Die National Security Strategy der USA unter amerikanischem und europäischem Blickwinkel

Ein Beitrag von  Dr. Hans C. Atzpodien, Hauptgeschäftsführer BDSV e.V.

Im Januar 2026 jährt sich der zweite Amtsantritt von Präsident Donald Trump zum ersten Mal. Wieder einmal reiben wir uns erstaunt die Augen. Mehrfach in den vergangenen zwölf Monaten waren wir geneigt zu glauben, es werde doch alles für uns in Europa nicht so schlimm kommen. Der NATO Generalsekretär Mark Rutte hatte es geschafft, beim NATO Gipfel im Juni 2025 in seiner Heimatstadt Den Haag den US Präsidenten motiviert zu halten, weiterhin zur NATO zu stehen. Dies war um den Preis geschehen, dass alle europäischen NATO Partner die bis dahin unglaubliche Summe von fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung und verteidigungsrelevante Infrastruktur versprochen hatten.

Die Europäer, namentlich Bundeskanzler Merz, der französische Präsident Macron und der britische Premier Starmer, sekundiert vom finnischen Präsidenten Stubb und der italienischen Regierungschefin Meloni, die beide bei Trump gerne gesehen sind, hatten mehrfach das Ohr des Präsidenten erreicht. Dies galt insbesondere dann, wenn es darum ging, die besorgte europäische Stimme in Sachen Ukraine zugunsten von Präsident Selenskyj zu Gehör zu bringen. Immer wieder war man also geneigt zu glauben, Europa werde von Trump als wertgeschätzter Bündnispartner ernst genommen.

Doch dann kam Ende November 2025 die neue National Security Strategy der USA zur Veröffentlichung. Sofort wurden in den deutschen Medien einige Zitate herausgepickt, insbesondere die Zeilen, die bezogen auf Europa ein Ende der vermeintlichen Zensur der freien Meinungsäußerung und der Unterdrückung der politischen Opposition verlangen. Im selben Atemzug wurden dann deutsche Politiker zitiert, die sich eine derartige Einmischung verbaten, vielleicht in dem Glauben, dass das Thema damit für die deutsche Öffentlichkeit zunächst abgehakt sei. Doch zu Recht wurde in den Wochen vor Weihnachten dem Thema der National Security Strategy in den deutschen Medien, in Talkshows, aber auch in privaten Diskussionen viel Raum gegeben. Die Bandbreite der Einschätzungen reichte von Scheidungspapier über alles nichts Neues bis hin zu nicht so hoch hängen. Auch gab es interpretatorische Hinweise gleichsam aus erster Hand, etwa im Interview, das das Magazin Politico am achten Dezember 2025 mit Präsident Trump im Weißen Haus geführt hatte.

Warum also in zeitlichem Abstand noch diese Nachlese in Form des vorliegenden Geleitwortes. Die Antwort ist einfach. In jedem Fall ist die National Security Strategy ein strategisches Grundsatzdokument mit erheblicher Bedeutung für uns in Europa und in Deutschland, das in einem größeren Kontext gelesen, verstanden und bewertet werden muss. Daher hier einige tiefere Einblicke zunächst aus der amerikanischen Sicht.

Als oberstes Motto der Strategie ist Frieden durch Stärke zu nennen. Im Sinne der in den USA stark ausgeprägten Dogmatik des Neorealismus spielen nur Nationalstaaten eine Rolle, da gemäß dieser Lehre nur sie klar definierte Interessen artikulieren könnten. Internationale Organisationen, darunter auch die Europäische Union, werden als Erosionskräfte gesehen. Wie nicht anders zu erwarten, geht es bei den Zielen der Strategie zuallererst um die Unabhängigkeit und Souveränität der USA sowie den Schutz ihrer Bürger und Einrichtungen. Die USA könnten es danach keiner anderen Macht erlauben, so dominant zu werden, dass sie amerikanische Interessen gefährden könnte, was klar auf China zielt. Amerikanische Außenpolitik habe allein dem Ziel der eigenen Souveränität zu dienen.

Hierauf bezogen lautet eine mehrfach wiederholte Schlüsselaussage, die Strategie beinhalte eine Trump Corollary der sogenannten Monroe Doktrin und folge dieser, weil sich die Monroe Doktrin schon damals bewährt habe. Unter dem Motto Amerika den Amerikanern besagte die Doktrin des damaligen Präsidenten James Monroe im Jahr 1823, europäischen Einfluss von Amerika fernzuhalten und im Gegenzug Amerika aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten. Dieses Verständnis ist somit ein Schlüssel für die Sicht der aktuellen US Strategie in Bezug auf das transatlantische Verhältnis. Der Begriff der Trump Corollary spielt auf die Roosevelt Corollary aus dem Jahr 1904 an, mit der Präsident Theodore Roosevelt für die USA eine Art Polizistenrolle in Lateinamerika in Anspruch nahm, damals vor allem gegen europäische Interventionsabsichten. Eine vergleichbare Rolle beansprucht nun Präsident Trump, nämlich gegenüber Narco Terroristen, Kartellen und anderen transnationalen kriminellen Organisationen. Dies führt er auch in dem erwähnten Politico Interview aus.

Bezogen auf Europa thematisiert Trump in diesem Interview nur einen einzigen Aspekt, die Migration. Darum auch in der National Security Strategy das Bekenntnis, man wolle die Verbündeten dabei unterstützen, die Freiheit und Sicherheit Europas zu bewahren und zugleich Europas zivilisatorisches Selbstvertrauen sowie seine westliche Identität wiederherzustellen. Zur Migration heißt es weiter, die Ära der Masseneinwanderung sei vorbei.

Bündnisfähigkeit mit den USA setzt danach Lastenteilung und die Bereitschaft zu eigenen Reformen auf Seiten der Bündnispartner voraus, die langfristige Stabilität sichern. Weiter heißt es, die USA würden bereitstehen, jenen Ländern zu helfen, die bereitwillig mehr Verantwortung für die Sicherheit in ihren eigenen Regionen übernehmen und ihre Exportkontrollen an die amerikanischen angleichen. Zudem lehnten die USA die aus ihrer Sicht verhängnisvollen Ideologien des Klimawandels und von Netto Null ab, die Europa geschadet hätten, die USA bedrohten und deren Gegner subventionierten.

Entsprechend fällt auch das eigentliche Kapitel zu Europa eher mitleidig aus. Die USA beschreiben sich hier als eine Art Coach. Kontinentaleuropa habe seinen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt verloren, teilweise aufgrund nationaler und transnationaler Regulierungen, die Kreativität und Fleiß untergraben hätten. Dieser wirtschaftliche Niedergang werde jedoch noch übertroffen von der realen und weitaus drastischeren Aussicht einer zivilisatorischen Auslöschung. Zu den größeren Herausforderungen, vor denen Europa stehe, gehörten die Aktivitäten der Europäischen Union und anderer transnationaler Institutionen, die politische Freiheit und Souveränität unterminierten, eine Migrationspolitik, die den Kontinent verwandle und Konflikte erzeuge, Zensur der freien Meinungsäußerung und Unterdrückung politischer Opposition, ein dramatischer Einbruch der Geburtenraten sowie der Verlust nationaler Identitäten und des Selbstvertrauens.

Eine interessante Randnotiz findet sich im Politico Interview, in dem Präsident Trump die Europäer dafür lobt, dass sie sich zu Verteidigungsausgaben in Höhe von fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts entschlossen hätten, zugleich aber mutmaßt, dass sie dieses Geld lediglich für Rüstungskäufe zugunsten der Ukraine ausgeben würden.

Auf dieser Basis, so sagt es die US Strategie voraus, werde Europa in zwanzig Jahren nicht wiedererkennbar sein. Etliche europäische Länder würden dann keine verlässlichen Verbündeten mehr sein. Die USA wollten daher, dass Europa sein zivilisatorisches Selbstbewusstsein zurückerlange und seinen falschen Fokus auf erstickende Regulatorik aufgebe. Dieser Mangel an Selbstbewusstsein beeinflusse auch die Beziehungen zwischen Europa und Russland. Hier müssten die USA ein starkes Management übernehmen, um einen Konflikt zwischen Russland und Europa zu begrenzen.

Immerhin gelte aus US Sicht, dass Europa keinesfalls abgeschrieben werden dürfe. Vielmehr müsse man Europa helfen, im Einklang mit den USA zu arbeiten, damit kein Gegenspieler einen dominanten Einfluss über das geschwächte Europa gewinne. Zugleich sei zu berücksichtigen, dass mit einiger Plausibilität einige NATO Mitgliedsstaaten in einigen Jahrzehnten mehrheitlich nicht europäisch sein würden. Ob sie dann noch in der heutigen Weise NATO Partner der USA sein könnten, sei eine offene Frage.

Am Schluss des Europa Teils nennt die Strategie folgende Prioritäten. Erstens die Wiedererrichtung von Bedingungen der Stabilität innerhalb Europas und mit Russland. Zweitens die Befähigung Europas, auf eigenen Füßen zu stehen und als Gruppe abgestimmter souveräner Nationen zu agieren. Drittens das Pflegen des Widerstands gegenüber dem in den europäischen Nationen heute vorherrschenden langfristigen Pfad. Viertens das Öffnen der europäischen Märkte für US Güter und Dienstleistungen bei zugleich fairer Behandlung von US Arbeitern und Unternehmen. Fünftens der Aufbau gesunder Nationen in Zentral Ost und Südeuropa durch Wirtschaftsbeziehungen, Rüstungsverkäufe und politische Zusammenarbeit. Sechstens die Beendigung der Vorstellung, die NATO sei eine sich beständig erweiternde Allianz. Siebtens die Ermutigung Europas, sich gegen chinesische Handelsüberschüsse, Technologiediebstahl, Cyberspionage und andere feindselige Wirtschaftspraktiken zu wehren.

Soweit der Blick der US Strategie auf uns Europäer. Was bedeutet dies nun für unseren Blick auf die USA. Hier gehen die Einschätzungen auseinander. Spricht man mit hochrangigen deutschen Militärs im Dienst der NATO, wird versichert, die Zusammenarbeit mit den USA habe sich nicht verändert und werde sich auch nicht verändern. Auch wird die Strategie zweigeteilt gesehen, zum einen als politisches MAGA Papier mit entsprechender politischer Halbwertzeit, zum anderen als ein durchaus abgewogenes außen und sicherheitspolitisches Dokument.

Hört man auf vertraute sicherheitspolitische Kommentatoren, versetzt uns die Strategie ins sprichwörtliche Bergfreie. In Trumps erster Amtszeit hofften die Europäer vor allem darauf, seine vier Jahre irgendwie zu überstehen und danach zu einer vermeintlichen transatlantischen Normalität zurückzukehren. Dies schien mit den vier Jahren unter Präsident Biden tatsächlich zu gelingen, war aber ein trügerischer Zwischenzustand. Da auch in den USA das Militär dem Primat der Politik zu folgen hat und diese Politik heute stärker ideologisch fundiert agiert als in der ersten Amtszeit Trumps, spricht vieles dafür, sich dieses Mal grundsätzlicher auf die Lage einzustellen.

Es geht hier um deutlich mehr als eine bloße Schelte gegen Europa. Es geht um unseren Platz im gerade erst beginnenden geopolitischen Kräftemessen zwischen den USA und China. Aufhorchen lassen sollte uns ein Satz in der Strategie, wonach sich etwa die deutsche Chemieindustrie in immer größere und riskantere Abhängigkeiten begibt, etwa durch Anlageninvestitionen in China unter Nutzung russischen Gases. Daraus leitet sich eine zentrale europäische Aufgabenstellung ab, nämlich wie wir die Europäische Union wieder zu einem Faktor geopolitischer Stärke machen, anstatt sie mit Überregulierung und komplexen Entscheidungsmechanismen zu einem Faktor struktureller Verteuerung europäischer Produkte im globalen Wettbewerb werden zu lassen.

Insbesondere gilt es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir mit dem Ziel der Klimaneutralität umgehen wollen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union tragen derzeit mit etwa 6,4 Prozent zum weltweiten Kohlendioxidausstoß bei, davon Deutschland mit knapp zwei Prozent, während die drei größten Emittenten China, USA und Indien zusammen rund fünfzig Prozent des globalen Ausstoßes verantworten, sich jedoch kaum um Klimaneutralität kümmern oder sich explizit von diesem Ziel verabschiedet haben. Die Befürchtung liegt nahe, dass eine konsequente Durchsetzung von Klimaneutralität in der Europäischen Union gegenüber China, den USA und Indien weitere Wohlstandsverluste mit sich brächte, die uns in den Augen amerikanischer und chinesischer Strategen zunehmend in Abhängigkeiten treiben würde.

Präsident Macron formulierte im Frühjahr 2025 bei der Eröffnung des Shangri La Dialogs in Singapur, dass wir Europäer nie in die Lage kommen dürften, zwischen den USA und China wählen zu müssen. Dabei erneuerte er seinen Ruf nach strategischer Autonomie Europas, ohne freilich zu sagen, wie diese erreicht werden soll. Eine andersartige Antwort gibt nun die US Strategie. Danach sollen die einzelnen europäischen Länder überhaupt erst einmal die Chance erhalten, sich als verlässliche Juniorpartner an der Seite der USA zu qualifizieren. Das Ergreifen dieser Chance wird aus amerikanischer Sicht über kurz oder lang auch mit dem geopolitischen Schutz einhergehen, den etwa eine nukleare Teilhabe bedeutet.

Genau dies macht vor allem eines deutlich. Als Deutschland haben wir sicherheitspolitisch keine andere Wahl, als uns weiter an die Seite der Amerikaner zu stellen.

Dr. Hans Christoph Atzpodien ist seit 2017 der Hauptgeschäftsführer des BDSV (Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V.). Zuvor war er mehrere Jahre Mitglied des Vorstandes und später Präsident des BDSV. Von 1997 bis 2001 war er CEO der Thyssen (Krupp) Transrapid System GmbH in Kassel. Zudem war Dr. Hans Christoph Atzpodien im Jahr 2015 Mitglied des Vorstands Business Area Industrial Solutions /ThyssenKrupp Industrial Solutions AG in Essen. Dr. Atzpodien ist überdies Mitglied des Beirats des Sicherheitsforums Deutschland e.V. 

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