Die Grundgesetzänderung ist eine Verpflichtung

Ein Kommentar von unserem Autor Rolf Clement

Es war ein „Running Gag“ in der Kanzlerzeit von Helmut Kohl. Bei den Pressekonferenzen zum Haushalt wurde er regelmäßig auch nach dem Verteidigungshaushalt gefragt – in Zeiten der Blockkonfrontation verlief die Diskussion um diesen Einzelplan ähnlich wie heute. Kohls Antwort war stets: „Die Bundeswehr bekommt, was sie braucht.“

Da jedoch die Ansätze im Einzelplan 14, dem Wehretat, damals deutlich hinter dem zurückblieben, was Experten für nötig hielten, machte bald ein ironischer Spruch die Runde unter Journalisten: Die Bundeswehr braucht, was sie bekommt.

Das hat sich nun geändert.
Die Grundgesetzänderung zur Schuldenbremse – für die Sicherheit de facto ausgesetzt – macht die Koalitionsverhandlungen zielorientierter. Die Aussage „Das können wir uns nicht leisten“ fällt weg. Die Koalitionäre müssen nun festlegen, was für die Sicherheit Deutschlands nötig ist. Darüber muss dann der Bundestag beraten und entscheiden.
Denn es gilt weiterhin: Jedes Gerät, das die Bundeswehr beschafft und dessen Wert eine bestimmte Schwelle überschreitet, muss vom Haushaltsausschuss – nach entsprechender Beratung im Verteidigungsausschuss – gebilligt werden. Derzeit liegt diese Grenze bei 25 Millionen Euro. Sie müsste angehoben werden. Denn diese Schwelle führt dazu, dass das Verteidigungsministerium kaum noch etwas ohne Bundestagsbeteiligung beschaffen, nachbeschaffen oder ersetzen kann. Das wäre ein erster Schritt zum Bürokratieabbau.

Schaut man zunächst nur auf die Bundeswehr, ist der Mangel dort bekanntlich groß.
Die Bundeswehr strebt eine Vollausrüstung für zwei Brigaden an: eine nationale Brigade im Rahmen der Division 2025 und die in Litauen stationierte. Um dieses Ziel zu erreichen, wird bereits Gerät zusammengezogen. Hinzu kommt, dass die Bundeswehr viel Material an die Ukraine abgegeben hat. So ist im deutschen Anteil der deutsch-französischen Brigade kaum noch eine Ausbildung am Gerät möglich – es fehlt schlicht an Ausrüstung.
Die erste Aufgabe des neuen Bundestages wird es also sein, die entstandenen Lücken zu schließen, damit die Soldatinnen und Soldaten angemessen ausgebildet werden können.

Der zweite Schritt ist ein Plan, was die Bundeswehr künftig in welchem Umfang braucht.
Die Auseinandersetzungen der letzten Jahre – Bergkarabach 2020, Ukraine seit 2022 – haben neue Entwicklungen offengelegt. In beiden Konflikten haben Drohnen eine überragende Bedeutung gewonnen. Viele Operationen werden durch Drohnen geführt.
Vor diesem Hintergrund mutet die frühere deutsche Debatte darüber, ob Drohnen bewaffnet werden dürfen, geradezu weltfremd an. Diese Diskussion scheint nun beendet: Drohnen ohne Waffen haben im Gefecht wenig Wirkung.

Das zeigt: Kriegerische Auseinandersetzungen werden heute mit deutlich vielseitigeren Mitteln geführt.
Natürlich bleibt die Panzerwaffe ein zentrales System. Man erinnere sich an den Beginn des Ukraine-Kriegs, als Russland mit einer massiven Panzerkolonne versuchte, schnell Kiew zu erreichen. Diese Kolonne wurde durch gezielte Angriffe der Ukrainer zum Erliegen gebracht. Einige Panzer wurden so zerstört, dass nachfolgende Fahrzeuge blockiert wurden. Dieses Vorgehen kann nicht verallgemeinert werden, doch es zeigt die Verwundbarkeit. Die Panzerwaffe bleibt Teil des Kriegsgeschehens – wie andere Waffensysteme auch.

Immens wichtig sind Aufklärungsmittel.
Die Diskussion darüber, ob die USA ihre Aufklärungsdaten der Ukraine weitergeben, muss Europas Staaten auf den Plan rufen. Sie können sich nicht mehr bedingungslos darauf verlassen, dass Washington bei Bedarf liefert. Auch hier muss der neue Bundestag investieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherung der Infrastruktur.
Diese Aufgabe wird aus dem regulären Haushalt und dem Sondervermögen finanziert. Zwei Beispiele:

  • Die Sicherheit der Verkehrswege in der Ostsee ist zunehmend bedroht. Dort operieren Schiffe mit verdecktem militärischem Auftrag, beschädigen Unterseekabel – die Lebensadern der digitalen Kommunikation – und umgehen Sanktionen gegen Russland. Russisches Öl wird auf hoher See illegal umgeschlagen. Die Marine muss in die Lage versetzt werden, solche Vorgänge aufzudecken und zu unterbinden. Dies wird auch über einen Waffenstillstand hinaus erforderlich sein – hybride Kriegsführung wird weitergehen, auch im scheinbaren Frieden.

  • Deutschland ist im Krisen- und Kriegsfall eine logistische Drehscheibe für die NATO. Truppenbewegungen unserer Verbündeten werden über deutsches Gebiet laufen. Dafür müssen Straßen und Brücken belastbar sein – nicht nur Autobahnen und Bahntrassen, sondern auch Ersatzrouten. Hauptverbindungen würden im Ernstfall schnell Ziel gegnerischer Angriffe.

Auch jenseits offener Kampfhandlungen sind Deutschland und seine Bündnispartner bereits Ziel hybrider Angriffe.
Diese Angriffe finden jetzt schon statt. Die Gegenmaßnahmen müssen massiv ausgeweitet werden. Dabei sind auch offensive Optionen zu prüfen: Es kann nicht sein, dass Russland und seine Verbündeten unsere Informationskanäle fluten, während wir das nur freundlich abwehren.
Der Westen muss um die Informationshoheit auch offensiv ringen – mit digitalen Mitteln. Hier wartet auf die neue Bundesregierung und den Bundestag eine zentrale Aufgabe.

Ein weiterer Bereich ist die Luftverteidigung.
Auf NATO-Ebene wird an einem gemeinsamen System gearbeitet. Diese Bemühungen müssen intensiviert und beschleunigt werden.
Dazu gehört auch die Fähigkeit, gegnerische Angriffe durch Maßnahmen im gegnerischen Hinterland zu unterbinden.
Vor diesem Hintergrund ist die deutsche Debatte über die Lieferung von Taurus-Systemen unverständlich. Selbstverständlich muss die NATO über solche Fähigkeiten verfügen – und sie auch nutzen.

Zugleich muss die europäische Rüstungsautonomie gestärkt werden.
Die Abhängigkeit von den USA soll reduziert werden – nicht aus Misstrauen, sondern aus Realismus. Präsident Trump macht klar, dass seine Prioritäten nicht in Europa liegen. Aber auch unter einer Präsidentin Kamala Harris oder einem anderen demokratischen Nachfolger wird der sicherheitspolitische Fokus auf Asien liegen. Das ist nachvollziehbar, aber Europa muss selbst handeln.
Daher müssen europäische Projekte wie ein neues Heeressystem oder ein gemeinsames Transportflugzeug (Future Large Aircraft) mit Hochdruck vorangetrieben werden.
Deutschland hat vorerst US-Kampfjets beschafft – eine Entscheidung, die bereits beim Zustandekommen kritisch diskutiert wurde. Heute sind die Argumente der Kritiker noch plausibler geworden.

Die deutschen Rüstungsanstrengungen müssen mit denen der europäischen Partner harmonisiert werden.
Die EU hat ein milliardenschweres Programm zur Unterstützung der Verteidigung aufgelegt – vor allem für weniger finanzstarke Staaten. Diese Chance muss genutzt werden, um Planungen zu koordinieren.
Wann kommt es in der EU endlich zu echter Arbeitsteilung? Braucht jede Armee wirklich jede Fähigkeit im eigenen Land? Vieles ließe sich gemeinsam entwickeln.

Das aber setzt voraus, dass im Ernstfall gemeinsam entwickelte Rüstungsgüter allen Beteiligten zur Verfügung stehen.
Das läuft auf eine europäische Verteidigungsgemeinschaft hinaus – ähnlich dem Konzept der 1950er-Jahre, das damals am französischen Parlament scheiterte. Dabei ist auch zu prüfen, ob die EU der richtige Rahmen ist. Möglicherweise braucht es eine neue Bündnisstruktur – ohne etwa Ungarn, aber mit Großbritannien.

Und: Deutschland muss bei der Beschaffung schneller werden.
Die Industrie braucht klare Signale, damit sich Investitionen in Produktionskapazitäten lohnen. Sonst wird nicht geliefert.
Erste Fortschritte sind gemacht. Rüstungsunternehmen berichten von deutlich beschleunigten Abläufen. Verzögerungen entstehen inzwischen vor allem auf Seiten der Bundeswehr – bei Entscheidungsfindung und Erprobung. Hier muss die Regierung entschlossen gegensteuern.

Bei all dem geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Menschen.
Die Bundeswehr versucht seit Jahren, die Personalstärke von 180.000 auf 203.000 zu erhöhen. Diese Zahl dürfte künftig noch zu niedrig sein.
Die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht wird diskutiert – zu Recht. Doch allein darauf zu setzen, wäre naiv.
Die demografische Entwicklung spricht dagegen: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre gehen in den Ruhestand, die nachrückenden Jahrgänge sind deutlich schwächer.
Deshalb muss klug geplant werden – für alle Organisationen: Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Rettungsdienste, Feuerwehren.

Fazit:
Die Debatte um eine Grundgesetzänderung hat gezeigt, dass es um zentrale Fragen deutscher Politik geht.
Geld allein reicht nicht. In den vergangenen Jahren ist ein erheblicher Handlungsstau entstanden. Jetzt muss entschlossen gehandelt werden – mit den bereitgestellten Mitteln, aber auch mit einem klaren sicherheitspolitischen Kompass.

Dafür braucht die Bundesregierung – und die sie tragende Koalition – einen neuen Mindset in der Bevölkerung.
Diesen wollte Bundeskanzler Scholz mit seiner „Zeitenwende“-Rede nach dem russischen Überfall auf die Ukraine anstoßen.
Doch außer der Rede folgte wenig. Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist da – es muss nun gestärkt und stabilisiert werden.

Bislang hat der Bundestag vor allem finanzielle Mittel bereitgestellt. Doch das Sondervermögen für die Bundeswehr ist im Grundgesetz verankert – es gilt auch in künftigen Legislaturperioden.
Das erhöht die Verantwortung. Nun braucht es gute Begründungen und kluge Planung – damit die sicherheitspolitischen Instrumente Deutschlands wirksam, zukunftsfähig und belastbar werden.

23. März 2025

Rolf Clement Journalist und ehemaliger Korrespondent für Sicherheitspolitik beim Deutschlandfunk

Die in diesem Text geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der gesamten Redaktion.

Welt im Aufruhr! Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert

Vortrag Professor Herfried Münkler bei der Mahle Stiftung

Herfried Münkler gilt für viele als der Prophet eines einen Zeitalters. In seinem Buch „Welt in Aufruhr“ legt er dar, dass sich die Welt auf dem Wege von einer unipolaren in einer multipolare Ordnung befindet. Aktuell drängt sich der Eindruck auf, dass diese Verschiebung kein Prozess mehr ist, sondern dass es sich um den momentanen Zustand handelt. Dass sich die Welt im Aufruhr befindet, ist spätestens seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine offenkundig geworden. Die von vielen nach dem Ende des Kalten Krieges gehegte Hoffnung auf eine internationale Friedensordnung mit universellen Rechtsnormen und einer liberalen Weltwirtschaft hat sich in den Augen vieler Menschen zerschlagen. Wie lässt sich im Konflikt zwischen den östlichen Autokratien und westlichen Demokratien eine zerstörerische Anarchie der globalen Staatenordnung vermeiden?

Schauen Sie sich den interessanten Vortrag bei einer Veranstaltung der Mahle Stiftung aif YouTube an: https://youtu.be/iV6bdU_n1AI?si=0RFxxC8hFq-n2zV3

Zum Referenten: Herfried Münkler hatte von April 1992 bis September 2018 den Lehrstuhl Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Seit 1993 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. die Theorie und Geschichte des Krieges sowie Risiko und Sicherheit als soziopolitische Kategorien. 2023 erschien „Welt in Aufruhr“.

22. März 2025

Wie handlungsfähig ist der Strafgerichtshof?

Ein Interview von Julia Schönig mit Claus Kreß, Straf- und Völkerrechtler, in WDR 5

Einst gegründet, um das länderübergreifende Strafrecht zu stärken, steckt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag mittlerweile in der Krise. Welche Zukunft hat das Gericht?

Als der Internationale Strafgerichtshof 2002 seine Arbeit aufnahm, war das Ziel klar definiert: Der Gerichtshof sollte unabhängig arbeiten und Strafverfahren bei Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen führen können.
Doch was in der Anfangszeit gut zu funktionieren schien, hat sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Regierungen üben offen Druck auf das Gericht aus. Haftbefehle wie der gegen Wladimir Putin haben kaum eine Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Und an anderen Entscheidungen, etwa dem Erlass des Haftbefehls gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, entzünden sich internationale Debatten.

Wie stark und wirksam ist der Internationale Strafgerichtshof heute noch – und hat er eine Zukunft?
Ein Gespräch mit Professor Claus Kreß, Straf- und Völkerrechtler sowie Berater des Anklägers des Internationalen Strafgerichtshofs für das Verbrechen der Aggression.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-claus-kress-100.html

22. März 2025 Bild: WDR

Trump, Ukraine, and the Future of Geopolitics

Historiker Niall Ferguson im Gespräch mit Sam Harris

Der amerikanische Präsident Donald Trump versetzt die Welt nahezu jeden Tag mit seinem Politikansatz in Aufruhr. Handelt es sich dabei um das naive, konzeptlose und erratische Handeln eines Verrückten, wie uns die meisten Kommentatoren und Experten vermitteln. Oder steckt gar eine Strategie hinter allem, die wir in der Fundamentalkritik an Trumps Verhalten nicht wahrnehmen wollen. Der Historiker Niall Ferguson, bekannt für seine scharfen und manchmal unbequemen Analysen, versucht im Gespräch mit Sam Harris eine Einordnung der amerikanischen Politik in Zeiten einer multipolaren Weltordnung, die von einem neoimperialistischen Agieren der Großmächte geprägt scheint. NF

Sehen Sie das Video auf YouTube https://youtu.be/cGFjDdN_tm4?si=gScyCHs3EtYl4cRO

22. März 2025

Ist eine Rückkehr zur Wehrpflicht sinnvoll?

Bild: picture alliance/photothek.de/Juliane Sonntag

Ein Gespräch von Jens Lattke mit Martin Schelleis im Deutschlandfunk

Jens Lattke, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Martin Schelleis, Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit bei den Maltesern debattieren über die Wehrpflicht und deren Zunkunft.

Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in Bundeswehr und bei der NATO, von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene. Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken. Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Malteser. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an. 

Hören Sie das Gespräch unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zeitenwende-rueckkehr-zur-wehrpflicht-ja-oder-nein-100.html

22. März 2025

Russische Bedrohung: Wie wir uns in Deutschland schützen müssen

Bild: Peter Müller/Bild

Ein Interview von BR24 mit Martin Schelleis

Es geht um die Sicherheit Deutschlands. Die hängt nicht nur von Soldaten und Waffen ab. Im Verteidigungsfall kommt es auch auf den Schutz der Bevölkerung an. Nach einer Umfrage der christlichen Hilfsorganisation Malteser wächst das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Vorsorge – beispielsweise Vorräte im Keller zu lagern oder den Erste-Hilfe-Kurs aufzufrischen.
„Das sind die Dinge, die jeder Bürger selbst anpacken muss“, sagt Martin Schelleis. Er war ranghoher General bei der Bundeswehr und ist jetzt Bundesbeauftragter für Sicherheits- und Zivilschutzthemen bei den Maltesern.

Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Russland fordert Schelleis von der neuen Bundesregierung, den Zivilschutz zu stärken. „Es braucht mit Sicherheit mehr Personal im Blaulichtbereich“, sagt Schelleis im BR-Interview und meint damit mehr Helfer, die im Verteidigungsfall Menschen in Schutzräume begleiten, Flüchtlinge unterbringen, die Verpflegung sicherstellen sowie medizinische und psychologische Betreuung leisten. Freiwilligendienste, so seine Einschätzung, stoßen da an Grenzen.

Das ganze Interview hören Sie im Podcast.
Weitere Themen: Der fragile Frieden in Syrien und die wehrhafte Demokratie in Thüringen.


Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in der Bundeswehr und bei der NATO – von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene.
Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf dem Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken.

Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Malteser. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an.

Hören Sie hier das Interview: https://www.ardaudiothek.de/episode/politik-und-hintergrund/russische-bedrohung-wie-wir-uns-in-deutschland-schuetzen-muessen/br24/14290271/

22. März 2025

Schuldenbremse für Rüstung entsperrt – nun gilt es zu liefern!

Bild: BDSV e.V.

Von Dr. Hans C. Atzpodien, Hauptgeschäftsführer BDSV e.V. 


I. Frühjahr 2025: Zeitenwende 2.0

Es war kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz, als der neue US-Verteidigungsminister Hegseth bei einer NATO-Verteidigungsministerkonferenz in Brüssel das sagte, was man eigentlich bereits vorher im „Projekt 2025“ – einer Veröffentlichung der konservativen Heritage Foundation aus dem Jahr 2023 im Kapitel über das Pentagon – hätte lesen können: Die Europäer sollen fortan selbst für ihre konventionelle Rüstung sorgen! In München selbst folgte dann der vielbesprochene Auftritt des US-Vizepräsidenten J.D. Vance mit seinem Vorwurf, die Europäer nähmen es selbst mit ihren demokratischen Werten nicht so ernst. Danach wiederum entwickelte sich alles, was in dem denkwürdigen „Clash“ zwischen den Präsidenten Trump und Selenskyj im Oval Office seinen Kulminationspunkt fand.

Drei Jahre nach der von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 ausgerufenen „Zeitenwende“ war dies nichts weniger als eine „Zeitenwende 2.0“, also eine Wendung, die wir wiederum glaubten verdrängen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen zu können. Das wirklich dramatisch Neue an dieser „Zeitenwende 2.0“ liegt darin, dass sich – drei Jahre nach dem erneuten Völkerrechtsbruch durch die Russische Föderation – nun auch die USA über diese rechtlichen Kategorien hinwegzusetzen scheinen und gleichsam über die Europäer hinweg eine neue Achse Washington–Moskau schmieden.

Die Vertreter der Trump-Administration begründen diese Anerkennung russischer Handlungsweisen damit, dass die Ukraine den Krieg ja ohnehin nicht gewinnen könne und sie zudem den Fehler begangen habe, dieser Unausweichlichkeit nicht sofort zu Beginn des Krieges Rechnung getragen zu haben. Fazit: Wer sich nicht sogleich dem Stärkeren unterwirft, hat – selbst wenn er mit seiner völkerrechtlichen Position im Recht ist – das Recht auf Unterstützung oder Widerstand de facto verwirkt. Bliebe es dabei, so wäre dies eine neue Dimension des machtpolitischen Realismus, die alle völkerrechtlichen Bindungssysteme ad absurdum führen würde.

Genau darin liegt die Natur der „Zeitenwende 2.0“, die man gerne weiterdenken und auch bis nach Peking sowie zur Absteckung von Einflusszonen zwischen den Mächten weiterdenken kann, die sich machtpolitisch als ebenbürtig anerkennen.

Aus dieser aktuellen und absolut richtigen Einsicht heraus, dass in dieser augenblicklichen Weltordnung nur noch eigene Stärke zählt, haben die Koalitionspartner der künftigen Bundesregierung – nämlich CDU/CSU und SPD, sekundiert von Bündnis 90/Die Grünen – in ihren Beschlüssen, die sie noch dem 20. Deutschen Bundestag zur Abstimmung über eine Grundgesetzänderung vorgelegt haben, genau die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. Das Ziel, endlich in kürzestmöglicher Zeit eine von allen Zwängen der Mangelverwaltung befreite Komplettausrüstung der Bundeswehr zu bewerkstelligen, muss das primäre Ziel unserer Gesellschaft sein, wenn wir weiter in unserer Lebensform existieren wollen.

Ebenso ist es richtig und zwingend, dass auch die Aufwendungen für den Aufbau einer gleichermaßen resilienten Zivilgesellschaft genauso von der Schuldenbremse ausgenommen wurden wie die Militärausgaben selbst. Beide Bereiche gehören untrennbar zusammen; sie bedingen sich gegenseitig. Schon heute sagt uns das Bundesamt für Verfassungsschutz unmissverständlich, dass wir angesichts der Angriffe auf unsere zivile Infrastruktur nicht mehr allein von „hybrider Bedrohung“ sprechen können, sondern dass wir uns hier bereits in einer Art von Kriegszustand befinden.

Ohne eine robuste Abwehrbereitschaft auf allen Feldern der zivilgesellschaftlichen Angriffe, wie wir sie tagtäglich erleben und noch schlimmer erleben könnten, nützt uns auch eine bestausgerüstete Bundeswehr nur bedingt. Insofern sind die Gesamtverteidigungsrichtlinien, der Operationsplan Deutschland, die Anstrengungen zur Verbesserung des Bevölkerungsschutzes und die Maßnahmen zur Cyberabwehr allesamt auch finanziell so zu dotieren, dass wir unsere bisherigen Defizite umgehend aufholen können.


II. Herausforderungen für die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie

1. Die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie muss und kann liefern!

In Zeiten, in denen es vor allem auf eigene Stärke ankommt, kann es schon aus diesem Grund nicht darum gehen, sich die Ausrüstung für Bundeswehr und Sicherheitsorgane irgendwo zusammenzusuchen. Nein, die Fähigkeit der eigenen – es sollte bewusst heißen „nationalen“ – Industrie, diese Ausrüstung zumindest weitestgehend selbst bereitzustellen, ist in sich ein wesentlicher Beitrag zu der geforderten Stärke Deutschlands.

Ein Käufer muss sich im Laden in die Schlange der Kaufinteressenten einreihen. Der aber, der die Produktion selbst in der Hand hat und steuert, kann die Reihenfolge bestimmen. Dies ist vor allem für Krisenzeiten ein maßgebliches Argument. Im vergleichsweise Kleinen haben wir es während der Corona-Pandemie bereits erlebt, was es bedeutet, wenn sich Grenzen plötzlich schließen und in elementaren Überlebensfragen jeder sich selbst der Nächste ist. Für solche Situationen muss man insbesondere dann vorsorgen, wenn es um das Überleben in einem Kriegsszenario geht.

Wie wir im Zweiten Weltkrieg gesehen haben, kommt es dann entscheidend auf die Fähigkeit an, die Fertigung von Rüstungsgütern nochmals an allen Ecken und Enden hoch zu eskalieren – teilweise auf Output-Zahlen, die man zuvor niemals für möglich gehalten hätte. Dies aber kann man nur von einer etablierten industriellen Plattform aus tun.

Deutschland hat in sehr vielen Feldern der Rüstung diese Voraussetzungen. Darüber hinaus gibt es in angrenzenden Feldern – wie im Automobilbereich – gerade jetzt freiwerdende Ressourcen, die unbedingt für Rüstung nutzbar gemacht oder gehalten werden müssen. Das Motto „Autos zu Rüstung“ muss zu einem gesamtgesellschaftlichen Aufbruch genutzt werden.

Deutschland hat sich nicht zuletzt durch die im Dezember 2024 erneut bekräftigte Definition national wichtiger und zu erhaltender „Schlüsseltechnologien“ im Bereich der Sicherheit und Verteidigung eine Plattform geschaffen, auf deren Grundlage der entsprechende Ressourceneinsatz strategisch konsistent gesteuert werden kann.

2. Die Industrie braucht belastbare Anforderungsdaten für ihre Planung

Das Vorhandensein von Ressourcen ist das eine, ein Masterplan zu deren möglichst effizienter und effektiver Nutzung das andere. In einer Situation, in der die europäischen NATO-Mitglieder per Schocktherapie lernen, dass sie in Sachen konventioneller Rüstung auf sich selbst gestellt sind, schalten sie nun augenblicklich in den Herstell- oder Kaufmodus um.

Die dänische Ministerpräsidentin Frederiksen wurde vor Kurzem im Magazin DER SPIEGEL mit der Weisung an ihre Militärbeschaffer zitiert: „Kaufen, kaufen, kaufen“. Wenn dies so ist, dann muss es jetzt die Aufgabe der großen EU-Mitgliedsländer mit eigener starker Sicherheits- und Verteidigungsindustrie – allen voran Deutschlands – sein, diese Bedarfe zu aggregieren und zu konsolidieren.

Es muss pro Produkt oder Produktfamilie schnellstmöglich eine Abnehmerkoalition der „willigen Kunden“ geformt werden, deren konsolidierte Bedarfe es der angesprochenen Industrie erlauben, ihre Produktionsplanung für die kommenden Jahre belastbar zu konzipieren. Weiß man auf Seiten der Industrie, für welchen Output in welcher Zeiteinheit man eine Fertigungsanlage auslegen muss, kann man unmittelbar mit der Umsetzung beginnen. Kommen hingegen immer wieder nacheinander einzelne Nachfrager auf die Industrie zu, ergibt dies ein „Patchwork“, führt zu Misshelligkeiten innerhalb der Kundenschlange und verhindert Effizienz und Effektivität in der Abarbeitung der Bestellungen.

Für Produkte, die Deutschland in seiner „Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ als deutsche Schlüsseltechnologien eingestuft hat, wird es maßgeblich darauf ankommen, dass die kommende Bundesregierung mit dem zu erwartenden Nationalen Sicherheitsrat und dem BMVg-Rüstungsbereich genau diese Aufgabe meistert: nämlich schnellstens aggregierte und konsolidierte Abnahmezahlen gemeinsam mit anderen willigen EU-Nachfragern zusammenzubringen.

3. Die Dynamik unserer Wirtschaft, wenn sie Druck hat, ist nicht zu unterschätzen

Für die Umsetzung wird es entscheidend darauf ankommen, wie es der neuen Bundesregierung gelingt, die Kräfte der Wirtschaft so zu motivieren, dass die klassische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, aber auch die Auto- und Zulieferindustrie, die Bauwirtschaft, der Maschinen- und Anlagenbau sowie die beteiligten Bundesministerien und Landesregierungen miteinander in einen Aufbruchsprozess kommen, der in sich eine Dynamik entfaltet, welche die entscheidenden privatwirtschaftlichen Kräfte freisetzt.

Dazu müssen von der neuen Bundesregierung die richtigen Signale kommen – wie sie im Ansatz ja bereits mit der Entsperrung der Schuldenbremse für Militär und zivilgesellschaftliche Resilienz gesetzt wurden. Am Ende sind es – solange wir nicht von einem Verteidigungsfall sprechen, der andere rechtliche Möglichkeiten eröffnet – vor allem die privatwirtschaftlichen Initiativen, die uns als Bundeswehr und Zivilgesellschaft in kürzestmöglicher Zeit zum Ziel der kompletten Abschreckungs- und Verteidigungsbereitschaft bringen müssen. Wichtig ist, dass dieser Umschwung in der Stimmungslage alle gesellschaftlichen Ebenen durchdringt, damit z. B. auch die letzten sog. „Zivilklauseln“ an Hochschulen endlich fallen.

4. Es braucht sehr konkret verbesserte regulatorische Rahmenbedingungen

Nur anspornende Worte einer neuen Bundesregierung, auch wenn sie noch so eindringlich formuliert sein mögen, würden alleine nicht ausreichen, um die besagte Dynamik in der Umstellung auf deutlich mehr Output im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsrüstung zu erreichen. Hierzu bedarf es vielmehr auch konkreter Verbesserungen und Erleichterungen bei den regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese betreffen sowohl das militärische Vergaberecht als auch genehmigungsrechtliche Erleichterungen – ähnlich denen, die im Jahr 2022 angesichts einer erwarteten Gasmangellage für die schnelle Errichtung von LNG-Terminals erreicht werden konnten.

Viele dieser Verbesserungen sind bereits in der im Dezember 2024 verabschiedeten „Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ angelegt, bedürfen aber nun der konkreten Umsetzung in Form eines umfassenden „Rüstungsbeschleunigungspakets“. Manche dieser Rahmenbedingungen haben ihre Wurzeln in europarechtlichen Bestimmungen, die daher mit in den Blick genommen werden müssen. Glücklicherweise werden diese Themen aktuell in dem von der EU-Kommission am 19. März 2025 veröffentlichten „Joint White Paper for European Defence Readiness 2030“ angesprochen. Doch auch hier lässt die tatsächliche regulatorische Umsetzung noch auf sich warten.


III. Fazit

Wenn die neue Bundesregierung hoffentlich bald ins Amt kommt, eine aktive Rolle in EU-Europa übernimmt und es ihr gelingt, schnell ihre eigenen Rüstungsbedarfe zu artikulieren und mit anderen europäischen Nachfragern zu aggregieren – gerne unterstützt durch die EU-Kommission –, dann kann auch die Industrie rasch in die Lage kommen, ihre Kapazitäten weiter zu erhöhen und damit ihre wichtige Funktion als Ausrüster unserer Streitkräfte und Sicherheitsorgane zügig weiter auszubauen.

Die gesamtwirtschaftliche Situation in Deutschland, die zu einem Rückgang der Auslastung in der Auto- und Automobilzulieferindustrie führt, kann und muss nun als Chance genutzt werden, um die Serienfertigung von Autoteilen in eine Serienfertigung von Komponenten und Produkten zu transformieren, die uns helfen, unseren Weg zur Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit umso schneller zurückzulegen. Deutschland hat dazu die Kraft – und auch die Mittel!

Dr. Hans Christoph Atzpodien ist seit 2017 Hauptgeschäftsführer des BDSV. Zuvor war er in leitenden Management-Positionen im thyssenkrupp-Konzern tätig, darunter von 2007 bis 2012 als CEO der Sparte thyssenkrupp Marine Systems sowie von 2012 bis 2015 als CEO der Business Area thyssenkrupp Industrial Solutions mit einem Umsatz von 6 Mrd. €. Im Jahr 2009 gehörte Dr. Atzpodien zu den Mitgründern des BDSV, desssen Vorstand er seit der Gründung bis zum Jahr 2016 angehörte, davon ein Jahr als Präsident des Verbandes. Dr. Atzpodien ist gelernter Jurist und verfügt zudem über einen akademischen Abschluss in Politik- und Verwaltungswissenschaften.

Offenbarungseid als Chance

Der Zusammenhang zwischen Verteidigungsfähigkeit und der Implementierung eines Nationalen Sicherheitsrats

Unsere Autorin Christina Moritz ist seit Jahren eine leidenschaftliche Befürworterin eines Nationalen Sicherheitsrates für Deutschland

Von unserer Autorin Christina Moritz

Krisengespräche statt Karnevalspause.
Friedrich Merz, Partei- und Fraktionschef der Union, drückte in den Sondierungsgesprächen mit der SPD aufs Tempo. Denn es gilt, eine Steigerung der Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur mit einem 500-Milliarden-Sondervermögen noch in der laufenden Legislaturperiode zu beschließen, bevor neue Mehrheiten im Bundestag die hierfür erforderliche Grundgesetzänderung verhindern.
Die Täter-Opfer-Umkehr im Ukraine-Krieg, die US-Präsident Donald Trump vor laufenden Kameras inszenierte, und die Aussetzung bereits zugesagter Militärhilfen für Kiew lassen keinen Zweifel: Deutschland und Europa müssen – der schwindenden amerikanischen Unterstützung geschuldet – aus dem Stand militärisch handlungsfähiger werden.
Für die Bundesrepublik bedeutet dies, die jahrzehntelang unterfinanzierte Bundeswehr in kürzester Zeit umfassend aufzurüsten und mehr Personal zu gewinnen. Der verantwortungsvolle Einsatz der deutschen Streitkräfte kann allerdings nur im Rahmen eines strategischen Konzepts zur gesamtstaatlichen Verteidigung erfolgen. Dieses wiederum ist untrennbar mit der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers verbunden.
Verteidigen können heißt daher zugleich, einen Nationalen Sicherheitsrat einzurichten – und zwar unverzüglich.


Spätestens seit der Annexion der Krim 2014 durch Russland hätten Deutschland und seine europäischen Verbündeten wieder mehr in Verteidigung investieren müssen.
Nach Jahren der Untätigkeit und sogar Reduzierung militärischer Fähigkeiten gibt es – ohne den amerikanischen Beitrag – in der Gesamtschau zu wenig, um in einer militärischen Konfrontation mit Moskau zu bestehen. Jetzt braucht es Aufrüstung auf Kriegstauglichkeitsniveau – auch, um der russischen Kriegswirtschaft mit ihrer Drei-Schichten-Produktion von Waffen und Kriegsgerät etwas entgegensetzen zu können.
Deshalb stehen die gemeinsame Beschaffung und Produktion von Rüstungsgütern ganz oben auf der Brüsseler Agenda. Die EU-Mitgliedstaaten planen hierfür ein Sondervermögen von zunächst 800 Milliarden Euro. Frankreich will zudem nukleare Abwehrkapazitäten in Deutschland stationieren. Polen trifft Vorkehrungen, alle erwachsenen Männer noch im Laufe des Jahres an der Waffe auszubilden und so seine Reserve aufzustocken.
In Berlin ist derweil die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht entbrannt, die die CSU bereits für 2025 fordert. Ob die Bundesrepublik sich den Luxus leisten kann, auf Freiwilligkeit statt auf eine allgemeine Dienstpflicht zu setzen, ist angesichts des Ernstes der Lage zu bezweifeln. Die bundesweite Ermittlung der Daten junger Frauen und Männer ist deshalb ein Schritt in die richtige Richtung.
Um die gesamtstaatliche Resilienz zu erreichen, auf die es jetzt insgesamt ankommt, muss dieser Schritt allerdings durch weitere Maßnahmen im Bereich Ausstattung, Finanzierung, Gesetzesanwendung, Gesetzgebung und vor allem bei der Einbeziehung und Vorbereitung der Gesellschaft ergänzt werden.


Die Bevölkerung hat die Zeichen der Zeit längst erkannt.
Seit Jahren kommen Umfragen zu dem Ergebnis, dass über 70 Prozent größere Investitionen in Sicherheit befürworten. Das aktuelle Politbarometer spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: Eine Mehrheit der Menschen im Lande goutiert die Einrichtung des von CDU und CSU vorgeschlagenen Sondervermögens.
Sie haben verstanden – zum einen, dass nur so die Folgen jahrzehntelanger Versäumnisse zu beseitigen sind. Zum anderen wohl auch den engen Zusammenhang zwischen einer funktionierenden Infrastruktur und der militärischen wie zivilen Resilienz Deutschlands.
Doch mehr Haushaltsmittel, Material und Personal allein werden keinesfalls genügen, um Staat und Gesellschaft für potenzielle Bedrohungen zu wappnen und diese auf längere Sicht wirksam bekämpfen zu können.


Den komplexen Transitionsprozess mit einem Nationalen Sicherheitsrat strategisch steuern
Während des schnell voranzutreibenden Prozesses der Transition hin zu einer zeitgemäßen Vollausstattung der Bundeswehr und gesamtgesellschaftlicher Resilienz sollte bei aller gebotenen Eile der Ausbau strategischer Fähigkeiten nicht vernachlässigt werden.
Vielmehr sind Analyse- und Vorausschaukapazitäten unbedingt zeitgleich durch institutionelle Anpassungen zu stärken. Die überwiegende Zahl der europäischen Nachbarländer koordiniert die derzeit notwendigen Schritte über Nationale Sicherheitsräte – ein Modell, das Deutschland übernehmen sollte.
Denn nur mit strategischer Beratung und Steuerung durch diese übergeordnete Sicherheitsinstitution kann das komplexe Management nationaler Sicherheit ressort- und themenübergreifend, vertikal und horizontal umfassend abgestimmt hinreichend gelingen.
Darüber hinaus müssen die Nachrichtendienste operativ – neben dem Abgleich mit der Lage außen – noch stärker in die Informationsgewinnung zur Lage innen einbezogen werden, was einfachgesetzlich schnell ins Werk zu setzen sein dürfte.
Über welche Ressourcen, Redundanzen oder Reserven die Bundesrepublik in Sektoren wie Energie, Gesundheit, Ernährung und kritischen Infrastrukturen insgesamt verfügt, ist von ebenso zentraler Bedeutung für den Erhalt und die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit des Staates wie die Bestandsaufnahme und Ergänzung militärischer Ausstattung.

Die Warnung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Anfang März 2025, die Bevölkerung sei im Kriegsfall kaum geschützt, muss alarmieren.
Während der Corona-Pandemie hatte es Presseberichte über geplante Gesundheitsreserven des Bundes gegeben – über deren tatsächliche Schaffung jedoch nichts.
Das DRK bemängelt indes, es fehle an Notunterbringungsmöglichkeiten, Medikamenten und Hilfskräften und fordert 20 Milliarden Euro aus dem neuen Sondervermögen zur Beseitigung dieses Mangels. Der Zivilschutz sei „blank“, auf den Verteidigungsfall nicht vorbereitet.
Privathaushalte sollten „Notvorräte wie haltbare Lebensmittel, Wasser und Hygieneartikel bereithalten“; die Bevölkerung, so der FAZ-Beitrag, solle „etwa durch mehr Erste-Hilfe-Kurse mit Selbstschutzinhalten besser geschult werden“.
Der damalige Innen- und spätere Verteidigungsminister Thomas de Maizière war seinerzeit für den Vorschlag, jedem Haushalt entsprechende Handreichungen zur Verfügung zu stellen, harsch kritisiert und belächelt worden. Heute zeigt sich, dass ein solches Vorgehen dringend geboten und überlebenswichtig geworden ist.
Die skandinavischen Länder gelten hier mit ihrem Konzept der Gesamtverteidigung als Vorbilder für die gelungene Verbindung militärischer und ziviler Sicherheitsvorsorge.


Sicherheitspolitischer Offenbarungseid als Chance

„Blank“ war auch die Begrifflichkeit, die der Inspekteur des Heeres, Alfons Mais, vor nicht allzu langer Zeit verwendete, um den Mangel an Kriegstauglichkeit zu beschreiben. Die Lage ist ernster denn je – nicht erst seit dem Eklat im Weißen Haus.
Das belegen die mit steigendem Nachdruck vorgetragenen öffentlichen Warnungen aller deutschen Nachrichtendienste vor einer militärischen Konfrontation mit sowie Sabotage durch Russland.
Gefährliche Lücken gibt es in der Bundesrepublik zudem bei der Rückführung von Gefährdern in ihre Herkunftsstaaten, was die Verunsicherung im täglichen Leben weiter steigert.
Der Anstieg der Zahl mit Fahrzeugen und Messern verübter Terroranschläge und der Bandenkriminalität im Migrantenmilieu ist überdies kein rein deutsches, sondern ein europäisches Problem.
Erinnert sei an Meldungen aus Schweden, das als Reaktion auf Gewaltdelikte und aus dem Ausland gesteuerte organisierte Kriminalität mit einer Begrenzung der Einwanderung reagierte.
Zwischen Schweden und Dänemark, wo Banden verstärkt schwedische Jugendliche rekrutiert hatten, besteht seit August 2024 ein Kooperationsabkommen zur Bekämpfung der Bandenkriminalität.
Wie im Bereich Terrorismus mittlerweile gängige Praxis, erfolgte die Rekrutierung über digitale Kanäle und das Internet.
Dies sind nur einige Beispiele für die Verflechtung und Internationalisierung von Bedrohungen und deren Instrumenten.

Alles in allem ist – im Inland wie im Ausland – aus vielen Mündern ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid zu vernehmen.
Doch dieser ist nicht – wie in seiner ursprünglichen Bedeutung – eine finale Bankrotterklärung, sondern eine Chance, wenn er zügig zu einem strategischen und operativen Umsteuern führt, das seinen Ausdruck in sichtbaren und verständlich kommunizierten Maßnahmen findet.

Desinformation und Beeinflussung im Rahmen der hybriden Kriegführung Moskaus speisen sich wesentlich aus Unsicherheit und Vertrauensverlust in staatliches Handeln. Deshalb müssen Anpassungen nicht nur angegangen, sondern den Menschen auch plausibel erklärt werden.
So etwa das Sondervermögen, das sich aus bisher nicht erfolgten Mittelzuweisungen und aktuellem Investitionsbedarf errechnet.

Doch warum muss vor dem Hintergrund der aufgezeigten sicherheitspolitischen Lage die Schaffung eines Nationalen Sicherheitsrates im Bundeskanzleramt zeitgleich und schnellstmöglich erfolgen?

Weil dies die einzige institutionelle Plattform ist, die in dieser komplexen Gemengelage alle relevanten Daten für ganz Deutschland zentral bündeln, strategisch bewerten und priorisieren kann.
Einzig hier können Informationen umfassend verdichtet und im nationalen wie internationalen, ressortübergreifenden Abgleich auf Richtigkeit und Relevanz überprüft werden.
Überdies ist nur über diese „Leitstelle“ die parallele Bearbeitung mehrerer Krisen möglich. Zeitgleich sind Maßnahmen auf unterschiedlichsten Ebenen von Staat und Gesellschaft zu koordinieren.

Doch NSR-Vorbilder weltweit zeigen: Das ist leistbar – und generiert auch mittel- bis langfristig einen deutlichen Mehrwert.

Auf eine kurze Formel gebracht:
Je vollständiger das Lagebild, desto besser der strategische Rat für den Bundeskanzler. Je besser die (Re-)Priorisierung von Bedarfen und Maßnahmen, desto zielgenauer die (Re-)Priorisierung der Bundeshaushaltsmittel.

Es kann als Glücksfall gelten, dass der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates im Kanzleramt zur Chefsache gemacht hat und in der Außen- und Verteidigungspolitik bereits mit Verve die Abstimmung und Kooperation mit internationalen Partnern wie Frankreich sucht.
Auch, dass er die verbliebenen Partner der Ampel-Koalition ohne weiteres Zuwarten zum migrationspolitischen Offenbarungseid gezwungen und in den Sondierungsverhandlungen bereits Maßnahmen zur Begrenzung illegaler Zuwanderung durchgesetzt hat. Die Mehrheit der Menschen im Lande weiß er laut Umfragen in dieser Frage ebenfalls hinter sich – und mit Sicherheit sämtliche Sicherheitskräfte, die nicht mehr mit einem nicht enden wollenden Zustrom neuer potenzieller Gefährder rechnen müssen.

So, wie es Österreich jüngst gelang, den Familiennachzug EU-rechtskonform zu stoppen, wird dies demnächst auch in Deutschland möglich sein – und damit Länder und Kommunen entlasten.

Ein Glücksfall auch: Dieser designierte Kanzler hat erkannt, wie und wann gehandelt werden muss – bei akutem Handlungsbedarf sofort und parteiübergreifend abgestimmt.
In der beginnenden Legislaturperiode wird es eine linke Sperrminorität geben, die Grundgesetzänderungen verhindert. Fakt ist aber, dass die Anpassung der deutschen Sicherheitsarchitektur auch ohne solche Änderungen auskommen wird.
Ein Nationaler Sicherheitsrat ist als Kabinettsausschuss qua Richtlinienkompetenz schnell eingerichtet.

Deutschland und Europa sind nicht mehr im Frieden, noch nicht im Krieg, aber dringend gefordert, mit vereinten Kräften zu handeln.
Friedrich Merz hat bereits unter Beweis gestellt, dass er dafür über die nötige Führungs- und Gestaltungskompetenz verfügt. Nun muss er die viel kritisierte Selbstverzwergung Deutschlands beenden, indem er nicht nur Militär, Infrastruktur und Wirtschaft auf Stand bringt, sondern das Land auch durch die umgehende Einsetzung eines Nationalen Sicherheitsrates wieder handlungs- und strategiefähig – und damit resilient – macht.

Christina Moritz, Berliner Politologin und CISS Fellow, forscht und promoviert zu ihrem Modell für einen deutschen Nationalen Sicherheitsrat, das sie 2016 erstmals orgestellt hat. Die Expertin setzt sich in Fachpublikationen und Vorträgen für die Schaffung der Institution ein.

Hötren Sie ein Interview mit Christina Moritz zum Thema „Die Widerstandfähigkeit der Bundesrepublik“ im NDR unter https://www.ndr.de/nachrichten/info/Christina-Moritz-Die-Widerstandsfaehigkeit-der-Bundesrepublik-verbessern,audio1833304.html

Der Beitrag gibt ihre persönlichen Einschätzungen und Ansichten wieder.

Der Beitrag erschien im Original im Newsletter Verteidigung 10/2025

 

Vortrag (Präsenz + Online) von Ali Fatholla-Nejad am 15. April in Bonn – Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät

Multiple Krisen, Vormarsch von Autokratien, Kriege: Die aktuelle weltpolitische Lage ist so unübersichtlich und unsicher wie selten zuvor. Wenden wir uns in dieser Gemengelage dem Iran zu, so stellen wir fest, dass die massiven regionalpolitischen Ambitionen, das Atom- und Raketenprogramm sowie die desaströse Menschenrechtslage westlicherseits zu sehr ignoriert wurden. Gibt es eine Schuld der westlichen Politik an der Eskalation im Nahen Osten? Ali Fathollah-Nejad, ein anerkannter Politologe und Nahost-Experte tritt für einen Paradigmenwechsel in der Iranpolitik ein und entwirft hierzu Eckpfeiler einer nachhaltigeren, die regionalspezifischen Aspekte berücksichtigenden Politik.

Die GSP lädt in Kooperation mit dem Sicherheitsforum Deutschland, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, dem Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn und dem Verband der Reservisten der Bundeswehr zu einer hybriden Vortragsveranstaltung (Präsenz + Online) ein.

Dr. Ali Fathollah-Nejad (*1981 in Tabriz/Iran), ist ein deutsch-iranischer Politologe und Autor mit Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten (insb. Iran), westlicher Außenpolitik und post-unipolarer Weltordnung. Politologie-Studium in Deutschland (Münster), Frankreich und den Niederlanden, anschließend Promotionsstudium an der SOAS (School of Oriental and African Studies) in London, Postdoc an der Harvard Kennedy School. Er ist Gründer und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG), das zu Transformationen und einer Interessen und Werte versöhnenden Außenpolitik forscht. Fathollah-Nejad lehrt Nahost-Politik und Internationale Sicherheit an der Hertie School in Berlin und ist Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn. Zuletzt veröffentlichte er das Buch Iran in an Emerging New World Order (2021). Bekannt wurde er einem breiteren Publikum im Zuge der »Frau, Leben, Freiheit«-Proteste in Iran und des Nahost-Krieges mit Einschätzungen und Analysen, u.a. für die Tagesthemen, ZDF-heute-journal, Deutschlandfunk.

Anmeldung unter https://www.gsp-sipo.de/aktivitaeten/veranstaltungen-anmeldung?tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Baction%5D=registration&tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Bcontroller%5D=Event&tx_sfeventmgt_pieventregistration%5Bevent%5D=4989&cHash=55c5f597f79b99ca2c2ea182dd85ef60

 

Eindrücke von der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz aus erster Hand

 

Bildquelle: MSC/Preiss

Analyse der Sicherheitskonferenz von Martin Schelleis, Februar 2025

Allgemeiner Überblick 

Die diesjährige Sicherheitskonferenz war wohl die bisher größte ihrer Art. Über 60 Staats- und Regierungschefs, mehr als 100 Minister, zahlreiche Abgeordnete – vor allem aus Deutschland und den USA –, hochrangige Militärs, Wirtschaftsführer, Geheimdienstler, Wissenschaftler und Top-Medienvertreter kamen zusammen. Die Kernteilnehmerzahl lag bei etwa 500, mit über tausend weiteren Personen in der Peripherie und Tausenden an Begleitpersonal. Allein die Delegation des US-Vizepräsidenten umfasste 500 Personen.

Neben dem Hauptprogramm gab es eine kaum überschaubare Vielzahl an Side-Panels und Nebenveranstaltungen, teilweise auch außerhalb des Bayerischen Hofes. Thematisch deckte die Konferenz eine breite Palette ab. Dennoch dominierten aufgrund aktueller Ereignisse – insbesondere Trumps und Putins Positionen zur Ukraine sowie die Rede von US-Vizepräsident Vance – erneut die Themen transatlantische Sicherheit und Russland.

Die Kapazitätsgrenze der MSC scheint nun erreicht. Das Gedränge im Bayerischen Hof wurde als zunehmend unerträglich empfunden. Um eine gewisse Exklusivität und inhaltliche Tiefe zu bewahren, wird eine stärkere Fokussierung notwendig sein.


Eigene Rolle

Teilnahme an Veranstaltungen im Haupt- und Nebenprogramm, verschiedene Presse- und Hintergrundgespräche sowie eine Keynote-Rede bei der Münchner Sektion der Gemeinschaft für Sicherheitspolitik (GSP).


Einzelaspekte

1. Die US-Position und Reaktionen darauf

US-Militärs und Diplomaten versuchten im Vorfeld, die erwarteten US-Forderungen als nicht neu darzustellen. Offensichtlich waren sie aber selbst nicht vollständig über den Inhalt der Vance-Rede informiert.
Europäische Vertreter zeigten sich einsichtig, übten Selbstkritik über nicht eingehaltene Zusagen und verstanden die US-Forderungen nach einer stärkeren Lastenteilung („burden shifting“). Gleichzeitig herrschte große Sorge darüber, dass die USA ihre Führungsrolle in Europa aufgeben könnten.
US-Vertreter versuchten zu beschwichtigen: Eine Truppenreduzierung in Europa um 20 % (auf 80.000 Soldaten) sei möglich, aber der nukleare Schutzschirm stehe nicht zur Disposition.
Auch US-Vertreter zeigten sich unzufrieden darüber, dass Trump seine Verhandlungstrümpfe mit Putin bereits im Vorfeld öffentlich gemacht hatte.
Nach der Rede versuchten US-Vertreter zu relativieren: Die Trump-Administration sei noch neu im Amt, und die Details der Politik würden sich noch entwickeln. Europäer sollten sich zudem nicht so empfindlich zeigen – offenbar hatte die monatelange Kritik an Trump und den Republikanern ihre Spuren hinterlassen.

2. Wirtschaftliche Überlegungen

Fuest (ifo-Institut) argumentierte, dass eine Anschubfinanzierung für zusätzliche Verteidigungsausgaben unumgänglich sei. Langfristig müssten diese jedoch in den Kernhaushalt überführt werden, was eine Umstrukturierung auf Kosten des Wohlfahrtsstaates erfordere.

3. Panel zur Zukunft des Libanon

Das Panel, organisiert von der Ordensregierung aus Rom in Zusammenarbeit mit der LIB-Assoziation, startete chaotisch als eine Art Familientreffen von (Exil-)Libanesen.
Mit der Zeit füllte sich der Raum, insbesondere mit Journalistinnen.
Einigkeit bestand darüber, dass die aktuelle Schwächung der Hisbollah eine große Chance für das Land darstelle. Die staatlichen Institutionen müssten nun unter internationaler Unterstützung das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.
Uneinigkeit herrschte darüber, ob die Hisbollah in diesen Prozess eingebunden werden sollte.


Zentrale Redebeiträge

US-Vizepräsident Vance:

  • Die größte Gefahr für Europa gehe nicht von Russland oder China aus, sondern von innen.

  • Warf Europa vor, gemeinsame Werte zu verraten:

    • Kritik an Rumänien für die Annullierung der Präsidentschaftswahlen

    • Kritik an Deutschland wegen der Isolation der AfD

    • Kritik an Schweden wegen der Verfolgung religiöser Minderheiten

    • Kritik an Großbritannien wegen der Verhaftung eines Abtreibungsgegners

  • Bezeichnete Migration als größte Bedrohung für die Sicherheit, verwies auf den Anschlag in München.

  • Lobte die USA unter Trump als „Hort der Meinungsfreiheit“.

  • Bezeichnete den Begriff „Desinformation“ als „ugly word“.

  • Zweifelte an einem klaren europäischen Bekenntnis zu gemeinsamen Werten mit den USA. Falls sich dies bestätige, könnten die USA Europa nicht mehr schützen.

BM Pistorius:

  • Energische Replik auf Vance: Vergleich Europas mit autoritären Regimen sei nicht akzeptabel.

  • Erteilte einem schwachen Frieden für die Ukraine eine klare Absage.

  • Betonte die Notwendigkeit einer aktiven europäischen Rolle in den Ukraine-Friedensverhandlungen.

  • NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sei weiterhin auf dem Tisch.

  • Verwies auf eine Roadmap der europäischen NATO-Verteidigungsminister zur Umsetzung des „burden shiftings“.

  • Entwickelt einen deutschen 10-Jahresplan zur langfristigen Stabilisierung der Verteidigungsausgaben.

BK Scholz:

  • Wies Vances Demokratiebelehrung und Wahlkampfeinmischung scharf zurück.

  • Plädierte für eine Ausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben.

  • Lehnte Einschnitte in anderen Haushaltsposten zugunsten der Verteidigung ab.

  • Glaubt sich im Einklang mit der Bevölkerung: höhere Verteidigungsausgaben ja, aber nur durch neue Schulden.

UKR-Präsident Selenskyj:

  • Sprach Putin den Willen zum Frieden ab, verwies auf eine Drohnenattacke auf Tschernobyl.

  • Warnte vor einem möglichen Überraschungsangriff Russlands auf NATO-Territorium über Belarus.

  • Entwarf eine sicherheitspolitische Vision für Europa ohne die USA und Russland.

  • Plädierte für eine starke europäische Armee unter Einbeziehung der Ukraine.

  • Bezifferte die russischen Verluste auf 250.000 Tote und 610.000 Verwundete.

  • Falls keine NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine möglich sei, forderte er andere Sicherheitsgarantien entlang der europäischen Ostgrenze.

  • Drängte auf eine aktive europäische Beteiligung an den Verhandlungen zur Ukraine.

  • Zeigte sich offen für eine Stationierung fremder Truppen zur Friedenssicherung in der Ukraine.

  • Deutete einen Gipfel in Kiew am 24. Februar an.

  • Auffällig: kein spezifischer Dank an Deutschland für bisherige Unterstützung.


Bewertung

Die Vance-Rede war kein Ausrutscher, sondern eine bewusste Provokation. Sie wird als Startschuss für eine neue transatlantische Epoche in Erinnerung bleiben – vergleichbar mit Putins Rede von 2007.

Meta-Botschaft 2025: Europa und die USA teilen offenbar nicht mehr dieselben Werte. Falls sich Europa nicht anpasst, wird es kein schützenswerter Partner mehr sein. Zudem sehen die USA Europa eher als Bremser denn als ernstzunehmenden Akteur. Diese Haltung spiegelt sich auch in der US-Absicht wider, zur Ukraine nur im kleinen Kreis zu verhandeln.

Während Pistorius und Scholz wohltuend klar auf Vance reagierten, fehlte eine Antwort auf die übergeordnete Frage der schwächer werdenden transatlantischen Bindung. Selenskyj hingegen bot eine klare Vision für die Zukunft: ein starkes Europa mit der Ukraine als integralen Bestandteil.


Autor: Martin Schelleis war bis Mai 2024 46 Jahre Soldat der Bundeswehr, zuletzt als Generalleutnant und Inspekteur der Streitkräftebasis. Der Diplom-Kaufmann begann seine Laufbahn als Einsatzpilot und Fluglehrer. Später durchlief er Truppen- und Stabsverwendungen in der Bundeswehr und bei der NATO – von der taktischen über die operative bis hin zur politisch-strategischen Ebene. Martin Schelleis sammelte annähernd 2.000 Flugstunden allein auf dem Tornado, war zweimal in Afghanistan im Einsatz, sieben Jahre Nationaler Territorialer Befehlshaber und kann auf zehn Jahre ministerielle sowie 15 Jahre Erfahrung als Disziplinarvorgesetzter zurückblicken. Seit August 2024 ist er ehrenamtlicher Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit. Martin Schelleis gehört dem RC Köln am Rhein seit 2025 an.

Die in diesem Text geäußerten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der gesamten Redaktion.