Merz in Portas

Ein Kommentar von unserem Autor Rolf Clement –

Es hat schon Tradition: Die erste Auslandsreise eines neu gewählten Bundeskanzlers führt nach Paris – so wie umgekehrt die erste Reise eines neu gewählten französischen Präsidenten nach Deutschland geht, früher nach Bonn, heute nach Berlin. So eilte auch Bundeskanzler Friedrich Merz zuerst nach Paris, obwohl er bereits während der Regierungsbildung mehrfach Kontakt zu Frankreichs Präsident Macron hatte. Doch er setzte einen neuen Akzent: Am selben Tag reiste Merz weiter nach Warschau, um auch dort seinen Antrittsbesuch zu machen.

Dass die ersten Amtstage von Friedrich Merz einen stark außenpolitischen Schwerpunkt hatten, war auch dem Terminkalender geschuldet: In den Tagen um den 8. und 9. Mai wird in vielen Ländern an das Kriegsende 1945 erinnert – in unterschiedlichen Konstellationen und mit verschiedenen Akzenten. Es ergaben sich zahlreiche Treffen, die für Gespräche genutzt werden konnten.

Merz ist nicht nur gereist. Dass Außenpolitik seine Domäne ist, hat er auch in seiner Regierungserklärung unter Beweis gestellt, die sich zu Beginn und recht ausführlich mit der Lage in Europa befasst. Auch die Personalauswahl unterstreicht dies: Außenminister Wadephul war bereits in der Oppositionszeit sein diplomatischer Adjutant. Nun ist es seine Aufgabe, die von Merz konzipierte Außenpolitik zu vertreten und umzusetzen.

Merz setzte auch inhaltlich klare Zeichen. Die deutsche Außenpolitik wirkte in den letzten Jahren konturenlos, weil der ehemalige Kanzler so sehr auf „Besonnenheit“ setzte, dass sie mutlos erschien. Vor allem das deutsch-französische Verhältnis, das bereits unter Angela Merkel litt, war von Gesprächslosigkeit geprägt: Frankreich erhielt keine Antworten auf seine Initiativen, und Berlin entwickelte keine eigenen.

Merz hat in kürzester Zeit die deutsche Rolle in der Welt neu definiert. Er will gemeinsam mit europäischen Staaten agieren, legt sich dabei aber auch klar inhaltlich fest: Deutschland steht mit seinen europäischen Partnern eindeutig an der Seite der Ukraine. So haben die vier großen europäischen Staaten – Frankreich, Polen, Großbritannien und Deutschland – ein Ultimatum formuliert, dem zufolge Russland einem Waffenstillstand im Krieg mit der Ukraine zustimmen müsse. Damit wurde der Druck auf Moskau erhöht. Allerdings fehlt zum Redaktionsschluss dieses Newsletters noch die Einlösung der angedrohten neuen Sanktionen für den Fall der Ablehnung. Hier muss noch nachgelegt werden, um das Momentum nicht zu verlieren. Wenn die vier Europäer dabei auch die Sicherheit der Ostsee und die dort kreuzenden „verbotenen Schiffe“ im Blick haben, setzen sie den richtigen Hebel an. Die hybride Kriegsführung, die Russland schon länger betreibt, wird endlich thematisiert und bekämpft.

Auch im Nahen Osten bezieht die neue Regierung klare Position: Deutschland steht an der Seite Israels. Auf dieser klaren Grundlage werden dann Positionen entwickelt, die versuchen, unsere Wertvorstellungen auch dort zur Geltung zu bringen.

Merz bemüht sich zudem um ein realistisches Verhältnis zur US-Administration unter Donald Trump. Das ist nicht einfach: Zunächst unterstützt die US-Regierung das Ultimatum an Russland, dann relativiert sie ihre Unterstützung wieder – nur um schließlich zu erfahren, dass Russlands Machthaber Putin das von ihm selbst vorgeschlagene Gespräch mit der Ukraine in Istanbul doch nicht führen will. In einem solchen Umfeld klare Kante zu zeigen, ist schwer, aber notwendig.

Das sogenannte „Weimarer Dreieck“, mit dem Frankreich, Polen und Deutschland seit den 1990er-Jahren – mal mehr, mal weniger intensiv – ein Forum der Zusammenarbeit bildeten, wurde wiederbelebt. Es ist Friedrich Merz’ Verdienst, dass daraus nun ein Weimarer Quartett geworden ist – Großbritannien ist dabei. Natürlich liegt das auch daran, dass die Regierungschefs der vier Länder ähnlich „ticken“, doch es braucht immer jemanden, der den Anstoß gibt, es auch umzusetzen.

Gerade das Weimarer Quartett macht deutlich, dass die bestehenden Strukturen für wirksames Handeln nicht mehr ausreichen. Wer die Ukraine-Politik in den Gremien der EU abstimmen will, wird keine klare Position erreichen. Zu viele Interessen stehen einer eindeutigen Unterstützung der Ukraine entgegen.

Das ist keine neue Entwicklung. Seit vielen Jahren schon wirkt die EU-Außenpolitik konturenlos oder nicht durchsetzungsfähig, weil keine tragfähigen Mehrheiten für eine stringente Linie zustande kommen. Jetzt zeigt sich, dass eine klare Positionierung nur noch durch eine „Koalition der Willigen“ möglich ist. Das Weimarer Quartett ist eine solche Koalition, die jetzt zu agieren beginnt. Das wird Wirkung zeigen – auf Russland, aber auch auf die EU.

Schon oft wurde diskutiert, ob die EU – ähnlich wie die UNO – einen Sicherheitsrat braucht. De facto hat sich ein solcher gebildet, nun sogar unter Mitwirkung Großbritanniens. Das zeigt: Außenpolitische Themen scheinen sich nicht gut für die bestehenden EU-Strukturen zu eignen. Dem muss man auch Rechnung tragen.

Der Kohärenz der EU-Außenpolitik droht weiteres Ungemach. Der Südosten der EU – vor allem, wenn die Präsidentschaftswahlen in Rumänien entsprechend ausgehen – entwickelt sich zunehmend autokratisch. Ungarn, Bulgarien, die Slowakei und eben Rumänien bilden eine Gruppe, deren Politik kaum mit den EU-Werten vereinbar ist. Und auch anderswo droht Instabilität: Italien, ein Post-Macron-Frankreich und die Niederlande verschärfen die ohnehin ungemütliche innere Lage der EU. Es gilt, schnell und nachhaltig gegenzusteuern. Auch deshalb ist es wichtig, dass Deutschland im Zentrum solcher Bemühungen steht.

In all den Diskussionen der letzten Wochen spielte die Südflanke der EU keine wesentliche Rolle. Auch dort gibt es Probleme – wenngleich der Migrationsdruck aus dem Süden derzeit eher abnimmt.

Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hat sich nach dem Regierungswechsel eindrucksvoll zurückgemeldet. Saßen beim Begräbnis von Papst Franziskus neben US-Präsident Trump und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj „nur“ Macron und Stamer im Petersdom, so ist eine solche Runde inzwischen ohne Merz kaum mehr denkbar. Die Bundesregierung muss nun liefern – im Inneren wie im Äußeren. Dabei muss sie sich auch der Frage stellen, wie eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik künftig organisiert werden kann. Die bestehenden EU-Gremien scheinen dafür nicht geeignet zu sein.

Rolf Clement ist einer der profiliertesten sicherheitspolitischen Journalisten Deutschlands. Clement war viele Jahre Sonderkorrespondent für Sicherheitspolitik und Mitglied der Chefredaktion des Deutschlandfunks. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für den TV-Sender Phoenix sowie die Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik. Darüber hinaus lehrte er an der Hochschule des Bundes in Brühl bei Köln. Vor kurzem  ist er zum 2. Vorsitzender des Sicherheitsforum Deutschland gewählt worden.

Fotograf: Sandro Halank/ Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ukraine – Zwei Beutejäger und ein unentschlossenes Europa

Dr. Klaus Olshausen – Mai 2025. –

Das überarbeitete Wiederaufbau-Investitionsabkommen zwischen den USA und der Ukraine vom 30. April kann ein erster Schritt zu erneuerter Zusammenarbeit sein – nach dem Zerwürfnis Ende Februar. Seit Wochen unterstützt die Ukraine den von den USA geforderten bedingungslosen Waffenstillstand, während der Kreml weiterhin kapitulationsartige Bedingungen stellt und seine massiven Angriffe auf das gesamte ukrainische Staatsgebiet ausweitet.

Die Rufe aus Europa, die Ukraine müsse in eine „starke Verhandlungsposition“ gebracht werden, bleiben wirkungslos, da sie weder durch verstärkte militärische Hilfe noch durch verschärfte Sanktionen untermauert werden. Sollte Donald Trump, wie vermutet, die Geduld mit Russland verlieren, könnten koordinierte Sanktionen und verstärkte Waffenlieferungen den russischen Zeitgewinn-Ansatz durchkreuzen. Putins Ziel ist die vollständige Unterwerfung der Ukraine – Trumps Ziel ist ein rasches Ende des militärischen Konflikts, das er als „Frieden“ verkaufen will.

Ein echtes „Stoppschild“ für Russland muss Sicherheitsgarantien enthalten. Wenn ein NATO-Beitritt der Ukraine nicht realisierbar ist, muss eine „Koalition der Willigen“ unmissverständlich klarstellen, dass sie im Rahmen von Artikel 51 der UN-Charta jeden neuen Angriff gemeinsam abwehren wird. Ohne diese Zusage wird Putin seine revisionistischen Ziele gegen die Ukraine und Europa weiterverfolgen. Die Aussage von Bundeskanzler Scholz vom 6. April 2022 bleibt daher richtig: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“


Analyse
Am 30. April unterzeichneten die USA und die Ukraine ein neues Wirtschaftsabkommen zur Unterstützung des Wiederaufbaus und zur gemeinsamen Erschließung bedeutender Rohstoffvorkommen in der Ukraine. Anders als der ursprüngliche Vertragsentwurf, der als Ausbeutungsinstrument kritisiert wurde, handelt es sich nun um eine partnerschaftlichere Vereinbarung. Der US-Finanzminister betonte bei der Unterzeichnung, das Abkommen sei ein klares Signal für eine zukünftige, freie, souveräne und prosperierende Ukraine.

Ob das Abkommen tatsächlich ein Schritt zu verlässlicher Zusammenarbeit wird, hängt wesentlich von der weiteren US-Politik ab. Die Ankündigung militärischer Unterstützung in Höhe von 50 Millionen US-Dollar sowie die Unterstützung der ukrainischen F-16-Flotte sind zwar erste Zeichen, reichen aber nicht aus. Trump fordert einen 30-tägigen Waffenstillstand – die Ukraine hat diesem bereits bedingungslos zugestimmt. Putin hingegen verlangt die Anerkennung weitreichender Forderungen, die de facto die Souveränität der Ukraine aufheben würden.

Dazwischen liegt Trumps sogenannter „16-Punkte-Friedensplan“, der der Ukraine durch angedrohten Unterstützungsentzug eine Kapitulation abverlangen will. Gleichzeitig bietet Trump Russland wirtschaftliche Anreize und Kooperationen an – etwa im Energiesektor –, um es zu einem Einlenken zu bewegen. Die USA wandeln sich damit unter Trump vom Unterstützer der Ukraine zum eigeninteressierten Deal-Maker, der primär auf ein Ende des „Tötens“ aus ist – unabhängig von territorialen und politischen Folgen für die Ukraine.

Die europäischen NATO-Staaten und die EU wirken in dieser Situation passiv. Zwar wurde auf der Friedenskonferenz in der Schweiz am 15./16. Juni 2024 der 10-Punkte-Friedensplan von Präsident Selenskyj von 83 Staaten unterstützt, seither folgen aber kaum konkrete Initiativen. Stattdessen begnügt man sich mit vagen Aussagen über eine „starke Verhandlungsposition“ der Ukraine, ohne eigene Lösungsvorschläge in die Gespräche mit der Trump-Administration einzubringen.

Besonders problematisch ist die schwache militärische Unterstützung seit Beginn der russischen Intensivangriffe. Aus Angst vor „Eskalation“ schreckt der Westen weiterhin vor entschiedener Reaktion zurück, während Russland seine Zerstörung fortsetzt. Sollte Trumps angeblicher Frust über Russland zutreffen, müssten die USA und Europa gemeinsam handeln – mit klaren Sanktionen und militärischer Verstärkung der ukrainischen Abwehr.

Putins Ziel bleibt die territoriale Eroberung, Trumps Ziel die Beendigung des Krieges um jeden Preis – selbst wenn dies Putins Expansion fördert. Ein echter Waffenstillstand erfordert daher zwingend glaubwürdige Sicherheitsgarantien. Die stärkste Option bleibt die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine. Wenn dies nicht konsensfähig ist, muss Artikel 51 der UN-Charta greifen – mit einer klaren, militärisch unterlegten Zusage einer Koalition von Schutzstaaten. Nur so kann verhindert werden, dass Putin den Waffenstillstand zur weiteren Destabilisierung nutzt.

Die Warnung von Olaf Scholz aus dem Jahr 2022 bleibt somit aktuell: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“

Der Beitrag erschien in ISPSW Strategy Series: Focus on Defense and International Security, Issue No. 1124, Mai 2025

Über den Autor: Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen war von 2006 bis 2013 Präsident der Clausewitz-Gesellschaft. Zuvor war er Deutscher Militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO, bei der WEU und EU, HQ NATO, Brüssel. Dr. Olshausen gehört dem Fachbeirat des Sicherheitsforum Deutschland und ist Mitbegründer dieser Initiative.