht bekennen.

So gesehen dürfte Trump mit dem Gipfelergebnis zufrieden gewesen sein – nicht zuletzt, weil ihm eine große Bühne geboten wurde, die seinem Image zuträglich war. Die übrigen NATO-Staaten konnten nach der Phase massiven Drucks durch Trump endlich aufatmen. So war es nicht verwunderlich, dass der US-Präsident ein klares Bekenntnis sowohl zur NATO als auch zur Beistandspflicht abgab – weitaus mehr, als viele im Vorfeld erwartet hatten.

Klar ist: Die USA unter Präsident Trump sind innerhalb der NATO tonangebender denn je – trotz oder gerade wegen ihrer ohnehin unbestrittenen Führungsrolle. Zuletzt war die Atmosphäre innerhalb der Allianz durch erhebliche Unsicherheiten geprägt – insbesondere für die europäischen Mitglieder. Trumps harsche Kritik riss nicht ab, und seine Drohungen machten die Angst vor einem möglichen US-Ausstieg aus der NATO sehr real – ein worst-case-Szenario in einer sicherheitspolitisch hochgradig sensiblen Zeit angesichts der russischen Bedrohung in Osteuropa und des Ukraine-Kriegs.

Insofern blieb den europäischen NATO-Staaten fast nur eine Option: Trumps Forderungen frühzeitig nachzugeben. Und so geschah es: Die europäischen Mitgliedsstaaten signalisierten ihre Bereitschaft, ihre Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen. Erst diese Signale – ausgesendet bereits vor dem NATO-Gipfel 2025 in Den Haag – ermöglichten letztlich das relativ harmonische Gipfeltreffen. Trump ist damit der eindeutige Sieger in einem zähen Ringen um Zahlen: Mit dem angedrohten NATO-Ausstieg der USA hält er eine extrem wirksame psychologische Waffe in der Hand, die bei den Europäern nicht ohne Wirkung blieb.

Dementsprechend überraschen die Beschlüsse des Gipfels nicht: Die NATO-Mitgliedstaaten verständigten sich darauf, ihre Verteidigungsausgaben bis spätestens 2035 drastisch zu erhöhen. Künftig sollen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Sicherheit und Verteidigung aufgewendet werden. Dies ist eine markante Steigerung gegenüber dem bisherigen Ziel von zwei Prozent, das auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales beschlossen wurde.

Die neue Zielmarke wird zudem differenzierter bemessen: 3,5 Prozent des BIP sollen in Streitkräfte und Waffen fließen, weitere 1,5 Prozent in „verteidigungsrelevante Infrastruktur“.

Trotz dieser Fortschritte bleibt ein Wermutstropfen: Nicht alle NATO-Staaten haben der nationalen Umsetzung der erhöhten Ausgaben zugestimmt – so etwa Spanien, das 2024 nur 1,3 Prozent des BIP für Verteidigung aufwandte. Immerhin verweigerte Madrid der Gipfelerklärung 2025 nicht die Zustimmung, was Schlimmeres verhinderte. Ministerpräsident Pedro Sánchez betonte, dass sein Land das NATO-Ziel dennoch erreichen könne – Spanien werde 2025 bereits 2,1 Prozent des BIP investieren. Trump hingegen reagierte erwartungsgemäß ungehalten: Er drohte mit doppelt so hohen Zöllen und kündigte an, Spanien für seine Zurückhaltung „bezahlen“ zu lassen. Wieder griff Trump zu seiner schärfsten Waffe: maximalem Druck auf Bündnispartner, die sich nicht fügen.

So begrüßenswert die neuen NATO-Ziele auch sind, stellt sich die Frage ihrer Finanzierbarkeit. Hierzu gilt: Jeder Mitgliedstaat entscheidet selbst, wie er die Mittel aufbringt. Die Europäische Union hat jedenfalls Maßnahmen ergriffen, um höhere Verteidigungsausgaben über vier Jahre hinweg um jährlich 1,5 Prozent des BIP zu ermöglichen – ohne automatische Haushaltsdisziplinarmaßnahmen. Außerdem wurde ein Rüstungsfonds von bis zu 150 Milliarden Euro bewilligt, der gemeinsame Verteidigungsprojekte mit Krediten unterstützen soll.

Abschließend sei nochmals der NATO-Gipfel 2025 in Den Haag bewertet: Er verlief vergleichsweise geräuschlos. Im Vorfeld hatte man befürchtet, Trump könne – wie zuvor beim G7-Treffen in Kananaskis im Juni 2025 – für einen Eklat sorgen oder das Treffen gar vorzeitig abbrechen. Seine Geduld bei multilateralen Veranstaltungen ist bekanntlich gering. Doch das befürchtete Horrorszenario blieb aus – nicht zuletzt dank einer klar fokussierten Agenda und dem bewussten Ausklammern kritischer Themen. Ziel war es, die USA so lange wie möglich in der NATO zu halten – zumindest so lange, bis Europa zur strategischen Autonomie fähig ist, was noch dauern dürfte.

Die NATO-Staaten einigten sich schnell auf das Fünf-Prozent-Ziel sowie auf neue Fähigkeitsanforderungen, militärischer wie nichtmilitärischer Art. Dies vermittelt zumindest temporär den Eindruck, die NATO sei ein Rettungsanker für den Westen – mehr aber auch nicht. Denn die Unsicherheit überwiegt.

Besonders enttäuschend war, dass der Ukraine – trotz ihrer enormen Widerstandskraft – keine konkrete NATO-Beitrittsperspektive mehr in Aussicht gestellt wurde. Sicherheitsgarantien für Kiew bleiben vage, eine gemeinsame NATO-Linie fehlt. Das schwächt die Glaubwürdigkeit der Allianz.

Zudem bleibt festzuhalten: Das transatlantische Verhältnis ist brüchig wie selten zuvor. Innerhalb Europas tun sich neue Bruchlinien auf. Länder wie Spanien, Italien, Frankreich oder das Vereinigte Königreich stehen vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Selbst die Slowakei erklärte selbstbewusst, derzeit andere Prioritäten zu setzen.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass die europäischen NATO-Staaten nicht nur ihre Ausgaben erhöhen, sondern aktiv an der Weiterentwicklung der Allianz mitwirken. Sie dürfen keine Zaungäste sein, sondern müssen politisch und militärisch substanziell gestalten.

Mit anderen Worten: Die Zukunft der NATO hängt entscheidend von der europäischen Gestaltungskraft ab. Nur durch Geschlossenheit der europäischen Mitgliedstaaten lässt sich die Zusammenarbeit mit der NATO-Führungsmacht USA verlässlich sichern. Noch sitzt Präsident Trump am längeren Hebel. Doch um das Bündnis zu bewahren, muss gehandelt werden – und nicht nur geredet.

Dr. Sascha Arnautović ist Politikwissenschaftler, selbstständiger Unternehmer, freier Referent und externer Lehrbeauftragter an der Universität der Bundeswehr München. Seit März 2006 leitet er das Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik (KFIBS) – einen eingetragenen und gemeinnützigen Verein mit Sitz in Brühl, der Nachwuchskräfte der Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt. Seit August 2020 leitet er zudem ehrenamtlich die Sektion Köln/Rhein-Erft-Kreis/Euskirchen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e. V. (GSP).