Da waren es schon 78 – Besser aufgestellt mit einem Nationalen Sicherheitsrat

Ein Beitrag von Christina Moritz

Noch bis vor kurzem schätzte man die Zahl der Staaten mit Nationalem Sicherheitsrat (NSR) auf etwa 68. Jetzt sind es bereits bis zu 78 Länder, und über 60 haben vergleichbare Modelle. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Länder weltweit über permanente übergeordnete Institutionen, Strukturen oder Verfahren nationaler Sicherheitsvorsorge verfügt. Seit dem 27. August 2025 zählt auch Deutschland zu Ihnen.


Ein internationaler Rundumblick lohnt in vielerlei Hinsicht. Denn die Bundesrepublik steht mit ihrem NSR-Nukleus im Bundeskanzleramt erst am Anfang eines Institutionalisierungsprozesses und des gesamtgesellschaftlichen Umdenkens. Doch schon das eröffnet neue Perspektiven und Möglichkeiten, die es angesichts der zugespitzten Sicherheitslage dringend braucht.
Tatsächlich scheint die Bundesrepublik in einer Phase angekommen zu sein, in der Maßnahmen staatlicher Sicherheitsvorsorge nicht mehr durch parteipolitisches Gerangel und Taktieren diktiert bis ausgebremst, sondern an einer umfassenden, objektiven Gesamtanalyse ausgerichtet werden. Mit dem Nationalen Sicherheitsrat als zentraler Koordinierungsinstitution ist dies endlich möglich. Die Chancen, von der Entwicklung getrieben oder durch Beeinflussung, Unterwanderung und Einschüchterung von dringend notwendigen Maßnahmen abgelenkt oder abgehalten zu werden, schwinden mit jedem Tag der fortschreitenden Etablierung des NSR im Kanzleramt. Nicht zuletzt mit der bereits nach der ersten Sitzung praktizierten Wahrung der Geheimhaltung konkreter Schritte.
Wer gegen den hybriden Krieg Russlands bestehen will, tut gut daran, seine Strategie nicht in aller Öffentlichkeit darzulegen. Für diesen Weg hat sich die Bundesregierung richtigerweise entschieden. Deutschland schickt sich damit an, auch auf Ebene der Sicherheitsräte weltweit ein ernstzunehmender Akteur und Kooperationspartner zu werden. Davon dürften alle Beteiligten und die Schlagkraft internationaler sicherheitspolitischer Zusammenarbeit insgesamt wesentlich profitieren. Und zwar in jedem Stadium der Informationsgewinnung, Analyse, des gegenseitigen Austauschs und der gemeinsamen, langfristigen Strategiebildung.

Nationale Sicherheitsräte gibt es in allen Weltregionen. Sie entstanden nicht gleichzeitig, sind unterschiedlich groß und in den verschiedensten Staatsformen verankert, dienen aber überall demselben Zweck: bestmöglich für Nationale Sicherheit zu sorgen. © Christina Moritz
Nationale Sicherheitsräte – ein Modell im Wandel?
Bisher entstanden die meisten Nationalen Sicherheitsräte anlassbezogen, als Reaktion auf einen direkten militärischen Konflikt oder Angriff, einen terroristischen Anschlag und infolge politischer Umbrüche. Inzwischen sind weniger „greifbare“ hybride Bedrohungen hinzugekommen. Russische Unterwanderung, Beeinflussung politischer Prozesse und Meinungsbildung wirken, wenn ihnen nicht Einhalt geboten wird, ebenso destabilisierend und zerstörerisch. Und das ohne jeglichen Einsatz herkömmlicher Waffensysteme, sondern mit der Gesellschaft als Ziel und Instrument zugleich.
Rund 80 Prozent der Staaten mit NSR betrachten Nationale Sicherheit als zentral zu bearbeitende Aufgabe. Ihnen geht es primär um den Schutz von Staatsgebiet und Bevölkerung im Angriffs- oder Katastrophenfall. Überwiegend noch nach dem Muster der klassischen Zweiteilung zwischen militärischer und innerer Sicherheit sowie mit besonderem Fokus auf die Arbeit der Nachrichtendienste.
Die Besetzung der jeweiligen Räte spiegelt zumeist eine stringente Abwägung nach Relevanz eines Ressorts für die Nationale Sicherheit wider. Nicht immer gänzlich unabhängig vom Willen der Staatsführung oder Staatspartei, aber in der Regel mit einem sachlich-pragmatischen Ansatz. Doch Reformen bereits lange bestehender Nationaler Sicherheitsräte in den letzten Jahrzehnten legen nahe, dass Neujustierungen des Gremiums unerlässlich sind, um im Kampf gegen Bedrohungen vielfältigster Art zu bestehen.
Deutschland ist offenkundig das einzige Land, welches das Entwicklungsministerium zum ständigen NSR-Mitglied gemacht hat. Anderes gilt für das Finanzressort, das auch in Australien, Brasilien, Frankreich, Indien, Japan, Kanada, Schweden, Spanien, im Vereinigten Königreich oder in den USA permanent im Rat sitzt. Ob die Bundesrepublik neben den Ressorts über den geplanten vorbereitenden Ausschuss auch externe Expertise aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Gesellschaft nutzbar machen kann, bleibt – solange dieser noch nicht geschaffen ist – abzuwarten. Ebenso, ob das Beispiel womöglich von anderen Staaten aufgegriffen und dort Schule machen wird.

Der älteste Nationale Sicherheitsrat ist der 1947 eingerichtete U.S. National Security Council. Seither gab es fünf Gründungswellen, die insbesondere mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, den Terroranschlägen auf die USA 2001 und in Spanien 2004, dem Angriff auf die Ukraine 2022 sowie regionaler Konfliktgeneigtheit und Revolutionen einhergingen. © Christina Moritz
Einstweilen besteht die prioritäre Aufgabe für die Bundesrepublik darin, den NSR-Nukleus zum 1. Januar 2026 arbeits-, vor allem aber zusätzlich zum Tagesgeschäft vorausschau- und strategiefähig zu machen. Voraussetzung hierfür wäre ein vollständiges umfassendes Lagebild. Allein das ist bereits Herausforderung genug. Denn die eklatanten Lücken des bisherigen Informationsaustausches sind das Ergebnis eines jahrzehntelang ungebremsten Behörden-Wildwuchses gepaart mit Machtdenken. Auch hier ist ein grundlegender Wandel, genauer gesagt die Auflösung von Kästchendenken, Doppelungen und Verkrustungen geboten.
In der Gesamtschau sind Nationale Sicherheitsräte stets die institutionelle Antwort auf akute oder latente Bedrohungen und schwelende Konflikte, gleich in welcher Weltregion. Deutschland kann aus den bisherigen Erfahrungen schöpfen, gleichzeitig aber auch eigene Akzente setzen. Insbesondere in Anlehnung an das skandinavische Konzept der Gesamtverteidigung. Was Aufgabe des Staates ist, soll dies auch bleiben – und ist um neue Dimensionen wie Cyber oder Künstliche Intelligenz zu ergänzen.
Gleichwohl wird die Bevölkerung einen eigenen Beitrag der Mitwirkung auf der Mikro-Ebene leisten müssen. Zusammenhalt, gegenseitige Fürsorge sowie gesamtgesellschaftliche Vorsorge und Vorbereitung werden zunehmend wichtiger. Diese Einsicht, und umso mehr deren Umsetzung, wird etwa bei autokratischen Staatslenkern nicht immer verfangen. Je gravierender jedoch etwa die Auswirkungen des Klimawandels auch deren Gebiet heimsuchen, desto mehr könnte das Interesse an Austausch und Kooperation zumindest in diesem Bereich wachsen.
Aller Anfang ist klein
Was wäre, wenn Moskau im nächsten Jahr einen Angriff startete, um kritische Infrastrukturen lahmzulegen? Es träfe mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf deutlich mehr Gegenwehr als von russischen Strategen bis dato erwartet. Nicht nur bei der Drohnenabwehr, sondern im gesamten Spektrum. Denn der Nationale Sicherheitsrat hat bereits sein erstes Schutzkonzept beschlossen und die Wehrpflicht ist auf den Weg gebracht. Unabhängig davon, wie weit der NSR-Unterbau oder die Vorbereitung der Menschen im Lande schon gediehen wären – Russland könnte sich nicht sicher sein, welche militärischen aber auch Selbstheilungs-Kräfte Staat und Gesellschaft in der Bundesrepublik gerade mithilfe des NSR bereits entwickelt hätten. Nicht zuletzt im Verbund mit Verbündeten und internationalen Partnern.
Mag der Nationale Sicherheitsrat heute noch so klein und rudimentär ausgestattet sein, umso wirkungsmächtiger kann er schon in wenigen Monaten agieren. Bringt er doch jene an einen Tisch, die bisher wenig konstruktiv zusammengearbeitet haben. Überdies ist die Systematik von Fake News und staatlich gesteuerten Terrorakten auf niederschwelligem Niveau längst entlarvt. Bange machen gilt nicht mehr.
Allerdings drängt die Zeit, dass der Nationale Sicherheitsrat eine finale Arbeitsstruktur einnimmt, damit unmittelbare Bedrohungen wie Drohnen zerstört und neben diesem Tagesgeschäft langfristige Strategien entwickelt werden können. Deutschland hat wohl kaum die Option, den Rat wie andere Staaten jahrzehntelang weiterzuentwickeln. Das Werk muss im Zeitraffer-Tempo gelingen, wofür Schweden ein sehr gutes Vorbild ist.
Letztlich kann und sollte die Bundesrepublik aus den Schritten anderer lernen, aber einen eigenen Weg finden, der nicht nur sich extrem dynamisch entwickelnde Bedrohungen, technologische Entwicklungen und die unvermeidbaren Konsequenzen der Erderwärmung im Blick hat. Entscheidend wird sein, ein politisches Gefüge und eine Gesellschaft, die massiver Beeinflussung durch Russland ausgesetzt sind, konstruktiv und proaktiv für das Vorhaben einzunehmen und zum Mitmachen anzuregen. Am Ende ist all dies eine Frage wohlübergelegter Organisation Nationaler Sicherheit.
Die Bundesregierung hat ihre Bringschuld diesbezüglich erbracht. Nun, da sich in der Gründung des Nationalen Sicherheitsrates der politische Willen und die Entschlossenheit und Fähigkeit Deutschlands manifestieren, sich zur Wehr zu setzen, ist das Glas mindestens halb voll. Mitsprache der Bevölkerung oder der Kommunen und die Integration ressort-externer Fachleute in die Arbeit des Nationalen Sicherheitsrates – diese Variante gibt es nicht in vielen Staaten.
Und doch liegt angesichts einer sich rasant verändernden Gefährdungslage genau in der Kombination Staat/ Gesellschaft das Rezept für dauerhaften Erfolg. Deutschland ist mit dem NSR deutlich schneller schlagkräftig aufgestellt, als es der lange, erbitterte Streit und die Institution erwarten ließ. Und das wird es mit Sicherheit national und im internationalen Verbund zu nutzen wissen.
Die Berliner Politologin Christina Moritz forscht und promoviert zu ihrem Modell für einen deutschen Nationalen Sicherheitsrat, das sie 2016 erstmals vorgestellt hat. Nachdem sich die Expertin für die Schaffung des NSR eingesetzt hat, befürwortet sie seine Weiterentwicklung zum Steuerungsinstrument gesamtgesellschaftlicher Resilienz.
Der Beitrag ist im Original Hardthöhen-Kurier Ausgabe 6/2025 (Dezember 2025) erschienen. Die Redaktion dankt für die freundliche Genehmigung der Zweitverwertung.
21. Dezember 2025
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